Gesellschaft 26. Februar 2026, von Stefan Welzel

Als der Hexenwahn auch in Zürich Mainstream war

Geschichte

In Armut aufgewachsen und als Aussenseiterin verachtet, wurde Elsbetha Bünzli aus Uster 1656 hingerichtet, weil sie mit dem Teufel im Bunde gestanden haben soll. 

Es sind entsetzliche Details, die sich auf über 100 Seiten Verhörprotokollen aus dem Jahr 1656 nachlesen lassen. Die aus Uster stammende, 44-jährige Elsbetha Bünzli wurde wochenlang einer Streckfolter ausgesetzt. Immer und immer wieder liessen die Untersuchungsrichter die der Hexerei beschuldigte Frau an den am Rücken gefesselten Armen aufhängen. Die Qualen während dieser Form der «peinlichen Befragung» steigerten zusätzliche Gewichte an den Füssen. 

Letztlich gestand Bünzli die ihr zur Last gelegten Verfehlungen. Sie wurde wegen Teufelsbündnis zum Tode verurteilt. Ein Leben voller Erniedrigungen, Armut und Ausgrenzung endete am 6. August 1656 auf dem Zürcher Richtplatz, einer Sandbank in der Sihl, wo sie geköpft und danach verbrannt wurde. 

Dass wir dies alles und noch viel mehr über Elsbetha Bünzli wissen, ist den erwähnten Protokollen zu verdanken. Ausgewertet und transkribiert wurden sie schon vor über zehn Jahren vom Alt-Staatsarchivar des Kantons Zürich Otto Sigg, der sich in seiner Publikation aus dem Jahr 2019 mit den Hexenmorden auf Zürcher Hoheitsgebiet auseinandersetzte. Rund 80 Fälle zählte Sigg zwischen 1487 und 1701. 

Die Macht des Patriarchats 

Eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen, Diskussionen und Lesungen widmet sich nun dem tragischen Schicksal Bünzlis. Durch das Scheinwerferlicht, das Expertinnen und Experten auf diesen Fall der Hexenverfolgung legen, erfährt das Publikum einiges über die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umstände, die in Mitteleuropa in jener Übergangszeit vom Spätmittelalter bis in die aufklärerische Moderne herrschten. Und vor allem viel über die Mentalität und den Glauben der Menschen. 

Einer dieser Experten, die sich eingehend mit Elsbetha Bünzli auseinandergesetzt haben, ist der Historiker Paul Brändli. Je mehr sich der pensionierte Kantonschullehrer in das Thema einarbeitete, desto deutlicher setzte sich in ihm die Erkenntnis fest, dass «der Hexenglaube nicht ein Wahn einer Minderheit, sondern Mainstream war», wie er im Gespräch mit «reformiert.» erklärt. 

Der Brandbeschleuniger 

Das Denken der Menschen sei bis zur Aufklärung stark von volksmagischen Bräuchen und Ideen geprägt gewesen, sagt Brändli. In Verbindung mit dem Buchdruck vermochte sich die massenhafte Verbreitung der «irrwitzigen Vorstellungen von Hexensabbat und Teufelsbuhlschaft verstärkt durchzusetzen und wurde zu einer intersubjektiven Wirklichkeit», erklärt Brändli. 

Oder mit anderen Worten: Es war weit verbreiteter Zeitgeist, an dämonische Machenschaften zu glauben, denn für Plagen wie Krankheiten oder Naturkatastrophen fehlten die wissenschaflichen Erklärungen. Die Lücke füllte der fatale Irrglaube.

Zudem prägten strenge hierarchische und patriarchale Strukturen den Alltag. Frauen standen dabei verleumderischen Anschuldigungen noch schutzloser gegenüber als Männer. In den frühen Jahren der Hexenverfolgungen war die Zahl der hingerichteten Männer noch hoch gewesen. «Über die ganze Zeit der europäischen Hexenverfolgungen hinweg betrachtet, waren aber etwa 80 Prozent der rund 60 000 Opfer Frauen», sagt Brändli. In der Mehrzahl handelte es sich um randständige, arme, oft schon ältere Frauen. 

