Stars and Stripes und die coolen Levi’s-Jeans

Schlusspunkt

Die USA wandelten sich in Deutschland einst von der Besatzungsmacht zur Schutzmacht. Eine Erinnerung an das Amerikabild meiner Kindheit. 

Ich liege im Bett meiner Oma, da zittern Wände und Fussboden,  es ertönt dumpfes Grollen. «Was ist das?», stupse ich die Grossmutter an. «Das sind die Panzer vom Amerikaner, schlaf weiter», sagt sie. Die nächtliche Truppenbewegung hinter dem Haus  ist eine meiner frühesten Erinnerungen. «Der Amerikaner» war  in meiner Kindheit recht präsent. Etwa in den Erzählungen meiner Oma, die nach ihrer Flucht  aus Polen «beim Amerikaner»  arbeitete. Im Dorf, in dem sie ankam, kochte sie für Journalisten der Zeitung «Stars and Stripes». Später verkaufte sie US-Magazine an einem Kiosk. Nicht allen ha-be es gepasst, dass sie für die Besatzer arbeitete, erzählte mir später meine Mutter. Doch meine Oma sprach stets wertschätzend von den Journalisten und Soldaten, die  sie freundlich aufnahmen.

Geboren in den 70ern, bekam ich die wichtigsten Meilensteine  der deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht mit: die Luftbrücke, mit der die USA die Unabhängigkeit Westberlins sicherten.  Den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder, das dank des  Marshallplans möglich wurde. In den 80ern hatten sich die USA längst von der Besatzungsmacht zur Schutzmacht gewandelt.  Die Bevölkerung war zwar nicht mit allem einverstanden, was  die Amerikaner, unterstützt von der Bundesregierung, trieben.  Die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen rief 1983 grosse Proteste hervor. 

Freundschaftliche Koexistenz

Doch in den meisten bayerischen Städten pflegten wir eine freundschaftliche Koexistenz. Als Teenager schien mir die Welt hinter den Kasernenmauern begehrenswert. Die Shops, in denen leider nur US-Militär einkaufen durfte, verkauften Levi’s-Jeans zum Spottpreis. Kulturaustausch fand  dennoch statt. Mit der Englischklasse fuhren wir nach Fürth  ins Kasernentheater «Stage 13». 

Als die Amerikaner aus vielen Orten gingen, blieben Freudenfeuer aus. Der Abzug war logische Konsequenz des Endes des Kalten Krieges. In vielen Städten mit Truppenpräsenz war aber Bedauern spürbar. Ein Wirtschaftsfaktor fiel weg, auch über Jahre  gewachsene Freundschaften. 

Meine Kinder werden mit einem  anderen Amerikabild gross. Sie erleben ein Land, dessen Präsident mit flapsigen Social-Media-Posts, Beleidigungen und KI-generierten Provokationen regiert. Der Menschenrechte in Abrede stellt und die Demokratie, die sein Land einst im Deutschland der Nachkriegszeit förderte, mit Füssen tritt. Mit meiner Oma kann ich nicht mehr darüber reden. Es hätte sie bestimmt geschmerzt.