K.o.-Tropfen, Vergewaltigung: Warum tun Männer das?

Gewalt

Ein Politiker soll seine Ex-Frau, seine ehemalige Partnerin und deren Tochter missbraucht haben. Sexologe Martin Bachmann erklärt, warum fast immer Männer zu Tätern werden. 

Als Sie erstmals vom Aargauer Politiker hörten, der seine Ex-Frau und deren Tochter sediert und sexuell missbraucht haben soll: Was ging Ihnen durch den Kopf?
Martin Bachmann: Ich sass am ersten Arbeitstag nach meinen Ferien im Zug und las die Nachricht auf dem Handy. Mir wurde fast schlecht, ich war schockiert und dachte, verdammt, das darf doch nicht wahr sein. Nicht schon wieder. In meinem Kopf war ein Gedankengewitter. Ich dachte an die traumatisierten Frauen, ich war wütend auf den Mann. Meine erste Reaktion war also emotional. 

Und die zweite?
Nachdem ich die News ein bisschen verdaut hatte, begann ich den Horror einzuordnen und damit klarzukommen, dass es vermutlich genauso geschehen ist, wie es dort beschrieben stand.  

Die Medien sind in den letzten Jahren voll von solchen Geschichten: Epstein, Pelicot, Ulmen. Was ist los mit den Männern?
Gute Frage, offensichtlich ist etwas los mit uns Männern. Ich erschrecke selbst auch immer wieder, dass die grosse Mehrheit von Gewaltverbrechen und Sexualdelikten von Männern begangen werden. Die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache: Wir Männer haben offensichtlich ein Gewaltproblem, ein Problem mit dem Respektieren von Grenzen.

Es sind also nicht abartige Einzelfälle, sondern wir haben es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun.
Es ist eindeutig beides. Der ehemalige Grossrat hat vermutlich eine massive kriminelle Energie, eine individuelle Geschichte, wie es dazu kommen konnte. Man muss immer den Einzelfall anschauen. Die allermeisten Männer tun sowas nicht, finden das verwerflich. Aber die Statistik zeigt doch, dass überproportional mehr Männer massive Gewaltdelikte begehen. Offenbar hat es mit den Bildern von Männlichkeit zu tun, an denen sie sich orientieren. Bilder wie: Männer haben die Oberhand, sie müssen sich durchsetzen, sie fragen nicht, sondern antworten, sind stark. Es geht um Macht und Kontrolle. Diese stereotypen Männerbilder und Erwartungen stellen leider den Nährboden für solch schreckliche Ereignisse dar.  

Wir erfahren von immer mehr Fällen. Gibt es eine reelle Zunahme von Sexualdelikten? 
Es ist schwer zu messen, und ich glaube das nicht. Die Gesellschaft, auch die Polizei und Behörden, sind sensibilisierter für Grenzverletzungen und Gewalthandlungen als noch vor einigen Jahren. Gottseidank wird mehr darüber gesprochen. Die Fälle sind ein Abbild der toxischen patriarchalen Geschlechterrollen, die schon lange bestehen. Weil wir endlich genauer hinschauen, müssen wir aber leider aushalten, dass wir uns mit solchen Fällen beschäftigen müssen.

Was hat ein Mann wie der ehemalige Grossrat davon? Was gibt ihm das?
Ganz wichtig: Es geht hier nicht um Sexualität, das ist ein Gewaltverbrechen. Sexualität ist ein lust- und genussvolles Spiel von zwei handlungsfähigen, mündigen Personen, die das beide wollen und gestalten. Delikte nach dem Sexualstrafrecht sind immer Gewalthandlungen. Ich weiss nicht, was das Motiv dieses Mannes ist, dafür müsste ich mit ihm arbeiten können. In meiner therapeutischen Arbeit wird oft sichtbar, dass es Männern dabei um das Erleben von Macht, um ein starkes Gefühl von Selbstwirksamkeit und um einen abartigen Kick geht. Der Politiker scheint seine Taten systematisch geplant zu haben. Das waren keine Affekthandlungen. So können sich Männer ein maximales Gefühl von Macht geben: Ich kann über jemanden bestimmen und muss nicht verhandeln.

Martin Bachmann ist Sexologe mit eigener Praxis in Luzern und Paarberater bei Paarberatung Zürich in Dietikon, deren Träger die Landeskirchen des Kantons Zürich sind. Zuvor arbeitete er 20 Jahre lang als Gewaltberater im Mannebüro Züri. Er schreibt regelmässig für die Rubrik «Lebensfragen» von «reformiert.»

Woher kommt ein solch starkes Bedürfnis nach Macht über einen anderen Menschen?
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass dahinter zumeist eine grosse Bedürftigkeit, kombiniert mit einer pathologisch verzerrten Wahrnehmung, steckt. Sie fühlen sich oft vom Leben ungerecht behandelt, zu kurz gekommen, sie finden sich unattraktiv und inkompetent und scheitern an den unerfüllbaren, stereotypen Erwartungen an Männlichkeit. Im schlimmsten Fall versuchen Männer ihre Ohnmacht mit einem Gewaltexzess zu kompensieren. Ich habe den Klienten im Ohr, der mir sagte, ich bin lieber ein gewalttätiges Arschloch, als gar niemand.

Aber warum findet diese Gewalt so oft in sexualisierten Handlungen statt?
Männer regulieren emotionale Belastungen aus verschiedenen Gründen generell viel häufiger über Sexualität als Frauen. Ob das nun Prüfungsangst, zu hohe Arbeitslast, Einsamkeit oder Trauer ist. Männer gehen ins Bordell, schauen Pornos, und das überdeutlich häufiger als Frauen. Sie versuchen sich so zu entspannen, zu trösten. Wenn Sexualität aber als einziges Allheilmittel gegen Stress verwendet wird, kann es dranghaft und suchtartig werden. In Kombination mit anderen Faktoren kann das zur Grundlage für Gewalttaten werden. 

