Ihr Interesse für Armenien entdeckte Heidi Kind im Glarnerland. Hier bei den Grosseltern verbrachte sie häufig ihre Schulferien. Sie erinnert sich: «Den ganzen Tag rannten wir barfuss herum. Abends lief ich dem Hirt entgegen, der die Geissen zum Melken brachte. Geissenmilch liebe ich heute noch.» Während des zweiten Genozids am armenischen Volk 1915 war Heidi Kinds Grossvater als Pfarrer tätig. Eine riesige Welle der Solidarität erfasste die Schweiz damals.
Sammeln für Armenienhilfe
Auch Heidi Kinds Grossvater lancierte Sammelaktionen und begann damit ein Engagement, das die Familie über drei Generationen weiterführen sollte. Heidi Kind erzählt, wie sie an der Hand der Grossmutter an die Türen der Nachbarn klopfte, um Spenden für die Schweizerische Armenienhilfe zu sammeln. «Mein Helfersyndrom stammt wohl daher», sagt sie. Die Zeit im Glarnerland hat Heidi Kind geprägt: das abendliche Bibelstudium, das Vorlesen der Tageslosung am Morgen und natürlich das Beten, das ihr zeitlebens Halt gab.
Arbeiten in Los Angeles
Nach der Handelsschule fand sie Arbeit in einem Erholungsheim im Tessin und später in einer internationalen Firma in Olten. Sie wollte Englisch lernen und ging nach Johannesburg, wo Verwandte lebten. In dieser Zeit verunglückte ihr Vater tödlich und Heidi Kind kehrte heim in den Aargau, um für die Mutter da zu sein. Die Sprachkenntnisse vervollständigte sie später als Kindermädchen in Los Angeles. Zurück in der Schweiz absolvierte sie berufsbegleitend die Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Eine Arbeit im kirchlichen Dienst war ihr Wunsch. «Für mich war immer klar, dass ich nicht der Radiergummi irgendeines Chefs sein wollte. Ich wollte etwas bewirken.»
Erste Gemeinderatspräsidentin
1968 trat sie eine Stelle bei der reformierten Kirchgemeinde in Chur als Sozialdiakonin an. «Mir gefiel, dass nebst finanzieller Hilfe auch Senioren- und Familienarbeit gemacht wurde.» 35 Jahre leitete sie dann den Sozialdienst der Kirchgemeinde Chur. Kurz nachdem das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, kandidierte sie für den Gemeinderat. Später war sie die erste weibliche Gemeinderatspräsidentin der Stadt Chur und bewirkte unter anderem, dass beim Neubau des Bürgerheims eine Pflegestation realisiert wurde.
Heim voller Souvenirs
In Heidi Kinds Churer Wohnung türmt sich die Post auf dem Schreibtisch. Ein paar antike Möbel stehen in der Stube. Es sind Erbstücke der Familie, die ihre Wurzeln in Davos hat. Neben dem prächtigen Gemälde, das Heidi Kinds Mutter erschaffen hat, hängen Bilder und Fotografien von armenischen Freundinnen und Freunden und Souvenirs von ihren vielen Reisen nach Armenien.
Nachfolge gesichert
Das Engagement für das armenische Volk in der Armenienhilfe blieb ein wichtiger Teil in Heidi Kinds Leben. Doch erst nach der Pensionierung fand sie die Zeit, Land und Leute kennenzulernen. Rund 30 Mal bereiste sie Armenien. Sie entdeckte eine grossartige Landschaft und «solches Elend, das ich bis heute nicht vergessen kann». Kind initiierte die Gründung des Vereins Little Bridge Schweiz, als der Schweizer Ableger der Armenienhilfe sich auflöste und die Arbeit dem Hilfswerk Heks übergab. 2022 wollte Heidi Kind ihr Amt abgeben, suchte und gab auch die Hoffnung fast auf. Dann, vor zwei Jahren, meldete sich Kathrin Ritzi. Sie war bereit, ehrenamtlich in die Fussstapfen zu treten, und liebt das Land ebenso. «Jemanden wie sie habe ich mir gewünscht.» Wie es dazu kam? «Ich habe gebetet.»
