«Es bräuchte eine grundlegende ökologische Steuerreform»

Nachhaltigkeit

Vor 50 Jahren gründete Josef Jenni seine Energietechnik-Firma. Jetzt hat der Solarpionier und christliche Politiker die Leitung abgegeben. Seine Haltung aber bleibt – beharrlich.

Vor 50 Jahren haben Sie Ihre Firma gegründet, waren seither wegweisend im Bereich der erneuerbaren Energie in der Schweiz. Welche wichtigsten Wünsche oder Visionen oder Ziele haben Sie erreicht – und welche nicht?

Josef Jenni: Das ist eine schwierige Frage. Wir haben sicher wegweisende Beiträge geleistet. Aber bis zur Energiewende braucht es immer noch viel; das ist kein Selbstläufer. Zwar ist der Anteil erneuerbarer Energien gestiegen, zugleich aber auch der Verbrauch. So decken die Erneuerbaren bisher einfach den Mehrverbrauch ab. 

Was wäre denn noch nötig?

Neben der höheren Produktion von erneuerbarer Energie müsste die Spartechnik weiter vorangebracht werden. Und wir müssen bescheidener leben. Das ist leider überhaupt kein Thema, weil man damit keine Politik machen kann. Aber es ist unumgänglich. Die Gesellschaft hat das leider noch nicht begriffen.

Das klingt jetzt eher pessimistisch.

Es ist realistisch! Und es ändert nichts daran, dass ich mich nach wie vor mit Begeisterung einsetze. Ich halte mich an das Zitat, das Luther zugeschrieben wird: «Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.»

Josef Jenni, 72

Der Elektroingenieur führte bisher mit der Jenni Energietechnik AG in Oberburg bei Burgdorf ein Unternehmen mit rund 70 Mitarbeitenden. Im Bereich der Solarenergie gilt er als Pionier in der Schweiz. Unter anderem war er 1985 Hauptinitiant der «Tour de Sol», des weltweit ersten Solarmobilrennens. 1989 baute Jenni in Oberburg in der Nähe von Burgdorf das erste vollständig mit Sonnenenergie beheizte Wohnhaus Europas. 1991 gewann sein Unternehmen beim Schweizer Solarpreis den Sonder-Solarpreis, weitere – auch internationale – Auszeichnungen folgten, so 2009 der «National Award» für die Schweiz beim Energy Globe Award und 2008 durch das Bundesamt für Energie der «Watt d’Or» für sein Lebenswerk zugunsten der Solarenergie.

Er ist Mitglied der Freien Missionsgemeinde Oberburg und sass als EVP-Politiker von 2006 bis 2012 im Grossen Rat des Kantons Bern, wechselte dann in die Bürgerlich-Demokratische Partei (BDP). Er ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern und eines Sohnes.

Im neuen Buch schreiben Sie, vor fünf Jahren hätten Sie sich noch nicht so wie jetzt für Elektroheizelemente begeistert. Was ist da passiert?

Wir haben einen Boom von Photovoltaik, also der Stromproduktion mit Sonnenenergie. Das stimmt zuversichtlich. Aber in der Zeit, wenn die Sonne am meisten scheint, will niemand diese Energie. Ein weiterer Aspekt: In der Schweiz ist die Energiegewinnung durch Holzfeuerungen aktuell so weit, dass wir ungefähr so viel verbrennen, wie nachhaltig nachwächst. Nun wäre damit der Zeitpunkt gekommen, dass es sinnvoll wird, den überschüssigen Solarstrom in Wärme umzuwandeln: Es müsste nicht mehr Holz verbrannt werden, und der Strom würde genutzt.

Wie beurteilen Sie heute den Boom der individuellen E-Mobilität und die Entwicklung bei den Akkus?

Das hätten wir uns in der Ingenieurschule nie vorgestellt! Mit der heutigen Akkutechnik gelang ein Quantensprung. Mühe habe ich dann aber, dass viele mit teuren, schweren Autos unterwegs sind, die fast wie Panzer daherkommen. Wir bräuchten leichtere, energieeffiziente Chäreli, wenn wir das CO2-Problem angehen wollen. Die heutigen Fahrzeuge sind erst nach viel fahren ökologischer als Verbrenner, und der Bedarf an Ressourcen gefährdet unter anderem Lebensgrundlagen von indigenen Völkern. 

