Für die Recherche zu einem Zeitungsartikel möchte ich mit einem jungen Mann sprechen, der das absolute Musikgehör hat. Nicht antrainiert, sondern angeboren. Menschen mit dieser speziellen Gabe sind selten, deshalb käme es mir sehr gelegen, wenn ich mit ihm einen Gesprächstermin vereinbaren könnte.
Den Tipp habe ich von einer Bekannten. Sie weiss allerdings nicht, wie der junge Mann zu erreichen ist. Sie hat von ihm und seiner akustischen Spezialkompetenz auch nur über sieben Ecken gehört, kann mir aber immerhin seinen Beruf und seinen aktuellen Wohnort nennen.
Mein erster Rechercheschritt: der Blick in das elektronische Telefonbuch. Fehlanzeige: Einen Mann mit diesem – nicht ganz alltäglichen – Namen und besagtem Wohnort finde ich nicht, auch nicht in der engeren und weiteren geografischen Nachbarschaft.
Als Nächstes starte ich eine kleine Google-Recherche, die ebenfalls ergebnislos verläuft. Dann durchstöbere ich die sozialen Medien und andere Portale, mit demselben Misserfolg. Der Gesuchte, der sich vermutlich einen Nicknamen zugelegt hat, bleibt unauffindbar.
Wo ist der Klingelknopf?
Meine Nachforschungen und der junge Mann mit dem phänomenalen Gehör sind frei erfunden. Es gibt ihn trotzdem. Er steht für die ungezählten Männer und Frauen vor allem der jüngeren,
zunehmend aber auch der reiferen Altersschicht, die für Aussenstehende kaum mehr existieren, nicht greifbar sind und sich auch nicht aufspüren lassen wollen. Erreichbar sind sie nur für Verwandte, Freunde, Arbeitskollegen, den Chef und sonstige Bekannte. Für die klar abgesteckte Gruppe also, in der sie sich sozial bewegen. Wer nicht dazugehört, bleibt draussen und weiss nicht einmal, wo sich der Klingelknopf befindet.
Es ist erst wenige Jahrzehnte her, als jeder Haushalt noch ein Telefonbuch besass. In diesem Band waren praktisch alle Leute eines Ortes oder einer Region mit Namen, Adresse und Telefonnummer verzeichnet, oft auch mit Berufsbezeichnung. Das Telefonbuch war das kleine, aber umfassende Abbild der dörflichen oder städtischen Gemeinschaft. Peter Büchi, Kaminfegermeister. Werner Heizmann, Lehrer. Therese Bächler, Damenschneiderin. Kurt Hotz, Schriftsetzer.
Zugegeben: Oft stand da nur, im patriarchalen Geist der «guten alten Zeit», der Name des Familienvaters. Dann immer öfter aber auch der Name des Paares, manchmal sogar der Kinder. Man war vorhanden, man war sichtbar, man war greifbar, man war öffentlich, Teil einer Gemeinschaft und für alle jederzeit erreichbar. Mit der Nummer und dem echten Namen. Die Nicknamen – die Pseudonyme also – kamen erst nach der Jahrtausendwende mit den Foren im Internet auf.
Schutzwall gegen Werbung
Dieser aktuell zu beobachtende Rückzug in den gut umzäunten eigenen Garten hat, erstens, praktische und sehr nachvollziehbare Gründe. Man schützt sich so vor aufdringlichen Werbern und Betrügern, die, ausgestattet mit modernster IT-Technologie, unermüdlich nach jedem noch so kleinen Adresshinweis suchen, um einen anschliessend mit einer Flut von Telefonaten und Mails zuzumüllen. Wer seine Daten diskret handhabt, kann solche Attacken besser abwehren.
Der zweite Grund liegt in einer gesellschaftspolitischen Entwicklung, die seit Jahren zu einem gewissen Hyperindividualismus neigt. Viele Menschen sehen sich heute nicht mehr als Mitglieder einer gewachsenen Gemeinschaft vor Ort. Stattdessen organisieren sie sich in Gruppen, deren Mitglieder durch ein ähnliches Alter, dieselbe soziale Schicht, dieselbe Weltsicht und dieselben Interessen verbunden sind. Man bewohnt die fast sprichwörtliche «Bubble», die individuelle Gesinnungsblase, und nicht mehr eine Strasse, ein Quartier, ein Dorf. Das, was einst als Gesellschaft erlebbar war, wird zu einem diffusen Abstraktum, das sich höchstens noch über die gemeinsame Benutzung der öffentlichen Infrastruktur definiert.
Ein neues Wirgefühl?
Ist das schlimm? Vielleicht nicht. Der Wind weht, wo er will. Nichts bleibt vor Veränderungen verschont. Und doch wage ich ganz leise anzumahnen: Werft auch wieder mal einen Blick von der Bubble auf die Strasse hinaus. In die Nachbarschaft also. Dorthin, wo sich Ideen, Weltbilder, Ansichten, Zustimmung, Widerspruch und Generationen begegnen oder begegnen sollten, wo unterschiedliche Meinungen zum Austausch führen, manchmal auch nur flüchtig, aber immerhin live und auf freier Wildbahn. Wer weiss – vielleicht hilft ein Gespräch über den Gartenzaun oder im Treppenhaus mit, eine Tür zu einem neuen Wirgefühl zu öffnen. Und sei es auch nur einen ganz, ganz kleinen Spaltbreit.
