«Die Bibel lässt sich nie nur von einer Seite vereinnahmen»

Theologie

Bibelwissenschaftlerin Hannah M. Strømmen forscht, wie biblische Texte von extrem rechten Politikern interpretiert werden. Das Feindbild Islam spielt dabei eine wichtige Rolle. 

Die Bibel wird seit Jahrhunderten in sozialen und politischen Zusammenhängen zitiert. Warum kommt sie offenbar nie aus der Mode?
Hannah Strømmen: Die Kultur sämtlicher Denker, die für die Entwicklung Europas und der Demokratie relevant waren, zum Beispiel John Locke oder Thomas Hobbes, fusste auf dem Christentum. Dass die Bibel bis heute noch eine grosse Rolle spielt, hat wohl damit zu tun, dass in ihr die Politik der damaligen Zeit gespiegelt wird. Damals gab es keine Trennung von Politik und Religion. Das macht es leicht, sie politisch zu verwenden. Zugleich ist die Bibel eine enorm reiche Ressource. Fast jeder Blick auf die Welt, jede Lebenssituation lässt sich in ihr finden. Das macht sie so gut nutzbar.

Von unterschiedlichsten Strömungen von links bis rechts.
Die Interpretationsmöglichkeiten sind gross. In der Bergpredigt empfiehlt Jesus, dem Feind auch die andere Wange hinzuhalten. Er predigt Liebe und Frieden. Ebenso im Markusevangelium, dort sagt er, wir sollten unseren Nachbarn lieben wie uns selbst. Aber Jesus kann auch als gewalttätiger König dargestellt werden, der kommt, um den Feind zu vernichten, wie es im Buch der Offenbarung heisst. 

Hannah M. Strømmen

Hannah M. Strømmen

Die britisch-norwegische Forscherin lehrt an der Universität Lund in Schweden. Zuvor war sie an der University  of Chichester (UK) tätig. Strømmen untersucht, wie biblische Texte in
terpretiert und verstanden werden, ihr Interesse gilt vor allem rechten  politischen Strömungen. 2024 veröffentlichte sie «The Bibles of the  Far Right». Mitte März sprach sie zum Thema an der Universität Zürich. 

Wie entscheidend ist der Kontext, in dem Politiker zitieren?
Der Kontext ist entscheidend, aber oft befassen sich Politikerinnen und Politiker weniger mit Exegese als Theologen oder Wissenschaftlerinnen. Das ist insbesondere dann problematisch, wenn die Bibel genutzt wird, um Gewalt oder undemokratische Handlungen zu legitimieren. Grundsätzlich kann man die Bibel aber durchaus auch als eine Sammlung verschiedener Schriften sehen, die auf demokratische Weise allen Menschen offenstehen soll. Auch im Alltag erfreuen sich Menschen an einzelnen Bibelversen, und das ist ja etwas Schönes. 

Heutzutage leben wir im Westen  in vergleichsweise säkularen Gesellschaften. Warum stösst die Idee christlicher Nationen in vielen Ländern dennoch auf viel Resonanz?
In vielen rechten Publikationen, die ich in meiner Forschung angeschaut habe, steht die Bibel für Traditionen und Werte des Westens. So auch im Manifest des Attentäters Anders Behring Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete. Das ist ein interessantes Dokument, denn darin finden sich alle möglichen Zitate und Argumentationsmuster von konservativen bis hin zu rechtsradikalen Denkern. Auch das Christentum und die Bibel spielen eine Rolle. Letztere wird auf zwei Arten gedeutet. Als Quelle der westlichen Zivilisation, wie es viele konservative Politiker tun, auch der ehemalige britische Premierminister David Cameron. Und als Legitimation von Gewalt, wie wir es in den USA etwa beim Sturm auf das Kapitol gesehen haben. 

Die Vorstellung, dass der Islam nicht zum Westen gehört, wird von extremen Kräften weiterentwickelt.

