Neue Ideen für alte Kirchenmauern

Kirchenumnutzung

Kirchenräume nicht nur für Gottesdienste zu nutzen, ist ein wachsender Trend. Eine Expertin erklärt, worauf es ankommt.

Darf mehr als ein Gottesdienst sein, ergeben sich Möglichkeiten.
Marion Munz-Krines Geschäftsleitung Kips GmbH

Funkelnde Lichter weisen an diesem Abend zur Eingangstür der reformierten Kirche in Landquart. Aus dem Innenraum strömt Nebel. Rechts am Eingang reicht Vorstandsmitglied Patric Riederer den Besuchenden Kopfhörer, die in verschiedenen Farben blinken. «Rot für die Musik des anwesenden DJs, grün für Schlager und violett für House», erklärt er. So ausgestattet, treten die Besucherinnen und Besucher in die Kirche ein. Die bunten Lichter tanzen an den Wänden, der Altarraum ist zur Tanzfläche geworden. Menschen wiegen sich im Takt der gewählten Musik, die aus ihren Kopfhörern kommt. 

Sozialdiakon Walter Bstieler hatte die Idee, die Kirche Landquart zum 100. Geburtstag in eine Disco zu verwandeln. Aber eben in eine «leise» Disco. Eine Premiere im Kanton. 6 bis 75 Jahre alt waren die Besucherinnen und Besucher, und zu Spitzenzeiten befüllten bis zu 60 Personen den Kirchenraum. 

Anders als ein Gottesdienst 

Sakrale Räume anders als für den Gottesdienst zu nutzen, ist jedoch keine Eintagsfliege, sondern ein Trend. So haben die Zahlen derjenigen, die einen Gottesdienst besuchen, stetig abgenommen. Waren es laut Bundesamt für Statistik 2014 noch ein Drittel der Befragten, die sonntags in die Kirche gehen, so sind es 2024 mehr als die Hälfte, die angaben, keinen Gottesdienst mehr besucht zu haben. Tendenz steigend. Zeit also, sich zu überlegen, wie die Zukunft der kirchlichen Räume aussehen kann. 

Mit diesem Thema beschäftigt sich Marion Munz-Krines. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung der Kips GmbH, eines Beratungsunternehmens für Immobilienconsulting und Organisationsentwicklung in Kirche und Sozialwirtschaft. An der diesjährigen Zukunftstagung der reformierten Landeskirche gab sie einen Workshop zum Thema. «Wichtig ist, dass die Kirchgemeinde sich darüber klar wird, wohin sie will. Fragen wie «Was heisst für uns evangelisch-reformiert sein heute?» und «Wie kann sich das auf die Nutzung unserer Räume auswirken?» helfen dabei. «Wenn mehr als der Sonntagsgottesdienst stattfinden darf, dann ergeben sich Möglichkeiten», so Munz-Krines. 

Leben statt Leerstand 

Als gelungenes Beispiel nennt sie den Open Place in Kreuzlingen. Er ist Teil der evangelischen Kirchgemeinde Kreuzlingen, als soziale Anlaufstelle hat es auch regionale Ausstrahlung. Oder etwa das Projekt «Dorfkirche mon amour». Hier werden verwaiste oder selten genutzte Kirchen in Norddeutschland zu offenen Räumen für Kultur, Gemeinschaft und neue Ideen. Es finden zum Beispiel Konzerte, Workshops, Mitmach-Theater, Lesungen, Installationen, Bandproben und weiteres mehr statt. Menschen vor Ort gestalten selbst, unterstützt werden sie mit Ressourcen und Finanzmitteln der Nordkirche. Am Anfang jeder Veränderung sei es wichtig, vor Ort zu schauen, was es braucht: ein Gruppenraum?, eine Kita?, ein Ort der Stille?, eine Bücherei? «Und dann hilft es, eine Idee einfach einmal auszuprobieren, sie muss ja nicht für immer sein», ermutigt Munz-Krines. 

Kirchen prägen das Landschaftsbild

Speziell für Graubünden bietet sich aus ihrer Sicht auch der Schulterschluss mit dem Tourismus an. «Kirchen prägen das landschaftliche Bild.» Sinnvoll sei es, sich über den Stellenwert der Kirchen für die hiesige Landschaft auszutauschen. Walter Bstieler aus Landquart jedenfalls ist zufrieden mit der ersten Silent Disco in seiner Kirche. «Es wird sicher eine Wiederholung geben», sagt er.

100 Jahre Kirche Landquart

Die Kirche mit ihrem charakteristischen Walmdach und dem Turm wurde 1925 im Zuge des Wachstums von Landquart erbaut. Sie feiert dieses Jahr ihren 100. Geburtstag. Die markante Farbgestaltung im Innenraum (hellblau und weiss) stammt von Augusto Giacometti, die Stuckaturen von Otto Kappeler.
Festprogramm: www.landquart-ref.ch.