Die Kunst des Scheiterns

Theologie

Der Theologe Ralf Frisch verbindet die Kunst von Alberto Giacometti mit dem Reden von Gott, das scheitern muss. Seine Begeisterung inspiriert, sein Pathos trübt den Blick. 

Die Kunst von Alberto Giacometti fasziniert. Seine solitären Figuren scheinen vom Raum erdrückt zu werden und zugleich geheimnisvoll beseelt. In seinem Buch will der Theologe Ralf Frisch dem Sog der Werke auf die Spur kommen.

Der grosse Rest

Giacometti sagte einmal, ihm sei beim Zeichnen aufgefallen, dass das Einzige, was Leben besass, sich im Blick zeigte. «Der Rest, der Kopf, der sich in einen Schädel verwandelte, entsprach mehr oder weniger einem Totenschädel.» Mit dem Tod gibt er sich nicht zufrieden. Der Künstler will das Leben festhalten und muss daran scheitern, zusehen, wie es unter seinen Händen zerfällt.

Frisch umkreist mit seinen mäandrierenden Assoziationen die These, dass es in der Kunst immer um diesen Blick geht, er auch in seiner Absenz präsent bleibt: «Dort, wo das Geheimnis des Lebens und dessen Bewusstsein von sich und der Welt beheimatet ist, klafft in Giacomettis Porträts eine Wunde.»

Notenbündel unter dem Bett

Vor 125 Jahren wurde Giacometti geboren. Er wuchs im Bergell in einer Künstlerfamilie auf. Als er mit 21 Jahren nach Paris ging, flocht er sein Netzwerk mit Auftragsarbeiten, fand über Kubismus und Surrealismus seine Ausdrucksform. Die Skulpturen mit ihrer raumgreifenden Fragilität verkauften sich gut.

Heute sind die Werke heiss begehrt. Vor gut zehn Jahren wurde «Homme au doigt» in New York für 141 Millionen Dollar versteigert.

Auch im Erfolg änderte Giacometti seine Lebensweise nicht. Er arbeitete wie besessen in seinem spartanisch eingerichteten Atelier in Paris, rauchte viel und ass wenig. Unter seinem Bett soll er bündelweise Hunderternoten gehortet haben. Die Künstlerexistenz, die sich dem Luxus verweigerte, nährte den Mythos des Aussenseitertums.

Die paradoxe Präsenz

Aus dem Geist, der sich nicht einfangen lässt, speisen Giacomettis Werke paradoxerweise ihre Präsenz. Frisch bringt das oft verzweifelte Ringen der Kunst mit der Sisyphusarbeit der Theologie in einen Gleichklang: «Wer eine wirklich theologische Existenz führt, kann nicht aufhören, von Gott zu reden, von dem kein Mensch reden kann.»

Malerinnen und Dichter, Bildhauer und Theologinnen versuchen, das Unerreichbare zu erreichen. Wie Jakob ringen sie mit dem Engel und lassen ihn nicht, es sei denn, er segnet sie (Gen 32,27) mit Musik, Literatur, Kunst, die über sich hinausweisen und transzendent werden. Virtuos zitiert Frisch Philosophen und Theologen, aus Kunsttheorie und Literatur.

Der männliche Blick

Doch spätestens wenn er Giacomettis Liebesleben, das «die Früchte einer auratischen Kunst der absoluten Ferne und der Unmöglichkeit von Nähe» hervorbringe, beschreibt, öffnen sich Abgründe: Zur Existenz des Künstlers «in Paris gehörten die Prostituierten ebenso wie die Zigaretten, der Kaffee, die hartgekochten Eier und die Kunst». Eine erschreckend beiläufige Objektivierung der Frau.

Giacometti liebte, wie ein Narzisst nun einmal liebt: bedürftig, selbstbezogen, unbarmherzig. Seine Frau Annette erniedrigte er, indem er sie öffentlich um Taschengeld betteln liess. Dafür muss Frisch sich nicht zwingend interessieren, aber dass er Yvonne-Marguerite Poiraudeau, die im Kantonsspital in Chur am Sterbebett des Künstlers sass, lediglich als «fast 40 Jahre jüngere Frau» bezeichnet, die «eine Prostituierte war», lässt tief blicken.

Stumme Objekte

Während die Männer über Gott und die Kunst philosophieren, bleiben die Frauen bis auf wenige Ausnahmen namenlos und stumm. Sie geraten bloss als Musen und Objekte des Begehrens ins Blickfeld.

Frischs Sicht erhellt und verdunkelt zugleich. Zuletzt lässt sie jene Distanz vermissen, die Giacometti in der Kunst zwischen sich und die Welt legte. Denn nun verwandelt sich bei Ralf Frisch der Künstler selbst in einen «bizarren Engel», mit dem die Götter ringen, «bis er sich ihrer erbarmt und seine Kunst zum Medium ihrer Offenbarung werden lässt». Das Pathos der Begeisterung und Steigerung kippt in den Geniekult und trübt den Blick.

Ralf Frisch: Der Kampf mit dem Engel.  Ein theologischer Blick auf Alberto Giacometti. TVZ, 2026, 107 Seiten