Sie haben für den Film vor Ort in einem kalifornischen Gefängnis recherchiert. Wie war das für Sie?
Bevor ich das Gefängnis besuchte, war ich voll mit Bildern und Vorurteilen, die man automatisch hat, wenn man an ein Gefängnis denkt. Doch als ich mit den Männern dort sprach, merkte ich, es gibt mehr, was uns eint als trennt. Zwar haben wir andere Lebensrealitäten: Mir gegenüber sitzt ein Mensch, der Furchtbares begangen hat und dessen Tat sein ganzes Leben bestimmt, ein Mensch, der auf seine Tat reduziert wird. Doch ein Mensch ist immer mehr als das Schlimmste, was er je getan hat. Wir haben dieselben Bedürfnisse, sehnen uns nach Liebe, Zugehörigkeit und Vergebung und auch nach Sinnhaftigkeit. Das wollte ich in dem Film erzählen.
Der Film spielt in einem extrem rauen Umfeld, es geht um Schwerverbrecher und Mörder, die gleichzeitig viel Verletzlichkeit zeigen. Haben Sie diese Gegensätze interessiert?
Die Ambivalenz dieser Figuren, insbesondere die der Protagonisten Frank und Louis, müssen auch die Zuschauer aushalten. Ständig muss das Publikum mit sich verhandeln: Wie sieht es diese Figuren? Will es ihnen verzeihen oder nicht? Haben sie Vergebung verdient oder nicht? Wieviel Menschlichkeit verdient ein Mensch, der Leben genommen hat? Darauf gibt der Film keine einfache Antwort, er wirft ethische und moralische Fragen auf und verlangt den Zuschauerinnen und Zuschauern einiges ab.
Eine zentrale Frage ist, welchen Sinn es überhaupt hat, Menschen, die sich an ihre Tat nicht mehr erinnern können, weiterhin die Strafe absitzen zu lassen. Üben Sie Systemkritik?
Definitiv. Die Gesellschaft, insbesondere in den USA, muss sich fragen, was ein Strafvollzug bringt, der einzig strafend ist und keine Form der Rehabilitation bietet. Es ist eine Tatsache, dass Menschen anderen Menschen furchtbare Dinge antun. Aber rechtfertigt es, dass der Staat den Tätern auch furchtbare Dinge antut oder kann man diese Gewaltspirale irgendwie stoppen? Diese Frage finde ich sehr spannend.
Ihr letzter Spielfilm «Heldin» spielte ausschliesslich in einem Spital, nun drehten sie in einem Gefängnis. Beides kein Umfeld für schöne Bilder, von denen Spielfilme sonst oft leben. Welche speziellen Herausforderungen bringt das Drehen in derart reduziertem Umfeld?
Das ist eine grosse Herausforderung. Doch meine Kamerafrau Judith Kaufmann findet selbst in einer geschlossenen Box noch die besten Bilder. Unser Ziel war es, diese Männer, ihre Körperlichkeit und Verletzlichkeit in den Vordergrund zu stellen und zu fragen, was Gefangenschaft mit der Seele von Frank macht. Judith sucht immer nach dem zutiefst Menschlichen, dem Verletzlichen und Abgründigen, und so schafft sie es, selbst aus einem Gefängnis eine reichhaltige visuelle Erfahrung zu machen.
Auch in «Heldin» stand mit einer Pflegekraft Care-Arbeit im Zentrum. Was zieht Sie immer wieder zu diesem Thema?
Die Arbeit an «Frank & Louis» begann noch vor «Heldin». Nun arbeite ich an einem neuen Film, da geht es um Palliative Care. Es ist eine wahre Geschichte und wird ein Road Movie. Das Themenfeld interessiert mich, weil es so zutiefst menschlich ist und uns alle betrifft. Wir werden mit unseren fragilen Körpern alle irgendwann Pflege brauchen. Oder selbst Angehörige pflegen, weil wir uns um Menschen kümmern, die wir lieben. Das Kümmern ist etwas zutiefst Menschliches. Ich mag das englische Wort «to care»: Etwas hat eine Bedeutung für jemanden, ist für diesen Menschen wichtig. Ich kann mich also fragen: Was bedeutet mir etwas? Was gibt mir Sinn? Glücksstudien zeigen eindeutig, dass Menschen, die mit anderen Menschen zutiefst verbunden sind und sich kümmern, glücklichere Menschen sind als solche, die sich nur für Materielles interessieren.