Das Bewusstsein wächst, die Transparenz fehlt

Landwirtschaft

Zwar berufen sich auch Schweizer Detailhändler auf Standards für Fairness. Missstände gibt es trotzdem. Erste Bio- und Fair-Trade-Label weiten nun ihre Kontrollen im Ausland aus. 

Tomaten aus Süditalien, Erdbeeren aus Spanien – das ganze Jahr über sind viele Obst- und Gemüsesorten in Schweizer Supermärkten zu haben. Doch unter welchen Bedingungen Arbeiterinnen und Arbeiter diese anbauen und verarbeiten, ist in der Regel nicht ersichtlich. 

Schweizer Detaillisten verpflichteten sich zwar, gewisse Standards einzuhalten, sagt Josianne Walpen vom Konsumentenschutz. «Konsumentinnen und Konsumenten finden aber kaum Informationen zu sozialen Standards in Europa – und wenn, dann sind diese unverständlich oder schwer einzuordnen.» Berichte aus europäischen Ländern über beelendende Zustände zeigten zudem, dass Standards immer wieder missachtet würden. 

Keine Labels für Europa 

Anders als für Nahrungsmittel aus dem globalen Süden gibt es für Produkte aus Europa keine Labels, die faire Arbeitsbedingungen garantieren. Auch, weil Arbeitsgesetze und soziale Absicherung in Europa eigentlich gesetzlich geregelt und kontrolliert sein sollten. 

Konsumentinnen und Konsumenten finden kaum Informationen zu sozialen Standards in Europa. Und wenn, dann sind diese schwer einzuordnen.
Josianne Welpen, Stiftung Konsumentenschutz

Zudem ist das Ziel von Fair-Trade-Labels ein anderes. Diese sollen Kleinbauern im globalen Süden unterstützen und ihnen die Tür zum Weltmarkt öffnen. «Die Fairness bezieht sich also in erster Linie auf den Marktzugang und gerechte Preise für die Produkte», sagt Walpen. Weltweit stützen sich Detailhändler daher statt auf Labels auf Zertifizierungen und Branchenlösungen, die Endkonsumenten kein Begriff sind: den Standard GlobalGAP mit dem Zusatzprotokoll Grasp für soziale Aspekte sowie die Industrieinitiative Amfori BSCI. 

Ein Mix aus Massnahmen 

Auch Migros und Coop verweisen auf diese beiden Standards, die für Lieferanten und Produzenten gelten. Sie sollen entscheidende Aspekte abdecken, darunter die Einhaltung gesetzlicher Mindestlöhne und grundlegender Arbeitsrechte. 

Migros führt zudem eine zusätzliche Zertifizierung von Produktionsbetrieben ins Feld und ist Mitglied bei der Initiative Appellando. Diese befindet sich in ersten Ländern im Aufbau und soll Arbeitnehmenden ermöglichen, Vorfälle und schlechte Arbeitsbedingungen zu melden, ohne negative Konsequenzen zu riskieren. Zudem soll sie den Dialog mit Gewerkschaften stärken. «Entscheidend ist für uns das Zusammenspiel von klaren Vorgaben, unabhängigen Zertifizierungen, Audits und der kontinuierlichen Weiterentwicklung unserer Sorgfaltsprozesse», schreibt Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir. 

Coop-Sprecher Caspar Frey verweist zusätzlich zu den branchenüblichen Standards auf ein eigenes Sozialprogramm, das neben Kontrollen auch Schulungen von Betrieben und Arbeitskräften umfasst und Verbesserungen bei Löhnen, Unterkünften und Gesundheitsschutz erwirken soll. 

Ungenügende Standards

Trotz allem bleiben Konsumentenschützer und NGOs skeptisch. Vor allem die Standards Global GAP/Grasp und Amfori BSCI gehen ihnen nicht weit genug. Diese seien zwar wichtig, sagt Walpen. Allerdings werde etwa der Global GAP/Grasp, mit dem mehr als 115'000 Produzenten weltweit zertifiziert sind, nicht etwa unabhängig kontrolliert, sondern von Zertifizierungsstellen, mit denen Global GAP zusammenarbeite. Vor allem müssten Mindeststandards erfüllt werden. «Und selbst dieses Minimum wird immer wieder übergangen.» 

In Deutschland befasst sich der Verein Christliche Initiative Romero (CIR) umfassend mit Nachhaltigkeitslabels. Label-Expertin Sandra Dusch Silva bemängelt beim von der Branche selbst initiierten Amfori BSCI, dass in erster Linie standardisierte Checklisten abgefragt werden und dadurch wichtige Themen aussen vor bleiben. Kontrollen gebe es nur punktuell, es fehlten wirksame Beschwerdesysteme für Arbeiterinnen und Arbeiter. Ebenso verbindliche Vorgaben zu Löhnen. Dusch Silvas Fazit: «Will man sich für Menschenrechte in Lieferketten einsetzen, reichen Global GAP/Grasp und Amfori BSCI nicht aus.» 

