Wie haben Sies mit der Religion, Marianne Fatton?
Ich bin protestantisch aufgewachsen und besuchte den kirchlichen Unterricht. Heute praktiziere ich nicht aktiv, habe aber einen persönlichen Glauben bewahrt. Zu wissen, dass etwas über mir wacht, an das ich mich wenden kann, tröstet mich. Vor den Olympischen Spielen beruhigte es mich, darum zu beten, dass alles gut läuft.
In welchen Situationen kommt Ihr Glaube besonders zum Tragen?
In guten wie in schlechten Momenten. Nach grossen Erfolgen habe ich ab und zu das Gefühl, nicht ganz dazu legitimiert zu sein, oder ich tue mich schwer damit, den Erfolg zu geniessen. Mir hilft es dann, mir zu sagen: Wenn mir das Leben so etwas schenkt, habe ich das Recht, es zu geniessen und glücklich zu sein. Und einmal verletzte ich mich kurz vor einem Wettkampf. Um die Hoffnung nicht zu verlieren, verliess ich mich auf den Gedanken, dass ich aus der Krise etwas lernen könne.
Welche Werte sind Ihnen wichtig?
Religion zeigte mir die Kraft der Dankbarkeit. Sie macht schwierige Zeiten erträglicher und schöne Momente kostbarer. Ich versuche, sogar für Menschen dankbar zu sein, die mich verletzt haben. Denn solche Erlebnisse stärken mich. Mir ist auch Einfachheit wichtig: Glück liegt oft in simplen Dingen. Toleranz kann viele Konflikte lösen, und auch gegenseitige Hilfe ist sehr kraftvoll. Anderen zu helfen, erfüllt mich tief mit Wohlbefinden.
Hat die Natur, die Sie so schätzen, eine spirituelle Dimension für Sie?
Auf jeden Fall. Die Natur bringt uns Menschen wieder mit uns selbst in Kontakt, wirkt beruhigend. Sie vereinfacht, wenn alles kompliziert erscheint. Manchmal bekommen auch Momente besondere Bedeutung: Am Tag der Beerdigung meines Grossvaters sah ich im Wald einen Lichtkranz im Nebel. Ich vertraue, dass mein Grossvater sich so verabschiedet hat und weiter über uns wacht.
