Damit Kultur auch hinter der Bühne inklusiv wird

Inklusion

Der Kulturort «Heitere Fahne» hat eine Lehre für Menschen mit Lernschwäche lanciert. Die Ausbildung zum Kulturmacher oder zur Kulturmacherin ist ein Novum im Bereich Inklusion.

Einen Event planen, im Backstage die Künstler und Künstlerinnen betreuen, dem Publikum die Türen öffnen und eine Band auf der Bühne ansagen – die anspruchsvollen Aufgaben einer Kulturmanagerin oder eines Kulturveranstalters zu meistern, können nun auch Menschen mit besonderen Lernvoraussetzungen lernen. Der inklusive Kulturort «Heitere Fahne» in Wabern bei Bern lanciert dieses Jahr die «Praktische Ausbildung (PrA) Kulturmacher*in». 

Die PrA ist eine zweijährige Berufsbildung für Schulabgänger und -abgängerinnen mit Lernschwierigkeiten, für die eine EBA- oder EFZ-Lehre nicht oder noch nicht infrage kommt.

Inklusion auch hinter den Kulissen

«Wir sind überzeugt, dass es neben diversen Künstlern und Künstlerinnen auch Diversität im Personal braucht, um ein diverses Publikum anzusprechen», sagt Selina Wälti. Die Sozialarbeiterin ist Teil des Teams der Heitere Fahne und hat das neue Angebot mitkonzipiert.

Inklusion hat sich die Institution schon lange auf die Fahne geschrieben. So stehen hier immer wieder Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen auf der Bühne, lernen und arbeiten in der Gastronomie und finden Kulturangebote, bei denen sie explizit willkommen sind. Nun will die Heitere Fahne eine Lücke schliessen. «Der Zugang zu Bildung im Bereich Kultur ist für Menschen mit besonderen Lernmöglichkeiten noch sehr dürftig», sagt Wälti.

Mit dem Prix Printemps ausgezeichnet

Die Lehre, die die Heitere Fahne nun anbietet, ist ein Novum. Kürzlich erhielt der Kulturbetrieb dafür den mit 10 000 Franken dotierten Prix Printemps. Die gleichnamige Stiftung zeichnet jeden Frühling innovative Projekte aus dem Kanton Bern aus, die vor allem Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene mit Behinderungen unterstützen. 

Der Prix Printemps gibt uns neuen Schub.
Selina Wälti, Teammitglied der Heitere Fahne

Der Preis sei eine Bestätigung für das Engagement der Heitere Fahne, sagt Wälti. «Es gibt neuen Schub zu merken, dass andere an unsere Arbeit glauben.» Das Preisgeld stärke auch die Zuversicht, den finanziellen Mehraufwand stemmen zu können, der durch das Angebot entsteht. 

Für die Entwicklung der Ausbildung wurde die Heitere Fahne bereits vom Migros-Kulturprozent M2act finanziell unterstützt. Dieses fördert und vernetzt Vorhaben, die zu einer fairen Praxis und nachhaltigen Strukturen im Schweizer Kunst- und Kulturschaffen beitragen.

Lernziele werden der Person angepasst

Die PrA Kulturmacher*in ist eine Vollzeitausbildung. Vier Tage arbeiten die Lernenden praktisch im Betrieb, zwei Halbtage sind dem theoretischen Wissen gewidmet. Die PrA unterscheidet sich von anderen Bildungsangeboten im Kulturbereich, die oftmals auf Hochschulniveau angesiedelt sind und entsprechend hohe Zugangshürden haben. Bei der PrA werden die Lernziele für jede Person individuell festgelegt. «Wir schauen, was die Person an Kompetenzen und Ressourcen mitbringt und was sie folglich in der Ausbildung lernen kann», sagt Wälti. 

Wir wollen, dass jemand mit dieser Ausgangslange Teil unseres Kulturteams wird und dort die eigene Perspektive einbringt.
Selina Wälti, Teammitglied der Heitere Fahne

Voraussetzung für die Aufnahme in die Ausbildung sind also weniger bestimmte Leistungen als die Motivation, neben der Bereitschaft an Abenden und Wochenenden zu arbeiten. «Wer die Lehre machen will, muss Freude an Kultur haben und ein Interesse daran, diese mitzugestalten. Auch der Wille, sich in einem Kollektiv einzubringen und Teil einer Gruppe zu sein, sind wichtig», sagt Wälti. 

Als Teil des Teams die eigene Perspektive einbringen

Den letzten Aspekt betont sie besonders: «Wir wollen, dass jemand mit dieser Ausgangslange Teil unseres Kulturteams wird und dort die eigene Perspektive einbringt.» Dies sei die grosse Chance an dieser neuen Lehrstelle.

Wer das Diplom in der Tasche hat, besitzt die Fähigkeit, in einem Kulturbetrieb zu arbeiten. Etwa in der Heitere Fahne selbst, oder auch andernorts. «Aktuell suchen wir Kooperationen mit anderen Veranstaltungsorten in der Region», sagt Wälti. 

Das Kultur-Diplom nützt auch in anderen Bereichen

Doch die Kompetenzen, die sich die Lernenden erwerben – etwa Gästebetreuung, Veranstaltungsplanung, Öffentlichkeitsarbeit oder Auftrittskompetenz –, könnten auch in anderen Bereichen nützlich sein, etwa der Soziokultur oder der Kommunikation. «Im Verlauf der Ausbildung zeigt sich in der Regel, wofür eine Person brennt», weiss Wälti aus Erfahrungen mit Lernenden der Gastronomie in der Heitere Fahne.

Die Heitere Fahne bietet voraussichtlich alle zwei Jahre einen Ausbildungsplatz an. Je nachdem, wie es laufe, auch jährlich einen, sagt Wälti. Diesen Herbst soll die erste Person ihre Ausbildung beginnen. Die Bewerbungsphase ist bereits durch, das Auswahlverfahren läuft. «Wir sind nicht überrannt worden, aber hatten einige spannende Bewerbungen», sagt Wälti. Sie ist zuversichtlich, dass der Start glückt.

Die Kulturlandschaft muss sich verändern, wenn man will, dass sich Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen willkommen fühlen.
Selina Wälti, Teammitglied der Heitere Fahne

Dass das Interesse noch bescheiden ist, deutet Wälti in zwei Richtungen. Einerseits müsse sich das Angebot noch etablieren, andererseits zeige sich, wie schlecht der Zugang zum Kultursektor für Menschen mit Behinderung derzeit allgemein ist. 

Sei man im Publikum nicht gefragt, komme man auch nicht auf die Idee, im Kulturbereich zu arbeiten. Darum sagt Wälti: «Die Kulturlandschaft muss sich verändern, wenn man will, dass sich Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen willkommen fühlen.» 

Interessieren Sie sich für die Ausbildung und möchten sich bewerben? Melden Sie sich per Mail unter . Weitere Informationen auf der Website der Heitere Fahne.

Mit der neuen Ausbildung zum Kulturmacher beziehungsweise zur Kulturmacherin macht zumindest die Heitere Fahne einen weiteren Schritt in Richtung mehr Inklusion im Kulturbereich.