Die Kiefernhöhlenentzündung ist ihm nicht anzumerken. In anderthalb Stunden hat Roger Föhn einen Riesentopf Suppe mit frischen Pilzen zubereitet und zehn Kilo Geschnetzeltes angebraten, Früchte geschnitten und Salat gewaschen. Um zehn Uhr morgens steht fast alles bereit für den öffentlichen Mittagstisch, den der 63-jährige Sigrist der reformierten Kirchgemeinde Zürich Hirzenbach schon seit 15 Jahren jeden Dienstag organisiert.
Ein Leben rund um Kirche und Herd
Der Sigrist Roger Föhn bringt Menschen am Mittagstisch zusammen. Er verbindet Kirchendienst, Kochen und Hilfe für Kinder.
Roger Föhn wirkt gern im Hintergrund. Die Küche im Kirchgemeindehaus ist ein Lieblingsort. (Foto: Désirée Good)

Dabei lag er gerade noch im Bett, eine Woche lang. Die Schmerzen sind nicht ganz weg, die Müdigkeit auch nicht. Doch würde Föhn heute nicht an den grossen Kochtöpfen stehen, müssten sich 40 Frauen und Männer selbst ein Mittagessen organisieren. Alle sind im Seniorenalter. Und die meisten von ihnen würden allein am Tisch sitzen. Diese Vorstellung tut dem Sigristen weh. «Allein essen ist nicht schön.»
Marmelade mit Mission
Dass ein Sigrist 20 Prozent seines Pensums mit Kochen verbringt, ist in der Schweiz ungewöhnlich. Bei Roger Föhn wirkt es selbstverständlich. Er lernte zunächst Koch, bevor er mit 25 Jahren seinen Job in einem Restaurant aufgab und in die Kirche wechselte, die er von klein auf kannte. In der Stefanskirche hatte er die Jugendgruppe besucht, später als Erwachsener war er in eine Wohnung keine fünf Minuten von der Kirche entfernt gezogen. Er überlegte nicht lange, als dort die Sigristenstelle ausgeschrieben war. Roger Föhn sehnte sich nach einer Arbeit, bei der er mit Menschen zu tun hat.
Kochen gehörte damals noch nicht zu seiner Arbeit. Doch als die Freiwillige ausfiel, die den Mittagstisch zubereitete, übernahm der Sigrist mit Freude. Seither taucht das Kochen immer wieder in seinem Alltag auf. In seinem Büro stehen Flaschen mit Speiseölen und Dörrgeräte für Früchte und Pilze, die er jeweils im Herbst selbst sammelt. Manchmal verarbeitet er auch Zutaten, die er aus Übersee mitbringt. In einem Regal stehen kistenweise Konfitüren in über 100 Variationen, darunter «Cupuaçu» und «Graviola». Die Gläser verkauft Föhn im Gemeindehaus, am Schwamendinger Markt und im «Coffee & Deeds» der Kirchgemeinde. Der Erlös fliesst in einen Kindergarten in Brasilien.
Dienen aus Glauben
Seine persönliche Geschichte verbindet Föhn mit dem Kindergarten. 1998 lernte er in Brasilien in einem Projekt für Strassenkinder seine Frau kennen. Gemeinsam gründeten sie den Kindergarten, den sie jedes Jahr besuchen und den auch die Kirchgemeinde mitträgt.
Nach 38 Jahren nennt der Sigrist seine Arbeit noch immer «einen absoluten Traumjob». Schon als junger Mann habe er gewusst, dass er Menschen dienen wolle. «Das gehört zu meinem Glauben.» Als Sigrist sei er im Hintergrund, was ihm behage, und sorge dafür, dass sich andere wohlfühlen. Weil er viel Zeit im Kirchgemeindehaus verbringt, begegnet er den unterschiedlichsten Menschen und kann ihnen auf vielfältige Art helfen.
Weisheit des Alterns
Nicht immer verlief alles in seinem Leben reibungslos. Nach der Geburt des ersten Kindes erlitt Föhn ein Burn-out. Später geriet er in einen Konflikt zwischen Pfarrer und Kirchenpflege. «Das war schwierig auszuhalten», sagt er. «Aber ich habe gelernt, meine Grenzen besser wahrzunehmen, und kann jetzt auch offener kommunizieren.»
Um halb zwölf setzen sich die ersten Gäste an die gedeckten Tischinseln im Gemeindesaal. Viele werfen vorher einen Blick in die Küche, grüssen Föhn, der in einem dampfenden Topf Reis rührt, schnuppern genussvoll. Zwei Männer sitzen nebeneinander, wie immer. Sonst sehen sie sich nie. Drei Wochen mussten die Mittagstischgäste wegen der Skiferien und der Kinderwoche im Gemeindehaus warten. «Ich hatte die ganze Zeit nichts zu essen», witzelt der eine der beiden. Sein Tischnachbar nickt: «Gut, ist Roger wieder da.»