Die Übernachtung im historischen Hotel auf der Petersinsel war ein Geburtstagsgeschenk für meinen Mann. An einem Sommerabend bezogen wir ein Zimmer im ehemaligen Kloster. Es hatte einen Boden aus massiven Holzdielen und eine Innenwand aus Mauersteinen.
Kurz vor dem Schlafengehen legte mein Mann – wie jeden Abend – seinen Ehering auf den Nachttisch. Besser gesagt: Er wollte ihn dorthin legen. Der Ring fiel zu Boden und kullerte in einen Spalt zwischen Holzboden und Wand. Wir leuchteten dort mit der Lampe des Handys hinein. Ein Abgrund tat sich auf: Unter dem Zimmer befand sich ein Hohlraum aus Holz, eine Art Zwischenboden. Der Ehering lag irgendwo dort unten. Unerreichbar.
Nach einer schlaflosen Nacht standen wir an der Rezeption: Wie sollten wir den Ehering bergen? Könnte man eines der Bodenbretter entfernen? Schwierig, so die Antwort. Das Hotel sei im Sommer fast immer ausgebucht und zudem denkmalgeschützt. Irgendwann werde man renovieren. Vielleicht dann? Wir verliessen die Petersinsel ohne Ring und ohne viel Hoffnung.
Mein Schwager, ein Arzt, hatte schliesslich eine Idee: Wir könnten doch versuchen, den Ring mit einer Endoskopkamera zu orten und aus dem Loch zu ziehen. Mein Mann kaufte online ein Gerät mit flexiblem Schlauch, Greifzange, Licht und einer Kamera, die das Bild aufs Handy übertragen konnte.
Als «unser» Zimmer frei war, wanderte er auf die Insel. Er brauchte einen Nachmittag, um den Ring zu lokalisieren. Retten konnte er ihn alleine aber nicht. Zweiter Versuch, zu zweit. Unsere Bergungsversuche fühlten sich an, als versuchte man, ein Stofftier aus einem Automaten zu fischen. Wir waren schweissgebadet und zunehmend verzweifelt. «Wir schaffen es nicht», sagte mein Mann. «Wenigstens wissen wir, wo der Ring liegt und dass es ein historischer Ort ist.»
Frustriert zog er Schlauch und Kamera zum x-ten Mal in die Höhe. Am Greifer hingen sehr viele Staubmäuse – und der Ehering. Unser Jubel war im ganzen Haus zu hören.
Mit einem Glas Champagner feierten wir den zweiten Ringtausch seit der Hochzeit. Seither zieht mein Mann den Ehering nicht mehr aus. Die Kamera haben wir zur Sicherheit behalten.
Mirjam Messerli