Wissen diese Männer, dass das, was sie tun, nicht in Ordnung ist? 
Ich habe nur ganz wenige angetroffen, die kein Unrechtsverständnis haben. Die allermeisten wissen es ganz genau, aber sie verdrängen und bagatellisieren es. Der Aargauer Politiker wusste sicherlich, dass seine Taten massive, schwerste Gewalttaten sind. Er setzte vermutlich alles daran, dass es jahrelang nicht öffentlich wurde.

Nicht alle Männer machen sowas, aber es sind fast immer Männer. Muss ich als Frau bei jedem Mann misstrauisch sein? 
Nein. Aber zwangsläufig müssen sich alle Männer mit den toxischen Bildern von Männlichkeit auseinandersetzen, alle messen sich oft unbewusst daran. Deshalb darf und kann jede Frau ihren Partner neugierig fragen, wie er denn mit stereotypen Rollenbildern zurechtkommt. Sie kann fragen: Wie geht es dir eigentlich, wenn ich dich zurückweise, wenn ich anderer Meinung bin, wie gehst du damit um? Hast auch du manchmal Gewaltphantasien? Wie geht es dir, wenn du von Fällen wie jenem in Untersiggenthal hörst? Sie soll ihn kritisch fragen, wie er mit Macht und Ohnmacht umgeht. Ja, und sie kann ihn auch fragen, ob ihm mit seiner Art, Sexualität zu leben, selber wohl ist. Umgekehrt können auch Männer ihren Partnerinnen diese Fragen stellen, wie diese mit den ebenso unerfüllbaren Erwartungen an Frauen umgehen. Solche Gespräche fördern Respekt und Vertrauen. 

Wie fühlt sich das für Sie als Mann an, dauernd Horrornachrichten über Geschlechtsgenossen zu hören? 
Ich finde es schrecklich. Mir tun die Gewaltopfer unglaublich leid, und ich schäme mich für diese Männer. Ich fühle mich wie mitbeschmutzt. Gleichzeitig werde ich jedes Mal wieder wachsamer und hinterfrage mich selber. Auch ich kämpfe mit den Erwartungen stereotyper Männlichkeit. Wann ist mein Tun und Lassen einvernehmlich? Wie bin ich in meinem Selbstverständnis als Mann unterwegs gegenüber Frauen, Männern, Kindern? Wo bin ich allenfalls grenzverletzend? Auch ich bin immer wieder gefordert, über respektvolle, lebensförderliche Männerbilder nachzudenken.

Laute Stimmen der Männer, die Gewalt durch Männer verurteilen, gibt es kaum. Können Sie das erklären? 
Die hört man tatsächlich kaum. Es gibt schon einige, die sich öffentlich dazu äussern. Doch es braucht viel mehr Männer, die laut werden. Die meisten schweigen, weil wir Männer Angst haben, aktiv unser Verhalten anzuschauen und abzugleichen mit toxischen Männlichkeitsvorstellungen. Denn das würde bedeuten, eigenes Fehlverhalten anzuerkennen und manchmal zugeben zu müssen, dass wir als Lernende und manchmal Irrende durchs Leben gehen. Das würde den Druck wegnehmen, diesen toxischen Erwartungen entsprechen zu müssen. Das allerdings widerspricht eben gerade dem toxischen Bild des starken Mannes, der alles richtig macht. 

Wenn ein Mann merkt, dass er auf eine gefährliche, abnormale Bahn im Bereich Sexualität gerät, was soll er tun? 
Der Betroffene sollte sich unbedingt Hilfe holen, denn es lohnt sich, in eine respekt- und lustvolle, nachhaltig genussvolle Sexualität zu investieren. Unsere ganze Sexualität ist erlernt und antrainiert und darum grundsätzlich veränderbar. Es ist wichtig, einen Umgang mit devianten Fantasien zu lernen und je nachdem Strategien zu entwickeln, wie delinquentes Handeln verhindert werden kann. In meiner Praxis begleite ich regelmässig Männer, die entdecken, welche tatsächlichen Bedürfnisse hinter solchen Fantasien stecken. Es ist schön und stark zu sehen, wenn Klienten vielfältige Alternativen der Selbstsorge entwickeln. Und wenn sie dann obendrein die Kraft einer sinnlichen, einvernehmlichen Sexualität geniessen lernen. 

Wie soll es weitergehen? Was braucht es für Veränderungen in der Gesellschaft?
Es ist elementar, darüber zu reden, hinzuschauen und es auszuhalten, dass es leider so ist, wie es ist. Es gibt solche schrecklichen Gewalttaten, und dies hat auch mit den Geschlechterstereotypen zu tun. Wir müssen uns einsetzen für Geschlechtergerechtigkeit, für konstruktive, gewaltfreie und vielfältige Rollenbilder von Frauen und Männern. Dazu braucht es politische Entscheide, insbesondere aber mehr sexuelle Bildung, mehr Anlaufstellen für sowohl Gewalt als auch Sexualität. Auf individueller Ebene können Paare pflegen, respektvoll und auf Augenhöhe miteinander umzugehen. Ich fordere uns alle auf, für Geschlechtergerechtigkeit und Einvernehmlichkeit einzustehen. Das Dranbleiben an diesen Themen ist ein Riesengewinn für alle Beteiligten.