Vielleicht war Odysseus der erste Weltumsegler

Kultur

Mit dem Film «Odyssee» von Christopher Nolan weckt auch Homers gleichnamiges Epos von Menschen und Göttern wieder grosses Interesse. Wo irrte Odysseus eigentlich überall herum?

Der hellenische Poet Homer soll sie irgendwann in der Mitte des 8. Jahrhundert vor Christus erschaffen haben: die Odyssee. Jenes berühmte Heldenepos also, das von Odysseus handelt, dem listenreichen Herrscher von Ithaka, der dem Grosskönig Agamemnon half, die Stadt Troja zu besiegen. Die Heimfahrt zur See nach dem Trojanischen Krieg wurde für Odysseus und seine Gefährten zur langen Irrfahrt, zur sprichwörtlichen Odyssee.

Davon berichtet das gleichnamige Epos. Von Gefahren, Stürmen, zürnenden Göttern, einem Besuch in der Unterwelt und anderen herausfordernden Abenteuern. Erst nach zehn Jahren gelingt es Odysseus, nun allein, seine Heimat und seine Frau Penelope zu erreichen.

Interesse am Original 

Diese Geschichte gehört zum geistigen Erbe der abendländischen Kultur und ist eine Metapher für den Menschen schlechthin, dem es bestimmt ist, zwischen Gottvertrauen und Selbstermächtigung seinen Weg ins Paradies zu finden. 

Aktuell ist die Odyssee gross ins öffentliche Blickfeld gerückt: Der britisch-amerikanische Regisseur Christopher Nolan hat die alte Story als bildgewaltiges Filmepos auf die Leinwand gebracht, mit grosser Resonanz im Publikum. Viele interessieren sich plötzlich auch wieder für das Original von Homer. Und für die Frage, wo genau sich die Schauplätze der legendären Irrfahrt eigentlich befinden. 

Die meisten Forscher sind sich einig: Der Held und seine Crew irrten per Schiff ausschliesslich im Mittelmeer umher, zwischen der Türkei, Libyen, Djerba, Sizilien, Italien, der Strasse von Messina und Korfu. Ein 1983 als Doktorarbeit geschriebenes, mittlerweile nur noch antiquarisch erhältliches Buch öffnet den Horizont im wahrsten Sinn des Wortes und ordnet die Odyssee ganz anders ein: als Epos, dessen Kern der Bericht einer antiken Weltumsegelung ist. Eine provokante These, die sich im öffentlichen Bewusstsein nicht etablieren konnte, aber so solide untermauert ist, dass sie durchaus gleichberechtigt neben all den anderen – ebenfalls unbewiesenen – Versuchen einer geografischen Lokalisierung stehen darf. 

Christine Pellech heisst die Autorin. Die 1947 geborene österreichische Ethnologin und promovierte Philosophin hat die geografischen, astronomischen, botanischen, zoologischen und kulturellen Schilderungen, die im Epos vorkommen, analysiert und kommt zum Schluss, dass es sich nicht einfach um fantasievolles Beiwerk, sondern um die akribischen Schilderungen von Örtlichkeiten handelt, die zur Hauptsache nicht im Mittelmeerraum angesiedelt sind. Sondern an anderen Orten auf der Welt, und zwar bis ins letzte verblüffende Detail. 

Bezwinger der Meere 

Allerdings handle es sich bei der Odyssee nicht um eine genuin griechische Meeresfahrt, hält Christine Pellech fest. Sondern höchstwahrscheinlich um die poetisch ausgestaltete Erinnerung an phönizische Erkundungsfahrten rund um die Welt. Denn die Phönizier, dieses mediterrane Seefahrervolk, seien mit ihren hochseetüchtigen Schiffen als Einzige in der Lage gewesen, um die fragliche Zeit – also um 1000 vor Christus herum – derart ausgedehnte Reisen auf hoher See erfolgreich durchzuführen. 

Gemäss Pellechs Theorie ergeben sich für die Reise des Odysseus rund um den Erdball die folgenden Stationen: Ägypten (Heimat der Lotophagen); Südtunesien (Land der schafzüchtenden Zyklopen); Norwegen (Reich der Lästrygonen); eine Lofoten-Insel (als Domizil der Zauberin Kirke); das Tal des St.-Lorenz-Stroms in Nordamerika (die Unterwelt); die brasilianische Vogelwelt im Regenwald mit gefährlichen vorgelagerten Riffen (der todbringende Gesang der Sirenen); die Anden (der Felsen, der nach Westen sieht); die Südsee und der Indische Ozean (Skylla und Charybdis); Nordwestindien (Land der heiligen Rinder des Sonnengottes); die Arabische Halbinsel (Insel Ogygia mit der Nymphe Kalypso); die Sinai-Halbinsel (das Gebiet der gastfreundlichen Phäaken).

So gesehen, wird das homerische Epos zum wahren Welterbe; nicht nur mit Blick auf die zeitlose und urmenschliche Ideenwelt, sondern auch geografisch.