Die Erde bebt unter Goliaths Schritten, er überragt mit seiner Grösse alle anderen Soldaten und deren Pferde. Mit einem solchen Hünen traut sich niemand, den Kampf aufzunehmen.
Ausser, natürlich, David.
Ein unbedeutender Hirtenjunge, der Goliath mit einer einfachen Steinschleuder zu Fall bringt und damit den Sieg der Israeliten über die verfeindeten Philister entscheidet. Es ist ein prägendes Bild, das den Kampf der Kleinen gegen die Mächtigen beschreibt und deutlich zeigt, auf wessen Seite Gott steht.
Im September kam «David» als Animationsfilm in die Deutschschweizer Kinos. Während er in den USA den erfolgreichsten Start eines christlichen Animationsfilms hingelegt hatte, blieb hierzulande das Publikum aus. Inzwischen ist der Film bei Streamingdiensten abrufbar, vorerst nur auf Englisch und Französisch. Produziert hat ihn das südafrikanische Filmstudio Sunrise Productions gemeinsam mit dem christlichen US-Medienunternehmen Angel, das unter anderem am internationalen Erfolg «The Chosen» beteiligt war.
Handwerklich muss sich der Film nicht verstecken: Die Animation kann mit grossen Studios mithalten, und die Lieder bleiben im Ohr. Aber kann ein Kinderfilm einem ambivalenten Antihelden wie David überhaupt gerecht werden? Und welche Botschaften verbergen sich hinter den popmusikalischen Worship-Liedern, die sich als roter Faden durch die Geschichte ziehen?
Der Elvis der Bibel
Wir alle kennen sie, die Geschichte von David, dem zweiten Israeliten-König und Vorfahren Jesu. Nicht nur, wie er den, so die Bibel, drei Meter grossen Goliath mit einer Steinschleuder tötet, sondern auch, wie er, der sanfte Schafhirte, mit seiner Musik den jähzornigen König Saul beruhigt.
Bono, Sänger der Band U2, bezeichnete David als «den Elvis der Bibel» und auch Leonard Cohen widmet ihm eine Zeile in «Hallelujah»: «I've heard there was a secret chord that David played and it pleased the Lord.» Es ist also nur passend, dass die Neuverfilmung über David auch ein Musical ist.
Weniger bekannt ist Davids dunkle Seite, die sich vor allem in seiner Zeit als König zeigt. Er führt blutrünstige Kriege, begeht Ehebruch mit Batseba und schickt deren Ehemann Urija in den sicheren Tod. Genau das macht die David-Figur bis heute so spannend. Er ist durch und durch Mensch, ruchlos und verletzlich zugleich und wird mit allen seinen Fehlern von Gott auserkoren, König über das Volk Israel zu werden.
Ein Held ohne Fehler
Von dieser Ambivalenz ist im Film wenig zu sehen, denn er endet mit Davids Aufstieg zum König. David wächst von einem grossäugigen, mutigen Hirtenjungen zu einem «überwältigend gutaussehenden jungen Mann» heran, wie es ein Rezensent im Guardian beschreibt. Dieser David tötet nur für den guten Zweck, etwa als ein Löwe seine Schafherde bedroht. Ansonsten ist David durch und durch gutmütig, bescheiden und obendrein auch noch ein begnadeter Musiker.
Jörg Schwehn von der SCM Verlagsgruppe, die den Film im deutschsprachigen Raum vertreibt, sieht jedoch genau in dieser David-Darstellung ein inspirierendes Vorbild für Kinder. «Schon in den ersten fünf Minuten kommen mir noch immer die Tränen», erzählt er. Es ist die Szene, in der David seine Schafe vor dem gefährlichen Löwen rettet. Dabei singt er ein Lied über Abenteuer und Mut. «Er ist einfach unglaublich sympathisch», so Schwehn. «Er verkündet durch den ganzen Film hindurch immer wieder die Botschaft ‹Hab Mut!›» Für ihn sei «David» nebst der «Herr-der-Ringe»-Trilogie der beste Film aller Zeiten.
Kindern Zwiespalt zutrauen
Auch Andreas Köhler-Andereggen, Vorstandsmitglied von Interfilm, der Internationalen Kirchlichen Filmorganisation, sieht in dem Film viel Potenzial. «In einem Lied singt David ‹Warum Gott? Sag, warum, lässt du mich allein?› Das ist angelehnt an den Psalm 22, der in der Bibel David zugeschrieben wird», sagt Köhler-Andereggen. In dem Psalm gibt sich David selbst Antworten auf seine verzweifelten Fragen. Im Film allerdings ist es Davids Mutter, die auf sein Flehen antwortet: «Und wenn niemand mehr den Weg recht weiss, sei der Stern in dieser Dunkelheit.»
«Das Stück war für mich eine der stärksten Szenen in dem Film», sagt Köhler-Andereggen. «Szenisch war das sehr schön umgesetzt.» Biblisch steht die Szene aber auf dünnem Boden: Davids Mutter wird in der Bibel nicht namentlich erwähnt. Dass die Filmemacher ihr eine so tragende Rolle geben, hat für Köhler-Andereggen auch mit einem bestimmten Familienbild zu tun. «In amerikanischen und freikirchlichen Kreisen wird gerne ein starkes Mutterbild transportiert. Die Mutter hält die Familie zusammen, sie vermittelt Glauben und Religiosität.»
