Gesellschaft 15. April 2026, von Tilman Zuber/kirchenbote.ch

So wirken die Kirchen als gesellschaftlicher Hebel

Politik

Die Solothurner Landeskirchen haben eine beeindruckende Bilanz vorgelegt: Jeder Franken staatlicher Unterstützung erzeugt mehr als das Doppelte an gesellschaftlichem Nutzen. 

Die Solothurner Landeskirchen müssen alle sechs Jahre ihre Leistungsbilanz ausweisen, so will es das Gesetz zum Finanzausgleich der Kirchgemeinden. Diese Bilanz bildet die Grundlage für die Festlegung des jährlichen Staatsbeitrags durch den Kantonsrat an die Kirchen. 

Die Botschaft ist klar: Die Kirchen müssen liefern, um weiterhin Unterstützung zu erhalten. «Der Bericht ist keine freiwillige Übung», erklärte denn auch Ruedi Köhli, Präsident der solothurnischen interkonfessionellen Konferenz (SIKO), an der Pressekonferenz. Die aktuelle Bilanz bildet die Entscheidungsgrundlage für den Kantonsrat im Juni – und die Kirchen haben geliefert: Für die 10 Millionen Franken, die der Kanton zahlt, erbringen sie Leistungen im Wert von 23 Millionen Franken. «Und das ist konservativ geschätzt», betonte Studienleiter Michael Marti mehrfach. 

Den finanziellen Wert mancher Leistungen zu beziffern, war nicht einfach.
Michael Marti, Studienleiter Institut Ecoplan

Zwei unabhängige Studien des Instituts Ecoplan zeigen detailliert, welche gesellschaftlichen Leistungen die Solothurner Kirchgemeinden und Landeskirchen erbringen. Sie untersuchten sowohl die Mittelverwendung der drei Landeskirchen als auch die direkten Leistungen der Kirchgemeinden. 

Dazu zählen Angebote für Kinder, Jugendliche, Senioren, Armutsbetroffene und Flüchtlinge, Seelsorge, Kulturgüter, Nothilfe und vieles mehr. «Den finanziellen Wert mancher Leistungen zu beziffern, war nicht einfach», räumte Marti ein. So lasse sich der Wert der St.-Ursen-Kathedrale für das Ortsbild und den Tourismus kaum in Zahlen fassen. Auch Kasualien wie Beerdigungen, Trauungen und Taufen blieben unberücksichtigt, obwohl sie jährlich rund 400‘000 Menschen anziehen und gesellschaftlich bedeutend sind. 

Seelsorge und soziale Arbeit: unverzichtbar und oft unsichtbar 

Die Landeskirchen investieren die Hälfte ihrer Mittel in Spezialseelsorge und Fachstellen, etwa in Spital-, Gefängnis- oder Notfallseelsorge. Allein die Spitalseelsorge verzeichnet jährlich 9500 Kontakte. 

«Wer Angehörige auf der Intensivstation begleitet hat, weiss, dass medizinische Kompetenz allein nicht reicht», hiess es an der Pressekonferenz. Seelsorgerinnen und Seelsorger schliessen hier eine Lücke, die das Gesundheitssystem nicht füllt – oft rund um die Uhr und ohne Rechnung. 

Evelyn Borer, Synodalratspräsidentin der reformierten Kirche Kanton Solothurn, betonte, dass die kirchlichen Leistungen allen offenstehen, unabhängig von einer Mitgliedschaft. Weitere Mittel fliessen in Organisationen wie Caritas, Heks oder Ehe- und Partnerschaftsberatung. 

Wir haben bewusst zurückhaltend gerechnet, um Vorwürfen der Schönfärberei vorzubeugen.
Michael Marti, Studienleiter Institut Ecoplan

Auf Gemeindeebene beeindrucken die Zahlen besonders: Die 97 Kirchgemeinden leisten jährlich rund 400‘000 Arbeitsstunden, das entspricht 238 Vollzeitstellen, grösstenteils ehrenamtlich. Rund 46 Prozent dieser Arbeit wird von Freiwilligen erbracht. Ob Mittagstische für Senioren, Jugendgruppen, Besuchsdienste, Trauerbegleitung oder Deutschkurse für Migranten – es ist die unspektakuläre, kleinteilige Sozialarbeit, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt und in keiner Staatsrechnung auftaucht, erklärte Marti. 

Der monetäre Wert dieser Leistungen beträgt mindestens 19,8 Millionen Franken pro Jahr. Gebäude, Infrastruktur oder immaterielle Effekte wie sozialer Zusammenhalt sind dabei nicht eingerechnet. «Wir haben bewusst zurückhaltend gerechnet, um Vorwürfen der Schönfärberei vorzubeugen», betonte Marti. 

Ohne Kirchen wird es teuer 

Evelyn Borer ist überzeugt, dass der Staat diese Leistungen nicht ersetzen könnte, da er die Freiwilligen nicht erreicht. Ohne die Kirchen würde vieles teurer, und manche Projekte wären gar nicht realisierbar. 

Auch Marti sieht das so: «Die Studie zeigt nüchtern, dass der Kanton oder die Einwohnergemeinde diese Aufgaben übernehmen müsste, wenn die Kirchen sie nicht mehr leisten.  Ohne Freiwillige wird er das nicht schaffen.» Zudem stiften die Kirchen Stabilität und kulturelle Identität. 

Der kirchliche Finanzausgleich wirkt dabei wie ein Hebel, der die staatlichen Mittel mehr als verdoppelt. Das ist die politische Botschaft hinter den Zahlen. Ruedi Köhli betonte, dass die Kirchen diese Leistungen seit Jahrzehnten still und im Hintergrund erbringen. «Unser Ziel ist es, mit den 10 Millionen Franken aus dem Finanzausgleich weiterhin zum Wohl der Gesellschaft beizutragen.» 

Köhli hofft auf die Politik: Wenn man etwas Gutes tue, sollte dies akzeptiert und honoriert werden. Im Juni liegt dann die Entscheidung beim Kantonsrat.