Mit 27 stiegen Sie vor 15 Jahren bei der Kirchlichen Gassenarbeit in Bern ein. Wie kam das?
Ruedi Löffel: Ich wurde darauf angesprochen, ob mich die Stelle interessiere. Gelernt hatte ich Baumschulist und zwei Jahre auf dem Job gearbeitet – so wurde ich bei der Gassenarbeit als Quereinsteiger angestellt. Ich hatte zwar jahrelange Erfahrung aus der Pfadi, mich engagiert in der Berner Reitschule, im Restaurant Sous le Pont und auch in der Gassenküche, jedoch keine offizielle Ausbildung im sozialen Bereich.
Der Entscheid des damaligen Vorstands war aber offenbar gut.
Es stimmte für alle. Durch mein Engagement vor dem Job kannte ich schon viele Leute von der Gasse. Und bei neuen Begegnungen als Gassenarbeiter fragten sie dann oft, ob ich Sozialarbeiter sei – und die Verneinung war eher Türöffner als ein Nachteil. Schliesslich wurde ich gut begleitet und absolvierte Weiterbildungen. Teils fehlendes Wissen kann ich nun mit meiner Vorgeschichte vielleicht durch offenere Ideen etwas wettmachen.
Schon 2013 sagten Sie, Ihre Aufgabe sei es, «bedingungslos für die Ärmsten und Schwächsten» da zu sein. Inwiefern gilt das noch?
Genau gleich wie damals: Das ist das Grundziel, unser A und O. Aber es wird immer schwieriger, dem gerecht zu werden, etwa weil immer mehr äussere Bedingungen einfach erfüllt sein müssen.
Welche zum Beispiel?
Die Digitalisierung bringt mit sich, dass wir viel mehr Zeit für Formales aufwenden müssen, statt uns direkt um Bedürfnisse kümmern zu können. Früher konnten wir etwa bei einem Gespräch mit einem Hilfe suchenden Menschen meist einfach kurz mit den wichtigen Stellen telefonieren. Heute ist das schwierig. Vielfach ist allein die Kontaktaufnahme via Formular oder Mail möglich – oder man landet erst mal in der Warteschleife am Telefon.
Wir müssen viel mehr Runden drehen, bis konkrete Hilfe möglich ist. Für unsere Klientel ist das eine grosse Hürde. Oft ist es schon nur schwierig, mit den Leuten für die folgende Woche einen Termin zu vereinbaren, um dann weiter auf das Bedürfnis eingehen zu können.
