«Eine sehr menschliche Geschichte»

Film

Die Regisseurin Petra Volpe spricht über ihren neuen Film «Frank & Louis», ihre Recherchen im Gefängnis und die Suche nach der Sinnhaftigkeit des Lebens im Strafvollzug. 

«Frank & Louis» ist Ihr erstes englischsprachiges Langfilmprojekt. Was war das für eine Erfahrung im Vergleich zu Ihren bisherigen Filmen?

Petra Volpe: Ich fühle mich im Englischen mittlerweile sehr zu Hause, weil ich schon zehn Jahre in New York lebe. Und die Schwierigkeiten beim Filmemachen sind auch überall die gleichen, man hat immer zu wenig Geld und zu wenig Zeit. Im Unterschied zu anderen Filmen tauchte ich  dieses Mal in Welten ein, die mir im Alltag gänzlich fremd sind: Ein amerikanisches Männergefängnis und die Thematik von Demenz. Diese Herausforderung hat mir Angst gemacht hat, mich zugleich aber angetrieben.

Das Thema Demenz im Gefängnis ist wenig bekannt. Wie sind Sie darauf gekommen?

Meine Co-Autorin Esther Bernstorff hatte vor Jahren über das Gold Coats-Programm in kalifornischen Gefängnissen gelesen. Wir waren beide völlig fasziniert davon, dass es im Gefängnis Häftlinge gibt, die sich um demente Mitgefangene kümmern. Wir hatten vorher nie darüber nachgedacht, wie Pflege und Alzheimer im Gefängnis aussehen könnten. Schnell war uns klar, dass es sich um eine sehr menschliche Geschichte handelt.

Sie ist also anschlussfähig für ein breites Publikum?

Ja, denn es geht darum, was uns als Menschen ausmacht und die Frage, was uns das Gefühl gibt, Mensch zu sein. Das sind sehr universelle Fragen, der Film geht damit weit über einen Gefängnisfilm hinaus.  

Petra Volpe

1970 in Suhr (AG) geboren, arbeitet Petra Volpe als Drehbuchautorin und Regisseurin. 2017 gewann sie den Schweizer Filmpreis in der Kategorie «Bestes Drehbuch» mit ihrem Film «Die göttliche Ordnung.» Volpe behandelte darin den historischen Kampf der Frauen in der Schweiz für die Einführung des Frauenstimmrechts. Ihr Spielfilm «Heldin», in dem sie den Alltag einer Pflegefachfrau nachzeichnet, wurde 2026 gleich in vier Kategorien mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet und ging für die Schweiz ins Rennen um eine Oscarnominierung.  

Sie haben für den Film vor Ort in einem kalifornischen Gefängnis recherchiert. Wie war das für Sie?

Bevor ich das Gefängnis besuchte, war ich voll mit Bildern und Vorurteilen, die man automatisch hat, wenn man an ein Gefängnis denkt.  Doch als ich mit den Männern dort sprach, merkte ich, es gibt mehr, was uns eint als trennt. Zwar haben wir andere Lebensrealitäten: Mir gegenüber sitzt ein Mensch, der Furchtbares begangen hat und dessen Tat sein ganzes Leben bestimmt, ein Mensch, der auf seine Tat reduziert wird. Doch ein Mensch ist immer mehr als das Schlimmste, was er je getan hat.  Wir haben dieselben Bedürfnisse, sehnen uns nach Liebe, Zugehörigkeit und Vergebung und auch nach Sinnhaftigkeit. Das wollte ich in dem Film erzählen.

Der Film spielt in einem extrem rauen Umfeld, es geht um Schwerverbrecher und Mörder, die gleichzeitig viel Verletzlichkeit zeigen. Haben Sie diese Gegensätze interessiert?

Die Ambivalenz dieser Figuren, insbesondere die der Protagonisten Frank und Louis, müssen auch die Zuschauer aushalten. Ständig muss das Publikum mit sich verhandeln: Wie sieht es diese Figuren? Will es ihnen verzeihen oder nicht? Haben sie Vergebung verdient oder nicht? Wieviel Menschlichkeit verdient ein Mensch, der Leben genommen hat? Darauf gibt der Film keine einfache Antwort, er wirft ethische und moralische Fragen auf und verlangt den Zuschauerinnen und Zuschauern einiges ab.

Eine zentrale Frage ist, welchen Sinn es überhaupt hat, Menschen, die sich an ihre Tat nicht mehr erinnern können, weiterhin die Strafe absitzen zu lassen. Üben Sie Systemkritik?  

Definitiv. Die Gesellschaft, insbesondere in den USA, muss sich fragen, was ein Strafvollzug bringt, der einzig strafend ist und keine Form der Rehabilitation bietet. Es ist eine Tatsache, dass Menschen anderen Menschen furchtbare Dinge antun. Aber rechtfertigt es, dass der Staat den Tätern auch furchtbare Dinge antut oder kann man diese Gewaltspirale irgendwie stoppen? Diese Frage finde ich sehr spannend.

