Maayan Baram hält ihre Hände wie Trichter an die Ohren. «Nehmt euch Zeit zu hören, was um euch herum passiert», sagt sie auf Englisch und gibt den Einsatz. «Der Ort, an dem wir recht haben», singen die 65 Sängerinnen und Sänger im Halbkreis vor ihr. Hart, im Staccato, betonen sie mehrstimmig das Wort «recht». Als der Abschluss des schwierigen zeitgenössischen Stücks nicht sauber klappt, erfüllt Gelächter die Turnhalle des Volksmusighus, einst das Schulhaus von St. Antönien. Die Dirigentin Maayan Baram setzt sich an den Flügel, lässt die Stimmgruppen ein paar Takte einzeln singen.
Die Gruppe, die an diesem Vormittag Mitte August im Bündner Bergdorf probt, ist ein Projektchor. Dass sie sich zusammengefunden hat, ist angesichts der Weltpolitik und ihrer Auswirkungen erstaunlich: Der Schweizer Chor Inter Kultur singt gemeinsam mit dem israelischen Ensemble Sonora aus Tel Aviv und dem palästinensischen Jerusalem Knights Choir die Stücke für fünf Konzerte in verschiedenen Schweizer Städten. Der Titel des Programms: «Wind of Change».
Veränderung im Kopf
Mehrfach sei das Projekt auf der Kippe gestanden, sei unklar gewesen, ob der Flughafen geöffnet sei, die Chormitglieder aus Israel anreisen könnten, sagt der künstlerische Leiter des Chors Inter Kultur, Fortunat Frölich, in einer Probenpause. «Aber unsere Entschlossenheit wuchs, und es hat geklappt.» Leute aus unterschiedlichen Kulturen zusammenzuführen, ist Frölichs Konzept: Seit 2011 organisiert er Chorprojekte mit ausländischen Ensembles und Konzerten in deren Land sowie der Schweiz. Das Nahost-Projekt weicht davon ab: Der Schweizer Chor wird nicht nach Israel reisen. «Auch suchte ich wegen der schwierigen Lage im Nahen Osten für die Projektleitung jemand Betroffenes aus der Region.»
In Maayan Baram, die jüngst ihren Master in Chorleitung an der Zürcher Hochschule der Künste beendet hat, wurde er fündig. Die Israelin stellte den Kontakt zum Ensemble Sonora her. Dessen Leiterinnen schlugen die Jerusalem Knights als palästinensisches Pendant vor.
