Gesellschaft 11. Juni 2026, von Delf Bucher

Jean Ziegler zwischen Evangelium und Revolution

Nachruf

Jean Ziegler ist tot. Die Nachrufe stellen vor allem den homo politicus heraus. Dabei war für den Soziologen und international renommierten Publizisten Religion keine Nebensache.

Jean Ziegler ist im Jahr 2015 achtzig Jahre alt, als er kurz vor der Abfahrt nach München, wo er als Hauptredner am Gegengipfel zum G7‐Treffen auftritt, «reformiert.» ein Interview gibt. Darin erzählt er eine prägende Szene seiner Kindheit. 

Wie jeden Donnerstag fährt der Sohn des Gerichtspräsidenten an einem kalten Novembertag 1948 mit seinem blitzblanken Velo am Viehmarkt vorbei. Verdingbuben, schlotternd und ärmlich gekleidet, hüten das Vieh, während die Grossbauern in der warmen Beiz Berner Platte essen. 

Abends stellt er seinem Vater die Frage, die ihn sein ganzes Leben nicht loslassen wird: Warum hungern die Verdingbuben, während sich die reichen Bauern den Bauch vollschlagen? Warum ist die Welt so ungerecht? «Mein Vater antwortete mir als guter Calvinist: Das hat Gott so eingerichtet. Das sei eine gottgewollte, unveränderliche Ordnung,» sagte damals Ziegler. 

Revolutionäre Jesus-Worte

Später, beim Studium der Soziologie in Paris, begegnet Hans Ziegler nicht nur Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir – sie rät ihm, seinen Vornamen in Jean zu ändern –, sondern auch dem Jesuiten Michel Riquet. Der Retter jüdischer Kinder und Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Okkupation, der das KZ Dachau überlebte, liest mit Ziegler die Bibel – mit besonderem Augenmerk auf das Matthäus-Evangelium. 

Der revolutionärste Text der Welt steht im Matthäus-Evangelium.
Jean Ziegler

«Der revolutionärste Text der Welt», sagt Ziegler, «steht im Matthäus-Evangelium», und zitiert: «Ich war hungrig, ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war gefangen, ihr habt mich besucht, ich war durstig, ihr habt mir zu trinken gegeben.» Die Bibelgespräche mit Riquet bewegen Ziegler, den getauften Reformierten, dazu, zum katholischen Glauben überzutreten.

Der gottesgläubige «Bolschewik» 

Marx und Gott – so lässt sich die Jean-Ziegler-Formel beschreiben, die die Genfer Zeitung «Le Temps» einst in einer Überschrift zuspitzte: «Marx + Dieu = Jean Ziegler». In einem weiteren Interview, zwei Jahre später ebenfalls in «reformiert.» erschienen, sagt er: «Die Bergpredigt ist ein revolutionärer Text, viel deutlicher noch und besser als das kommunistische Manifest.» 

Die Internationale der Kommunisten und Sozialisten vermengt sich beim Kosmopoliten Ziegler mit der katholischen Weltkirche. Für strenggläubige Katholiken wie für linientreue Kommunisten muss es schrill klingen, wenn Ziegler einem Redaktor von «Le Temps» anvertraut: «Ich bin ein Bolschewik, der an Gott glaubt.» Lenin, sagt Ziegler, habe festgestellt, dass Jesus als Erster den «wahrhaftigen Sozialismus» gepredigt habe.

War es politische Naivität oder Ignoranz gegenüber der sozialen Wirklichkeit Kubas, dass Ziegler bis zum Schluss für Fidel Castro ein gutes Wort einlegte?

Dass Bolschewismus und Lenin mit dem christlichen Glauben verknüpft werden, kann zu Recht als ahistorisch kritisiert werden. Die auf die russische Revolution folgende Verfolgung der Christen gehört zur Schreckensgeschichte der Sowjetunion. Lenin und Jesus in einem Atemzug zu nennen, irritierte das Publikum schon immer. Seine erst spät bereute Loyalität zu Autokraten wie Mugabe, Maduro oder Gaddafi fehlt heute in kaum einem Nachruf. 

War es politische Naivität oder Ignoranz gegenüber der sozialen Wirklichkeit Kubas, dass Ziegler bis zum Schluss für Fidel Castro ein gutes Wort einlegte? An dieser Frage arbeiten sich derzeit viele Nekrologe ab und machen sie zur Messlatte für die Beurteilung seiner Lebensleistung. 

Vielleicht spiegelt sich darin auch ein Stück Schweizer «Bünzlitum»: Der «einzige Schweizer Welt-Intellektuelle» («Le Temps») war zu gross für den Kleinstaat. Mit seinen in viele Sprachen übersetzten und in Millionenauflage gedruckten Büchern wirkte er in die Welt hinein wie kaum ein anderer.

Die Hände Gottes 

In der Lebensbilanz des Schweizer «Nestbeschmutzers» stehen zahlreiche Positiva zu Buche, über die heute gerne hinweggesehen wird. Hat nicht sein zugespitztes Pamphlet gegen den Bankenplatz («Die Schweiz wäscht weisser») aufgrund seiner internationalen Rezeption den Druck auf das verlogene Schweizer Bankgeheimnis erhöht? Bereiteten seine Bücher, die die Machenschaften Schweizer Konzerne im globalen Süden ausleuchteten, nicht den Boden für den Erfolg der Konzernverantwortungsinitiative, die 2020 immerhin ein Volksmehr an der Urne erreichte? 

Und seine mit grosser Dringlichkeit vorgebrachten Appelle als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung trugen dazu bei, dass der Kampf gegen den Hunger in der Agenda 2030 unter dem Titel «End Hunger» als zweites Ziel verankert wurde. Der aktuelle Welthungerindex mit 18, 3 Millionen unterernährten Menschen zeigt jedoch, dass dieses Ziel bis 2030 bei weitem nicht erreicht werden kann. 

Dass auf einer Welt mit einem so reich gedeckten Tisch Menschen verhungern, das ist Mord.
Jean Ziegler

«Dass auf einer Welt mit einem so reich gedeckten Tisch Menschen verhungern, das ist Mord», sagte Ziegler 2017 gegenüber «reformiert.». Wäre er noch am Leben, würde der Genfer die Staatschefs der mächtigen G7 bei ihren Gipfel in Evian wohl weiterhin lautstark daran erinnern.

Seine Wut über den Hunger in der Welt war für ihn nicht nur politisch motiviert, sondern tief religiös grundiert. Der von ihm oft zitierte Satz des französischen Schriftstellers Georges Bernanos war auch seine Lebensmaxime: «Gott hat keine anderen Hände als die unseren.»