Ihr letzter Spielfilm «Heldin» spielte ausschliesslich in einem Spital, nun drehten sie in einem Gefängnis. Beides kein Umfeld für schöne Bilder, von denen Spielfilme sonst oft leben. Welche speziellen Herausforderungen bringt das Drehen in derart reduziertem Umfeld?

Das ist eine grosse Herausforderung. Doch meine Kamerafrau Judith Kaufmann findet selbst in einer geschlossenen Box noch die besten Bilder. Unser Ziel war es, diese Männer, ihre Körperlichkeit und Verletzlichkeit in den Vordergrund zu stellen und zu fragen, was Gefangenschaft mit der Seele von Frank macht. Judith sucht immer nach dem zutiefst Menschlichen, dem Verletzlichen und Abgründigen, und so schafft sie es, selbst aus einem Gefängnis eine reichhaltige visuelle Erfahrung zu machen.

Auch in «Heldin» stand mit einer Pflegekraft Care-Arbeit im Zentrum. Was zieht Sie immer wieder zu diesem Thema?

Die Arbeit an «Frank & Louis» begann noch vor «Heldin». Nun arbeite ich an einem neuen Film, da geht es um Palliative Care. Es ist eine wahre Geschichte und wird ein Road Movie. Das Themenfeld interessiert mich, weil es so zutiefst menschlich ist und uns alle betrifft. Wir werden mit unseren fragilen Körpern alle irgendwann Pflege brauchen. Oder selbst Angehörige pflegen, weil wir uns um Menschen kümmern, die wir lieben. Das Kümmern ist etwas zutiefst Menschliches. Ich mag das englische Wort «to care»: Etwas hat eine Bedeutung für jemanden, ist für diesen Menschen wichtig. Ich kann mich also fragen: Was bedeutet mir etwas? Was gibt mir Sinn? Glücksstudien zeigen eindeutig, dass Menschen, die mit anderen Menschen zutiefst verbunden sind und sich kümmern, glücklichere Menschen sind als solche, die sich nur für Materielles interessieren. 

Der Protagonist Frank durchläuft einen eindrücklichen Wandel durch seine ehrenamtliche Tätigkeit im Programm.

Ja und das entspricht auch realen Erfahrungen. Das Golden-Coat-Programm ist in seiner Art einmalig. Es wurde vor 20 Jahren von einer Psychologin initiiert, sie stiess damals zunächst auf extremen Widerstand. Kritiker fanden, Mörder könnten nicht Verantwortung übernehmen und andere pflegen. Doch das Gegenteil trat ein, die Care-Arbeit setzte bei den Pflegenden einen unglaublichen persönlichen Prozess in Gang. Er führte dazu, dass Empathie geweckt wurde und die Männer auch eine andere Beziehung zu ihrer Tat entwickelten. Viele erzählten mir, dass sie durch das Programm überhaupt erst verstanden, was sie getan hatten und fähig wurden, ihre Opfer beim Namen zu nennen.    

Sie besuchten das kalifornische Gefängnis mehrfach und sprachen mit Häftlingen. Wie schwierig war die Recherche?

Sie war aufwändig, darum hat es lange gebraucht, diesen Film zu realisieren. Wir schrieben lange am Drehbuch, weil diese Welt so unbekannt für mich und meine Kamerafrau war. Dann fuhren wir mit dem fertigen Drehbuch nochmals hin und lasen das Drehbuch mit den Gefängnisinsassen, holten ihr Feedback ein. Ich hatte das Gefühl, diesen Männern gegenüber auch eine Verantwortung zu haben, ich wollte ihre Welt dem Publikum gut vermitteln. Und dann stellten wir fest, dass wir diesen Film in den USA nicht finanzieren konnten, obwohl es ja eine amerikanische Geschichte ist, und wir jahrelang versucht hatten, die Gelder zusammenzubekommen. So drehten wir schliesslich in Grossbritannien.

Warum war die Finanzierung in den USA gescheitert?

Es ist dort momentan schwierig, diese Art von Dramen zu finanzieren. Der Markt ist derzeit nicht auf solche feinstofflichen, menschlichen Geschichten ausgerichtet.

Hat das mit der Regierung oder auch dem allgemeinen gesellschaftlichen Klima zu tun?

Ich denke das allgemeine Klima und die Regierung der letzten zwei Jahre haben diese Problematik noch verstärkt.

«Heldin» schaffte es vor einem Jahr auf die Shortlist der Oscar-Vorauswahl. Mit Kingsley Ben-Adir und Rob Morgan in den Hauptrollen haben Sie nun auch international bekannte Schauspieler vorzuweisen. Hoffen Sie mit «Frank & Louis» auf einen Academy Award?

Wir werden vermutlich einen Verleih in den USA finden und natürlich bin ich der Ansicht, dass unsere Schauspieler Oscars verdienen. Doch die Academy Awards haben viel mit PR, Geld und Einfluss zu tun. Nur einen guten Film zu machen, reicht nicht aus. Aber man weiss natürlich nie sicher, was passiert.