«Solidarität ist ein Auftrag»

Film

Die Dokumentation «Solidarity» beleuchtet auch dunkle Seiten des Prinzips. Regisseur David Bernet über eine Spurensuche, die angesichts der Weltpolitik zur Herausforderung wurde.

Das Thema Solidarität ist angesichts diverser Krisen so aktuell wie selten. Ihr Film beginnt im Jahr 2021. Gab es damals einen bestimmten Anstoss, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?
Es kamen verschiedene Aspekte zusammen. Für meinen letzten Film «Democracy» hatte ich über mehrere Jahre den Gesetzgebungsprozess in der EU verfolgt. Ich wollte verstehen, wie Demokratie in so einer Suprastruktur funktioniert. Im Zentrum standen Gesetze, mit denen eine Gesellschaft ihr Zusammenleben organisiert. Währenddessen tauchte in mir die Frage auf, welche Kräfte die Gesellschaft abseits dieser gesetzlichen Ebene zusammenhalten und so kam ich auf die Solidarität. Gleichzeitig spielte auch die Politik in den USA eine Rolle.

Inwiefern?
Die Idee zu «Solidarity» entstand 2017, während der ersten Amtszeit von Donald Trump. Als Milliardär gelang es ihm die Arbeiterschaft zu mobilisieren, eine Art Solidarität herzustellen - gegen die liberale Ordnung, die ja Solidarität umfassender versteht. So stiess ich auf die Widersprüche, die Ambivalenz von Solidarität. 

Wir wurden mit Antworten auf unsere Ausgangsfrage überhäuft und auch überfordert, muss man sagen.

Der Film zeigt zunächst die Flüchtlingskrise an der polnisch-belarussischen Grenze. Bald darauf stellt der Ukrainekrieg die Solidarität Europas auf die Probe. Später rückt auch der Gazakrieg in den Fokus. Wurden Sie von den Ereignissen überrollt?
So kann man das sagen. Eigentlich wollten wir einen ganz anderen Film machen, ich hatte eine ausgeklügelte Dramaturgie. Dann überschlugen sich die Ereignisse und diesen Ereignissen sind wir gefolgt. An den Ländern, in denen wir ursprünglich drehen wollten, in erster Linie Polen und Libanon hielten wir fest, aber wir mussten grösstenteils andere Protagonisten suchen. Wir wurden mit Antworten auf unsere Ausgangsfrage überhäuft und auch überfordert, muss man sagen. 

Der Film zeigt quasi eine Spurensuche, sie bezeichnen diese im Film als «einen mäandernden Weg mit vielen Brüchen». Gab es für Sie überraschende Erkenntnisse auf dieser Suche nach Solidarität?
Solidarität empfinden wir ja vor allem als etwas Positives, Erfüllendes, bei dem wir unsere ganze Kapazität an Empathie ausleben. Wir erleben sie als eine Art der Wertschätzung, Menschlichkeit. Gleichzeitig kann Solidarität regelrecht toxisch sein. Wenn Marine Le Pen, Chefin der rechtsextremen französischen Partei Rassemblement National sagt, sie sei sehr für Solidarität, aber in erster Linie mit den Franzosen, dann geht es darum, Menschen auszuschliessen.

Einem ambivalenten Phänomen auf der Spur

Einem ambivalenten Phänomen auf der Spur

Was genau ist Solidarität? Und wo stösst sie an Grenzen? Der Schweizer Filmemacher David Bernet hat sich in seinem Dokumentarfilm «Solidarity» auf die Suche nach Antworten auf diese Fragen gemacht. Der Film führt 2021 zunächst nach Polen, an die Grenze zu Belarus. In den Wäldern sterben Menschen beim Versuch, die Grenze in die EU zu überwinden, doch Polen setzt auf eine harte Abschottungspolitik. Bald darauf greift Russland die Ukraine an, die polnische Bevölkerung empfängt hunderttausende Ukrainerinnen und Ukrainer mit offenen Armen. Überdeutlich tritt die Ambivalenz des Phänomens zu Tage. Mit einem Blick auf die Vereinten Nationen bietet die Dokumentation eine zweite Perspektive auf das Thema. Denn durch die Organisation und ihre Rechtsgrundlagen wird Solidarität institutionalisiert, sie gilt für alle Notleidenden gleichermassen. 

«Solidarity», David Bernet, Deutschland/Schweiz 92 min, Filmstart in der Deutschschweiz am 19.3.2026 

Da geht es im Wesentlichen um die Frage, wer «mein Nächster» für mich ist.
Ja, der libanesische Moralphilosoph Bashahar Haydar sagt im Film, man könne nicht alle lieben. Liebe man alle, so liebe man niemanden. Als Menschen wollen wir wissen, wer zu uns gehört und wer nicht. Diese Definition unterscheidet sich vom politischen Konzept der Solidarität.  

Dieses politische Konzept liegt den Vereinten Nationen zugrunde.  Lässt sich dieses Verständnis mit unserem «menschlichen Verständnis» von Solidarität überhaupt in Einklang bringen?
Der Hohe Flüchtlingskommissar Filippo Grandi bringt das sehr gut auf den Punkt. Er sagt, Solidarität sei eben beides. Nicht nur ein Instinkt, auch eine Entscheidung. Das bedeutet aber auch nachzudenken, eine Entscheidung mit einer gewissen Ratio zu treffen. 