Nach wie vor finden Sie, es herrsche überbordende Reglementierung und kritisieren Subventionen. Welches wäre auf politischer Ebene Ihrer Ansicht nach der zielgerichtete Weg?

Da sage ich immer noch das Gleiche: Es bräuchte eine ganz grundlegende ökologische Steuerreform. Wer die Umwelt belastet, muss entsprechend bezahlen. Es gab zwar teils schon kleine Schritte, aber eben nicht grundlegende. Komplexe Subventionen hingegen bringen wenig, vielmehr erschweren sie auch uns die Arbeit.

Für mich war und ist es immer ganz wichtig, etwas zu schaffen, das den Menschen dient. Ich denke, dieser Geist lebt in der Firma weiter.

Und wie stehen Sie zu Kernkraft – auch als Übergang von den fossilen zu erneuerbaren Energieträgern?

Kernkraft ist keine Option; der Mensch hätte diese Technik nie entwickeln sollen. Ein entscheidender Punkt: Es ist keine Übergangsenergie. Ein KKW kostet fast gleich viel, ob es Strom produziert oder nicht. Mein Engagement gegen Kernkraft war ursprünglich der Grund für die Firmengründung.

Im Interview vor neun Jahren sagten Sie, Sie sähen Ihr Engagement vor allem als Akt der Nächstenliebe. Was davon wird in Ihrem Unternehmen nun ohne Sie weitergelebt?

Für mich war und ist es immer ganz wichtig, etwas zu schaffen, das den Menschen dient. Ich denke, dieser Geist lebt in der Firma weiter. Die alte Geschäftsleitung mit meiner Frau und mir tritt ab, und in der jungen ist ebenfalls niemand bewusst auf Geld aus. Natürlich muss das Unternehmen etwas verdienen, damit die Kasse im Lot bleibt. Aber niemand braucht grossen Gewinn für sich.

Ist Ihre christliche Grundhaltung – sie waren länger auch für die EVP politisch engagiert – auch in der Firma zu spüren?

Ich glaube schon, auch wenn wir das nicht explizit handhaben. Wir konnten etwa ein paar Mitarbeitenden mit einer Anstellung aus der Patsche helfen und selbstragend integrieren. Wer mit gegen 60 eine Stelle verliert oder Konkurs geht, hat es sonst schwer. Und ich selbst hatte nie mehr als dreimal mehr Lohn als der tiefste im Unternehmen – und jetzt arbeite ich im Pensionsalter noch für einen sehr tiefen Lohn.

GLP-Präsident Jürg Grossen bezeichnet Sie im Buchvorwort als ruhig, beharrlich, konsequent, immer der Sache verpflichtet. Wie würden Sie selbst die Beschreibung allenfalls ändern?

Das passt wohl schon. Meine Frau sagt, meine beste und schlechteste Eigenschaft sei Beharrlichkeit. Dass ich gerne mit anderen Menschen zusammenarbeite, wäre noch zu ergänzen. Und ich denke, wir leben privat relativ bescheiden. Zum Beispiel habe ich mal ausgerechnet, wie viel ich seit meiner Volljährigkeit für Autokäufe ausgegeben habe – und ich hatte immer ein Auto: Es waren bisher total 52‘000 Franken. Ich empfinde es als sehr befreiend, wenn man nicht alles haben muss. 

Buch zum Jubiläum

Zum diesjährigen 50-Jahr-Jubiläum der Jenni Energietechnik AG ist ein Büchlein erschienen, in dem Josef Jenni mit Anekdoten auf fünf Jahrzehnte Unternehmertum zurückblickt. Es geht um Begegnungen, Entscheidungen, Herausforderungen und prägende Moment. Die Erzählungen reichen von den Anfängen mit dem ersten selbstgebauten Kollektor bis zur Übergabe der Verantwortung an die nächste Generation. Das Buch lädt dazu ein, über das eigene Handeln nachzudenken und darüber, wie wir mit unserer Arbeit zu einer lebenswerten Zukunft beitragen können – und dass eine Energiewende dringend nötig ist. Es kann auf der Website bestellt werden.

Josef Jennis älteres Buch «Wie erreichen wir die Energiewende konkret?» ist kostenlos als PDF herunterladbar.