Wenn Traumatisierte anderen Betroffenen helfen, ist das eine unterschätzte Ressource – oder eine riskante Notlösung?
Andreas Maercker: Dieser, wie man ihn auch nennt, Peer-to-Peer-Ansatz bringt vieles Gute, ist aber nicht die Lösung für alles.
Wann kann er besonders hilfreich sein?
Besonders bewährt ist er in der interkulturellen Psychotraumatologie. Dort sind die Peers der eigenen Kultur oft den von aussen kommenden Helfenden weit überlegen. Diese externen Helfenden können die Peers, die sich als Berater und Beraterinnen zur Verfügung stellen, zwar zu Beginn anleiten, aber dann können die Peers aus der gleichen Kultur oft mehr erreichen. Das gleiche gilt für die Arbeit mit Geflüchteten beispielsweise in Europa.
Warum richten Floskeln im schlimmsten Fall mehr Schaden als Hilfe an?
Es wird allgemein bekannt sein, dass Sätze wie: «Du wirst schon darüber hinweg kommen»; «Orientiere Dich nach vorn» oder «Versuche es zu vergessen» nichts bringen. Subtilere Sätze, mit denen man etwas falsch machen kann, sind «Du brauchst mir nichts zu erzählen, wenn du nicht willst».
Das wirkt wahr und freundlich?
Einerseits ist da etwas dran, denn auch Traumatisierte haben ein Recht auf Schweigen. Andererseits werden vielleicht Signale überhört, dass die Betroffenen, wenn die Beziehung zu den Fragenden stimmt, doch etwas erzählen wollen – sogar unbedingt etwas erzählen wollen. Besonders hilfreich ist es, den Traumabetroffenen die Möglichkeit zu geben, sich zu öffnen. In Therapeutensprache heisst das «Konfrontation» oder «Selbstkonfrontation» – und die ist wirksam. Auch Schuld- und Schamgefühlen sollte Raum gegeben werden und sie auf keinen Fall, «weil sie nicht logisch sind» weggewischt werden.
Weshalb wollen wir besonders bei langanhaltenden Traumata wie jenem des Sudankriegs kaum mehr hinsehen?
Es ist die noch grössere Hoffnungslosigkeit des grösseren Gesamtkontexts, die belastet. Das fängt schon mit Hunger und anderen existenziellen Nöten an und geht bis zur Ignoranz, den die Weltgemeinschaft oder auch eben wir Menschen in anderen Ländern gegenüber dem Leiden der kriegstraumatisierten Sudanesen und Sudanesinnen haben.
Das heisst, wer es in die Schlagzeilen schafft, kann besser mit dem eigenen Trauma umgehen?
Ja, wer zu einer Opfergruppe gehört, die es irgendwie geschafft hat, in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit zu kommen, hat eine etwas geringe Traumalast. Dazu kommt im Fall des Sudan, dass kulturangemessene Angebote der Traumatherapie und -beratung äusserst rar sind. Und die wären einfach der beste Weg.