Gehen die Deutungen nicht am Schluss in die gleiche Richtung?
Das ist so, wenngleich diejenigen, welche die Bibel als Quelle westlicher Zivilisation betrachten, oft nicht mit Terrorismus oder Gewalt assoziiert werden wollen. Die harmlosere Verwendung baut primär den Islam zu einem Feindbild auf. In dem Zusammenhang wird wenig aus der Bibel selbst zitiert. Dennoch ist die Verwendung nicht banal, die Vorstellung, dass der Islam nicht zum Westen gehört, wird von extremen Kräften weiterentwickelt.

Gibt es konkrete Bibelstellen, die rechte Kreise häufig verwenden?
Die Geschichte von Davids Kampf gegen Goliath wäre ein Beispiel. Sie kommt in Breiviks Manifest vor und wird auch im evangelikalen Lager der Trump-Unterstützer erzählt. Da geht es um die Idee der Christen als Minderheit gegen den grossen Gegner. In den alttestamentarischen Büchern sind Daniel und Esther solche Figuren, die sowohl von den katholischen Integralisten als auch den Evangelikalen zu religiösen Helden stilisiert werden, weil sie sich konkret in politische Vorgänge ihrer Zeit eingemischt haben. 

Die biblische Rhetorik in der US-Politik hat durch Trump zugenommen. Aber die Idee, dass die USA ein christliches Land sind, und die Vorstellung, dass die westliche Zivilisation vor dem Kollaps gerettet werden muss, sind nicht neu.

US-Vizepräsident James David Vance steht den katholischen Integralisten nahe. Wie geht deren  Ideologie mit jener der Evangelikalen um Trump zusammen?
Die grösste Gemeinsamkeit ist die Überzeugung, dass Religion einen Einfluss auf die Politik haben sollte. Und beiden Strömungen geht es auch darum, den christlichen Westen vor dem angenommenen Kollaps zu retten.

Religion hat schon immer eine Rolle in der US-Politik gespielt, aber  ein Präsident, der sich für den Auserwählten hält und Bibeln verkauft, scheint eher ein neues Phänomen. Wie erklären Sie sich das?
Die biblische Rhetorik in der US-Politik hat durch Trump zugenommen. Aber die Idee, dass die USA ein christliches Land sind, und die Vorstellung, dass die westliche Zivilisation vor dem Kollaps gerettet werden muss, sind nicht neu. Ich habe darüber geforscht, wie der Westen seit den 1990er-Jahren als christlich charakterisiert wird. Nicht, weil diese Vorstellungen damals erstmals entstanden, sondern weil zeitgleich die Darstellung des Islam als angebliche Bedrohung für den Westen aufkam. Die immer aggressivere Anti-Einwanderungsrhetorik, die sich oft auf muslimische Migranten konzentriert, wird teils mit der Vorstellung gerechtfertigt, dass diese nicht in den «christlichen Westen» gehören.

Der britische Bibelforscher Hugh Piper argumentiert, dass die Bibel darum so lange relevant geblieben ist, weil sie selbst voller Memes ist.

Hat auch das Aufkommen von Social Media Bibelzitaten in der  Politik ein Comeback verschafft?
Ich denke schon. Der britische Bibelforscher Hugh Piper argumentiert, dass die Bibel darum so lange relevant geblieben ist, weil sie selbst voller Memes ist. Sie beinhaltet lauter kleine Bruchstücke, die sich verwenden und reproduzieren lassen für unterschiedlichste Positionen und Situationen. Ultimativ gibt mir genau das auch Hoffnung.

Inwiefern?
In der Bibel gibt es auch all die Prinzipien wie Nächstenliebe oder Feindesliebe, die befreiungstheologische Seite. Die Bibel lässt sich nie nur von einer Seite vereinnahmen. Sie lässt sich auch verwenden, um gegenteilig zu argumentieren. Und in diesen Zeiten stimmt das doch hoffnungsvoll.