Trotz Neunutzung den Geist bewahren

Sakralbau

Sakrale Bauten stehen zunehmend leer. Das zieht auch den Verkauf des Klosters in Ilanz nach sich. Ein Projekt der Fachhochschule Graubünden will helfen, Nachnutzungen zu finden.

«Raum Gasteyer» steht neben der Tür des kleinen Zimmers. Drinnen hängt ein Kruzifix an der Wand, gegenüber ein Stich von Schwester Maria Theresia Gasteyer. Die gebürtige Deutsche gründete 1865 gemeinsam mit dem Bündner Priester Johann Fidel Depuoz die Ilanzer Schwesterngemeinschaft.
Heute, rund 160 Jahre später, steht das Mutterhaus der Dominikanerinnen vor einem grossen Schritt: Der Gebäudekomplex soll verkauft werden. Durch den Nachwuchsmangel und die Überalterung ist der Orden zum Umdenken gezwungen. 


Veränderung angehen
In der Klausur, das ist der Bereich, der den Ordensschwestern vorbehalten ist, leben noch 59 Frauen – gebaut wurde er einst für 200. «Wir wollen die Veränderung jetzt angehen und sie nicht einfach aussitzen», sagt Generalpriorin Schwester Annemarie Müller. In ihrem weissen Habit, den Rosenkranz um die Taille gebunden, formuliert sie das Motto des Aufbruchs: «Kleiner werden, um zu wachsen.» Hinter ihr an der Wand das Kruzifix. Stilles Zeugnis von Ewigkeit in unsicheren Zeiten. Seit November vergangenen Jahres ist der Entscheid zum Verkauf gefallen. Und zwar vom Stiftungsrat der Ilanzer Dominikanerinnen, deren Vorsitz Schwester Annemarie Müller innehat. Dieser trägt seit sieben Jahren die strategische Verantwortung für die 20 000 Quadratmeter grosse Anlage. Die Kursangebote und Hotellerie sowie die Möglichkeit zur geistlichen Begleitung zählen zu den Aufgaben des Klosters. 

Kein Einzelfall

Dass der Verkauf des Klosters in Ilanz kein Einzelfall ist, weiss Urs Steger. Der ehemalige Unternehmensberater sitzt dem Verein «Kloster Leben» in Luzern vor. Dort hat man sich zum Ziel gesetzt, die Transformation der Klöster in der Schweiz zu begleiten. Soll heissen, deren Geschichte in Neunutzungen miteinzubeziehen und so das spirituelle und kulturelle Erbe für die Bevölkerung zu bewahren. «Wir wollen keine vorgefertigten, nicht nachhaltigen Lösungen für die Klöster und Kirchen.» In Zusammenarbeit mit Christine Seidler, Professorin für Raumplanung an der Fachhochschule Graubünden, entsteht zu diesem Zweck das Prozessmodell Mona (Monastery Landscape Switzerland: An Empirical Transformation Approach). 

Tragfähige Perpektiven

«Klöster sind seit je soziale Betriebsräume. Entscheidend ist, ihren Genius Loci (Geist des Ortes) in eine zeitgemässe Form zu übersetzen. Mona hilft, die Potenziale an der Schnittstelle von Gesellschaft, Wirtschaft, Baukultur, Theologie und Raumplanung eines Ortes systematisch zu erkennen und in tragfähige Zukunftsperspektiven zu überführen», so Seidler. Das KI-basierte Prozessmodell Mona baut auf bereits bestehenden Arbeiten zum schweizerischen Klosteratlas auf. Unterstützt wird das Projekt unter anderem auch von Innosuisse, der schweizerischen Agentur für Innovationsförderung.

Bildung von Mächen und Frauen
Auch Caroline Schweisgut, Geschäftsführerin der Stiftung der Ilanzer Dominikanerinnen, will einen Käufer finden, der dem Geist des Ortes Sorge trägt. Sie ist zuversichtlich, dass das gelingt. Vorstellbar ist ein Nachfolgekonzept, welches das soziale, spirituelle und gemeinschaftliche Erbe des Klosters und des Ordens aufnimmt. Denn insbesondere die Bildung von Mädchen und Frauen in der Surselva war Kernaufgabe der Dominikanerinnen. 

Froh über etwas Gewissheit
Schwester Ingrid Grave hat selbst lange unterrichtet und ist erleichtert, dass «wir als Gemeinschaft zusammen alt werden können». Mit 88 Jahren gehört sie zu den Ältesten und wird – sobald es so weit ist – in einen Trakt umziehen, der altersgerecht umgebaut ist. «Wir werden Teile des Klosters für die Gemeinschaft mieten», sagt Generalpriorin Schwester Annemarie Müller. Aktuell wird noch an Lösungen gearbeitet, die es für pflegebedürftige Schwestern geben kann. 

Ingrid Grave bleibt zuversichtlich und sieht auch Chancen in der Neuausrichtung: «Es könnte Raum für Frauen entstehen, die nicht nach unseren Ordensregeln leben, aber dennoch Gemeinschaft suchen.» Ihr Blick fällt jetzt auf das Kruzifix an der Wand – ein stilles Zeichen für jene Beständigkeit, die den Wandel überdauert

Prozessmodell Mona

Die Klosterlandschaft der Schweiz wird von Mona ganzheitlich und unter Berücksichtigung von Theologie, Ökonomie und Raumplanung erfasst. Darauf aufbauend werden Daten- und Prozessmodelle (KI) für zukunftsfähige Transformationen und Nachnutzungen entwickelt. Das ehemalige Kloster Rickenbach (LU), heute Demenzzentrum für Jungbetroffene, ist ein Beispiel für die Nachnutzung.

Prozessmodell MONA

Demenzzentrum Rickenbach