Ganz modern unterwegs ist beispielsweise Raphael Meyer, Präsident des römisch-katholischen Synodalrats im Kanton Zürich, der an Sonn- und Feiertagen – auch am Eidgenössischen Buss- und Bettag – joggen geht mit dem Rosenkranz. Noch vor gut 20 Jahren wäre das an einem Buss- und Bettag zumindest anstössig gewesen.
Das grössere Ganze
Erst im Jahr 2000 wurden Verbote wie Fussballspielen oder Tanzen aus der Feiertagsordnung gestrichen. Heute kann jeder an diesem Tag tun und lassen, was er will. Auch Massenevents sind erlaubt, sofern sie in geschlossenen Räumen stattfinden. So fragt denn auch Moderator Felix Reich, Redaktionsleiter der Zeitschrift «reformiert.»: «Ist der Bettag nicht ein alter Zopf?»
Regierungsrätin Jacqueline Fehr, die inoffizielle «Religionsministerin», will in einer pluralistischen Gesellschaft keine Vorschriften machen. Aber sie sieht im Buss- und Bettag die Chance, dass Menschen den Anlass nutzen, um innezuhalten und sich zu besinnen.
Obwohl sie Atheistin ist, spürt Fehr dem Sinn des Betens sensibel nach: «Im Gebet halte ich inne, gehe meinen Ängsten und meinen Zweifeln nach.» Sich in ein «grösseres Ganzes» einzufühlen und daraus Verantwortung zu schöpfen, das führe – ganz religionsunabhängig – zur Frage: «Was ist mein Beitrag für diese Gesellschaft?»
Beten mit Leonhard Cohen
In diesem Zusammenhang sind auch die Ausführungen der Rabbinerin Shoshana Jakobovits von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich aufschlussreich. Sie erinnert an das gebrochene Gotteslob von Leonard Cohen in seinem berühmten Song «Hallelujah»: Bei Cohen, «jüdisch, aber religiös vielfältig unterwegs», weiss der Betende nicht, ob sein «Hallelujah» jemals einen Adressaten finden wird.
