Das ökumenische Kirchenforum widmet eine ganze Veranstaltungsreihe dem Thema «Sexualität und Geschlecht». Warum gerade das? Warum gerade jetzt?
Udo Rauchfleisch: Menschen, deren Geschlechtsidentität von der Mehrheitsgesellschaft abweicht, weht ein eisiger Wind entgegen. Trump oder die AfD behaupten, es gebe nur zwei Geschlechter, wodurch die individuelle Frage der Identität zu einem brisanten politischen Thema wird. Ich finde es sehr beispielhaft dafür, wie unsere Gesellschaft mit Menschen umgeht, die nicht dem Mainstream entsprechen.
Gibt es denn biologisch mehr als zwei Geschlechter?
Im Tierreich gibt es keineswegs nur Männchen oder Weibchen. Manche Biologinnen und Biologen sprechen sogar von fünf oder mehr Geschlechtern. Die Natur ist vielfältig, und wir Menschen sind nochmals vielfältiger wegen der vielen sozialen Einflüsse, die unser Leben bestimmen.
LGBTQAI – die queere Buchstabenliste scheint immer länger zu werden. Führen solche Labels nicht zu mehr Ausgrenzung?
LGBTQAI steht für Lesbisch-Gay-Bi-Trans-Queer sowie asexuell und intergeschlechtlich. Diese Labels sind wichtig, denn Menschen möchten benannt und wahrgenommen werden. Sie brauchen für ihre Identitätsentwicklung auch Räume, wo sie unter ihresgleichen sind, wo sie sich nicht erklären müssen. Das gilt für alle Minderheiten, auch ethnische und politische: Wenn man den Rückhalt der Mehrheit nicht hat, muss man sich diesen selbst suchen.