Über dem Eingang hängt ein weisses Banner. «Un nuovo mondo è già possibile e necessario» steht darauf: «Eine neue Welt ist bereits möglich und notwendig.»
Die Worte prangen über dem roten Gittertor, das den Eingang zu einem grossen Gebäude an der Via Santa Croce di Gerusalemme im römischen Quartier Esquilino versperrt. Dahinter liegt «Spin Time» – einst ein besetzter Bürokomplex, später ein soziales Zentrum, Wohnort für Hunderte Menschen und Treffpunkt für zahlreiche soziale Organisationen.
Nun stehen vor dem Gebäude Zelte und Klappbetten. Nur wenige Meter entfernt, erhebt sich die Basilika Santa Maria Maggiore, eine der wichtigsten Kirchen Roms und gleichzeitig Touristenmagnet.
Die vierspurige Strasse vor dem Spin Time ist für den Verkehr gesperrt. Mitarbeitende des italienischen Zivilschutzes, der Protezione Civile, verteilen Essen und Trinkwasser und ermöglichen den Menschen, sich zu waschen. Kinder spielen auf dem Asphalt, Erwachsene sitzen auf Bierbänken und reden. Andere liegen auf provisorisch aufgestellten Betten und versuchen, mitten auf der Strasse etwas Ruhe zu finden. Die meisten haben ihre Habseligkeiten in Campingzelten verstaut. Ventilatoren laufen gegen die Hitze an.
Es ist ein ungewöhnliches Bild mitten in Rom – und für die Bewohnerinnen und für Bewohner des Spin Time seit nunmehr 14 Tagen Alltag.
«Jetzt ist Spin Time auf der Strasse»
Die gebürtige Bulgarin Ludmilla, die hier alle nur «Milla» nennen, schmust mit ihrem Kanarienvogel. Der Vogel sitzt in einem Käfig neben ihr auf dem Asphalt. Wie rund 400 weitere Menschen lebte Milla in den vergangenen 13 Jahren im Spin Time. Seit der Räumung hat sie kein Zuhause mehr.
Auslöser war ein Brand in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli. Das Feuer brach in einem technischen Bereich des Gebäudes aus und konnte rasch gelöscht werden. Die Feuerwehr evakuierte den Komplex. Anschliessend wurde das Gebäude unter gerichtliche Beschlagnahmung gestellt und die Bewohner durften nicht mehr zurück.
