Gemeinsam gegen das Schweigen

Prävention

Europas evangelische Kirchen wollen sich im Kampf gegen sexualisierte Gewalt enger vernetzen und die Standards angleichen. Eine Konferenz in Warschau machte den Anfang. 

Missbrauchsvorwürfe und deren Aufarbeitung beschäftigen die reformierten Kirchen immer wieder. Wie lassen sich sexuelle Grenzverletzungen verhindern? Wie können Menschen besser geschützt und Betroffene ernst genommen werden? Solche Fragen standen im Mittelpunkt der Konferenz der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) Mitte Juni in Warschau.

«Wir können das Problem nur gemeinsam lösen», sagt Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und der GEKE, nach ihrer Rückkehr im Gespräch mit «reformiert.». Missbrauch mache weder an Landes- noch an Konfessionsgrenzen halt. 

Aus den Fehlern lernen

Famos kennt die Herausforderung aus eigener Erfahrung. Als sie 2021 das Präsidium der EKS übernahm, stand die Kirche nach den Vorwürfen gegen ihren Vorgänger Gottfried Locher vor der Aufgabe, Prävention und Aufarbeitung neu aufzustellen. Seither hat die Synode der EKS das sogenannte Safeguar-ding verabschiedet, das die Mitgliedkirchen nun umsetzen. Es umfasst Prävention, klare Meldewege, Schulungen sowie Verfahren für den Umgang mit Verdachtsfällen und die Begleitung Betroffener.

In Warschau stellten die europäischen protestantischen Kirchen einander ihre Konzepte vor. Zudem bekräftigte die GEKE mit einem gemeinsamen Aufruf ihr Engagement gegen sexualisierte Gewalt und sagte den Mitgliedkirchen Unterstützung bei der Umsetzung von Schutzmassnahmen zu. 

«Wir machen immer noch Fehler», sagt Famos. «Aber wir dürfen mittlerweile auch zeigen, was wir können und gelernt haben.» Entscheidend ist für die Theologin, dass die Schutzmassnahmen nicht in Ordnern verschwinden, sondern in allen Handlungsfeldern der Kirche, etwa im Konfirmandenunterricht oder in der Seelsorge, selbstverständlich gelebt werden.

Unabhängige Meldestellen

Dass die Konferenz ausgerechnet in Warschau stattfand, war kein Zufall. Nach einem gravierenden Missbrauchsfall verpflichtete Polen Organisationen, die mit Kindern und besonders schutzbedürftigen Menschen arbeiten, gesetzlich zu Schutzkonzepten. «Die polnischen Kirchen wollten mit den europäischen Kirchen in den Austausch kommen, um diese Aufgabe gemeinsam zu lösen», sagt Rita Famos. Gerade darum, aber auch weil andere Mitgliedkirchen noch am Anfang stünden, sei der Erfahrungsaustausch innerhalb der GEKE so wichtig.

Auch Guido Fluri sieht in Warschau ein wichtiges Signal. Der Unternehmer und Aktivist unterstützte die Konferenz mit seiner Guido Fluri Stiftung. Mit seiner European Justice Initiative setzt er sich seit Jahren europaweit für Betroffene institutionellen Missbrauchs ein. Er würdigt, dass die reformierten Kirchen das Thema offen angehen und Rita Famos den Prozess in der GEKE «mit grosser Beharrlichkeit» vorangetrieben habe.

Sein Engagement hat persönliche Wurzeln. Seine Mutter wurde als unverheiratete Jugendliche stigmatisiert. Später begegnete Fluri vielen Menschen, die schweres institutionelles Unrecht erlitten hatten. Besonders erschüttert hat ihn, dass viele der Betroffenen jahrzehntelang schwiegen, weil sie Angst hatten, dass ihnen niemand glaubt.

Für Fluri ist das Signal der GEKE weit mehr als ein symbolischer Akt: «Das ist ein mutiger Entscheid.» Nun müsse er konkrete Folgen haben. Dazu zählen die Anerkennung des Leids, Aufarbeitung und Wiedergutmachung. Zudem fordert er unabhängige Anlaufstellen. Niemand soll bei jener Institution Hilfe suchen müssen, in welcher der Missbrauch geschah, sagt das ehemalige Heimkind.

Europäisches Netzwerk

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa vereint 96 evangelische Kirchen aus über 30 Ländern. Seit 1973 fördert sie den theologischen und gesellschaftlichen Austausch zwischen den Mitgliedkirchen.