Sexuelle Gewalt 

In diesem gesellschaftlichen Umfeld hat Elsbetha Bünzli aus dem Ustermer Weiler Nossikon schon einen denkbar schwierigen Start in ihr Erwachsenenleben: 1629 ist Elsbetha erst 17 Jahre alt, als ihre Eltern an der Pest sterben. Die fünf Kinder erben ein überschuldetes Häuschen. Ihre Verarmung und die soziale Ausgrenzung spitzen sich über die Jahre zu. 

Die schwierige Situation der Bünzli-Schwestern wurde von den Männern ausgenutzt.
Paul Brändli, Historiker

Elsbetha erlebt wiederholt sexuelle Gewalt. Sie und ihre Schwester Verena werden verleumdet. Elsbetha wird nicht als Opfer gesehen, sondern der Verführung beschuldigt. Vermutlich treibt die Not die Frauen tatsächlich in die Prostitution. «Ihre schwierige Situation wurde von den Männern ausgenutzt, sie wurde immer wieder vergewaltigt», sagt Historiker Brändli. 

Die Schwestern geraten in Verruf in der Gemeinde. Elsbetha wird mit 24 Jahren ein erstes Mal wegen einer Affäre gefoltert und verurteilt. Die Strafe: Mit dem Halseisen kommt sie an den Pranger. 

20 Jahre später werden der Turm und der Chor der Kirche Uster bei einem Hagelsturm stark beschädigt. Der Verdacht fällt auf Elsbetha und Verena Bünzli. Deren angeblich lasterhafter Lebenswandel soll Gottes Zorn hervorgerufen und das Ereignis provoziert haben. 

Überhaupt spielen Katastrophen eine nicht zu unterschätzende Rolle als Beschleuniger der Hexenverfolgungen in Europa. Seuchen, Hungersnöte oder Wirtschaftskrisen – vieles davon Folge der sogenannten kleinen Eiszeit ab Ende des 16. Jahrhunderts – führen dazu, dass man Schuldige am Rande der Gesellschaft sucht und findet. 

Der Einfluss Bullingers 

Die rasante Zunahme der Prozesse in Zürich zu jener Zeit, und rund 100 Jahre vor dem Fall Bünzli, fällt mit dem Wirken Heinrich Bullingers zusammen. Anders als sein Vorgänger Zwingli, der sich nicht zum Hexenwesen äusserte, habe Bullinger 1571 in seiner Schrift «Wider die schwarzen Künste» zur unerbittlichen Verfolgung aufgerufen, sagt Brändli. Ab 1574 erschienen zahlreiche Auflagen des berüchtigten Hexenhammers, der auch in reformierten Gegenden verbreitet war.  Der Historiker hält aber fest, dass es mit Blick auf Verfolgungen keinen signifikanten Unterschied zwischen katholischen und protestantischen Gebieten gab. 

Den Bünzli-Schwestern und Elsbethas unehelichem Sohn Hans wird nicht in Uster, sondern in Zürich der Prozess gemacht. Verena wird begnadigt, Hans des Landes verwiesen. Elsbetha legt, zermürbt von der Folter, das Geständnis ab. Die Richter kennen keine Gnade. Die schon bald anbrechende Epoche der Aufklärung kam für die zum Tod Verurteilte zu spät.

Elsbetha Bünzli: Eine Spurensuche

Die Veranstaltungsreihe «Elsbetha Bünzli: heimgeholt. Hexenverfolgung in Uster. Eine Spurensuche» der Kirchgemeinde informiert über das Leben der zum Tod verurteilten Frau aus Nossikon. Dazu gehören unter anderem eine Plakatausstellung, Lesungen und ein Podiumsgespräch. 

Programm: www.refuster.ch/elsbetha_buenzli_heimgeholt