Ein Wagen gegen die Einsamkeit

Diakonie

Ob Lebensgeschichte, Beziehungsprobleme oder Zukunftssorgen: Im Zuhörwagen finden Menschen ein Gegenüber, das aufmerksam und empathisch zuhört. Das Angebot wird rege genutzt. 

Hoch ragen die imposanten Türme der Winterthurer Stadtkirche hinter dem grün bemalten Zuhörwagen auf. Seit exakt einem halben Jahr steht er hier. Ein Fremdkörper zwar, und doch fügt sich sein freundliches Erscheinungsbild harmonisch in die friedliche und ruhige Atmosphäre auf dem Kirchplatz ein.

Immer wieder bleiben Passanten und Passantinnen vor den schwarzen Tafeln an der  Seitenwand stehen. Manche werfen einen neugierigen Blick ins Innere des Wagens. Dort sitzt Antje Waterholter, freischaffende Architekturpsychologin und Beraterin. Viele Jahre lang trug sie die Idee mit sich herum, im öffentlichen Raum einen geschützten Ort zu schaffen, wo Menschen mit dem Bedürfnis zu reden auf jemanden treffen, der ihnen zuhört. 

«Ich bin überzeugt, dass die Antworten auf die Herausforderungen des Lebens in den Menschen selbst zu finden sind», sagt sie. «Zuhören hilft dabei, dass die Antworten in ihrem Inneren entstehen können.» 

Die 61-Jährige möchte mit dem barrierefreien und kostenlosen Angebot die Begegnungskultur beleben und der Einsamkeit entgegenwirken. «Der Zuhörwagen soll ein Ort des Wohlbefindens sein, wo Zugehörigkeit und Verbundenheit erfahren werden», sagt Waterholter. 

Ein notwendiges Wagnis 

Dass es diesen Ort heute gibt, sei ihrer Tochter Caren zu verdanken. Die beiden Frauen gehören zur Bürogemeinschaft Orbit, einem Projekt der reformierten Stadtkirche Winterthur. Dort diskutierten sie über ihre Idee, waren offen für Anregungen. Caren, Projektmanagerin und Kommunikationsfachfrau, sorgte dafür, dass aus Ideen und Skizzen ein umsetzbares Projekt wurde, kümmerte sich ums Fundraising und den Bau des Wagens. 

2025 gründeten sie den Verein Erzähl doch mal, der den Zuhörwagen betreibt. «Hätte ich nicht daran geglaubt, dass die Gesellschaft ein solches Angebot braucht, hätte ich nicht gewagt, dieses Projekt anzupacken», sagt die 27-Jährige. Caren Waterholter ist ehrenamtlich für das Organisatorische zuständig im Verein. 

Der Wagen zieht weiter 

Seit September steht der Zuhörwagen nun auf dem Kirchplatz. Durchschnittlich fanden seither während der zweistündigen Öffnungszeiten ein bis zwei Gespräche statt, die zwischen 10 und 90 Minuten dauerten. Die Besucherinnen und Besucher waren 18 bis 80 Jahre alt. «Die meisten stellen erst Fragen zum Wagen, dann beginnen sie schnell von dem zu erzählen, was sie beschäftigt», sagt Antje Waterholter. 

Die Themen seien vielfältig. Oft gehe es um Beziehungen, aber auch um Sinnfragen oder Sorgen rund um das aktuelle Weltgeschehen. Ältere bringen ihre Lebensgeschichten mit, die oft sehr berührend seien. Jüngere Gäste reden über Schwieriges in der Arbeitswelt oder bei der Kindererziehung. Antje Waterholter wechselt sich beim Zuhören mit anderen Freiwilligen ab. 

Zuhören hilft, dass Antworten im Inneren ent­- stehen können.
Antje Waterholter, Architekturpsychologin und Beraterin

Zu den Zuhörerinnen gehört Emma. Die 19-Jährige entdeckte den Zuhörwagen im vergangenen Dezember, als sie in der Stadtbibliothek am Kirchplatz Bewerbungen schrieb.

«Ich ging spontan vorbei, redete über meine Zukunftspläne und meine Unsicherheiten betreffend Studium», erinnert sich Emma. Das Gespräch habe gutgetan – und bei ihr das Interesse geweckt, selber Zuhörerin zu werden. Sie meldete sich bei Caren Waterholter, hatte ein Einführungsgespräch, in dem ihr die Prinzipien des wertungsfreien, empathischen Zuhörens nahegebracht wurden. Heute gehört sie zum Team von sechs Freiwilligen. 

Anfang April zieht der Zuhörwagen weiter ins Mattenbachquartier und steht die nächsten Monate bei der Zwinglikirche. Sie sei gespannt, «was dort entsteht», sagt Caren Waterholter. 

Der Zuhörwagen steht aktuell vor der Reformierten Kirche Mattenbach/Zwinglikirche und ist zu folgenden Zeiten geöffnet: 

Montags von 13:00-15:00 Uhr

Mittwochs von 14:00-16:00 Uhr

Freitags von 16:00-18:00 Uhr

Die Öffnungszeiten und der Standort können ändern. Alle Infos hier