No-Cap-Produkte in der Schweiz

Ethisch garantiert einwandfrei und unter fairen sozialen Bedingungen hergestellte Dosentomaten sind auch vor Ort in der Schweiz erhältlich. No-Cap-Gründer Sagnet sieht nicht allein seine Partnerbetriebe in der Landwirtschaft, Kontrollorgane oder Vertriebsfirmen in der Verantwortung, sondern ebenso die grossen Supermärkte sowie die Konsumentinnen und Konsumenten selbst. 

Bei einer 400-Gramm-Dose Pelati für Fr. 1.50 im Discounter ist kaum von fairen Produktionsbedingungen auszugehen. In der Deutschschweiz bieten diverse kleinere Läden die Möglichkeit, erwähnte Produkte in den Warenkorb zu legen. Am einfachsten geschieht dies online über den Anbieter Huulu aus Volketswil. Die 400-Gramm-Dose Pelati kostet hier Fr. 2.80. Auch Sugo und Pelati des apulischen Herstellers Prima Bio sind hier zu bekommen. Wer lieber im Laden selbst einkaufen geht, erhält entsprechende Erzeugnisse etwa in Zürich im Bachsermärt in der Kalkbreite an der Badenerstrasse 171 oder an der Seefeldstrasse 29. In Aarau bietet der Chornlade an der Milchgasse 4 und in Bern der Güter Foodcoop am Eigerplatz No-Cap-Produkte an. Auch in den schweizweit zahlreichen Claro-Läden finden sich fair produzierte Waren aus Italien, etwa Olivenöl des Bio-Betriebs Terra Verde. sw

Dennoch zeichnen sich Verbesserungen ab, die es Konsumentinnen und Konsumenten künftig erleichtern könnten, Kaufentscheide bewusster zu fällen. Denn in Europa haben einzelne Biolabels begonnen, auch soziale Kriterien zu überprüfen. Der Schweizer Dachverband Bio Suisse zertifiziert Produkte mit dem «Knospe»-Label, sie finden sich in grossem Stil unter anderem bei Coop und in Bioläden. Seit 2023 kontrolliert der Verband in Spanien neben Bio-Kriterien auch die Arbeitsbedingungen, 2024 startete er damit in Italien. 

Bio Suisse reagiert 

Bis 2029 würden alle Bio-Suisse-Betriebe weltweit regelmässig und den Risiken entsprechend auf Sozialstandards überprüft, sagt Noah Ramos, Projektleiter Soziale Verantwortung International. Weil es noch immer zu Verletzungen des Arbeitsrechts komme, obwohl viele Landwirtschaftsbetriebe andere Zertifizierungen vorweisen könnten. Wie beispielsweise das weniger strenge GlobalGAP/Grasp. 

Auch Bio Suisse arbeitet im Ausland mit externen Kontrolleuren zusammen. Diese würden jedoch intensiv geschult und regelmässig auf Kontrollen begleitet. Neben der Prüfung von Lohn- und Arbeitszeitnachweisen führen sie Interviews mit Mitarbeitenden. Für ausländische Produzenten soll der gleiche Sozialstandard gelten wie für Schweizer Knospe-Betriebe. 

Neu nimmt auch der Dachverband für fairen Handel, Fairtrade International, Europa mehr in den Blick: Er hat erste Pilotprojekte in Europa gestartet, darunter eines mit Dosentomaten aus Italien. 

Arbeitende müssen im Bild sein

Bio Suisse schliesst zudem eine künftige Zusammenarbeit mit Appellando nicht aus. Den Aufbau eines Beschwerdesystems begrüssen NGOs im Grundsatz, allerdings beobachten sie die Umsetzung genau. Die Möglichkeit, Missstände zu melden, sei wichtig, sagt etwa Sandra Dusch Silva. «Entscheidend ist aber, dass die betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter überhaupt wissen, dass es so ein System gibt.» 

Auch Aktivist Yvan Sagnet, der sich für die Rechte von Erntehelfern in Italien engagiert, ist mit Appellando in Kontakt. Das Engagement von Bio- und Fair-Trade-Verbänden sieht er positiv. Entscheidend sei für ihn aber, «dass diese Organisationen mit NGOs und Gewerkschaften zusammenarbeiten, die sich mit der Kontrolle von Sozialstandards im jeweiligen Land bereits auskennen».