Also haben wir eigentlich ein falsches Verständnis von Solidarität?
So würde ich es nicht sagen. Ich glaube, wir denken einfach nicht intensiv darüber nach. Solidarität begeistert, sie bewegt. Warum sollte man sie in Frage stellen?

Tatsächlich habe ich erst im Nachhinein bemerkt, dass ich nicht nur einen Film über das Phänomen Solidarität gedreht, sondern auch den Zerfall der globalen Ordnung dokumentiert habe.

Im Film bahnt sich die Krise der Vereinten Nationen bereits an. Sie beschreiben die UNO als Rettungswagen für die Weltgemeinschaft. Neu müssen wir uns fragen, ob die UNO selbst noch zu retten ist.
Tatsächlich habe ich erst im Nachhinein bemerkt, dass ich nicht nur einen Film über das Phänomen Solidarität gedreht, sondern auch den Zerfall der globalen Ordnung dokumentiert habe. Während des Drehs konnte ich diese Tatsache noch nicht akzeptieren. 

Wie schätzen Sie die Situation der UNO jetzt ein?
Ich glaube, es ist eine Frage der Perspektive. Blickt man aus der Sicht westlicher Staaten auf die UNO wirkt sie etwa bei Abstimmungen zum Nahostkonflikt bisweilen beschädigt. Aus der Sicht anderer Länder wie etwa Brasilien sieht das möglicherweise anders aus. Für Europa ist es vielleicht ungewohnt, dass westliche Länder die UNO nicht mehr dominieren, weil die USA sich vermehrt zurückziehen. Das bedeutet nicht, dass die UNO zerbricht. Aber vielleicht entstehen neue Gewichte, Mittelmächte, die sich zusammentun müssen. In diese Richtung äusserte sich jüngst auch der französische Premierminister Mark Carney und diesen Gedanken fand ich interessant. 

Ich fand es faszinierend zu sehen, dass das Flüchtlingshilfswerk UNHCR tatsächlich sämtliche Migrationsbewegungen auf diesem Planeten beobachtet.

Für viele Menschen ist die UNO eine Blackbox. Ihnen ist es gelungen, Mitarbeitenden des Flüchtlingshilfswerks UNHCR auf verschiedenen Ebenen über die Schulter zu schauen. Gab das für Sie überraschende Einblicke?
Die UNO ist ein riesiger Apparat. Ich fand es faszinierend zu sehen, dass das Flüchtlingshilfswerk UNHCR tatsächlich sämtliche Migrationsbewegungen auf diesem Planeten beobachtet. Machen sich irgendwo Menschen in Not auf den Weg, schauen die Mitarbeitenden, in welchem rechtlichen Rahmen sie reagieren können und wie. Ich hätte gerne noch mehr davon gezeigt, doch das war schwierig.

Warum?
Vieles geschieht hinter verschlossenen Türen, im Rahmen von diplomatischen Bemühungen. Anders als bei der EU, wo ich tagelang in Brüsseler Konferenzräumen rumstehen konnte und bei Hintergrundgesprächen filmen durfte, war das nicht möglich. Es gibt auch Tätigkeiten des Hilfswerks, die wenig bekannt sind. Für mein Selbstverständnis als Dokumentarfilmer ist es schwierig, diese Grenzen zu akzeptieren. Aber ich habe mir Mühe gegeben, der UNO so nah zu kommen, wie nur möglich. 

Ich wollte bewusst keinen Film machen, der Solidarität emotional abfeiert und geniesst.

Das Infrage stellen der Solidarität hat seinen Preis. Der Film ist keine einfache Kost.
Ich wollte bewusst keinen Film machen, der Solidarität emotional abfeiert und geniesst. Das ist für das Publikum, das oft gewisse Erwartungen hat, nicht einfach. Viele Menschen gehen davon aus, durch den Film in ihrem solidarischen Grundgefühl bestätigt zu werden. Stattdessen wird ihnen gesagt, es gibt zwei Seiten der Solidarität, denkt darüber nach. Gerade für Menschen, die sich stark engagieren, ist das schwierig zu akzeptieren. Ich habe natürlich schon darüber nachgedacht, ob ich dem Publikum ein angenehmeres Ende ermöglichen sollte. Es gibt durchaus Filme, in denen ich ein positives Ende gesucht habe. 

Warum nicht bei diesem Film?
Eine gewisse Ratlosigkeit ist die ehrlichere Antwort. Meine Botschaft ist auch: Solidarität ist ein Auftrag, man muss sich darum immer wieder neu bemühen, man bekommt sie nicht geschenkt. Im Film verwende ich den Begriff der Sisyphusarbeit, ich finde ihn passend. Die Arbeit hört nie auf, genauso wie Sisyphos seinen Stein wieder und wieder den Berg hinaufwälzen muss. Der französische Autor Camus war dennoch überzeugt, dass Sisyphos ein glücklicher Mensch war, entscheidend war für ihn nicht der Erfolg seiner Bemühungen, sondern die Haltung dazu.