Die vor kurzem vorgestellte Leistungsbilanz zeigt, dass die Kirchen jährlich Leistungen von 23 Millionen Franken für die Gesellschaft erbringen. Kann man sagen, dass die Kirchen den Betrag, den sie vom Kanton erhält, verdoppelt?
Evelyn Borer: Ja, mindestens! Die Landeskirchen im Kanton Solothurn erhalten vom Kanton jährlich 10 Millionen Franken. Wie sich jetzt gezeigt hat, wird dieser Betrag also mehr als verdoppelt.
Worauf führen Sie das zurück?
Einerseits auf die vielen Freiwilligen und Ehrenamtlichen in den Kirchen. Zum anderen an den Angeboten: Diese stehen allen offen, – unabhängig von Glauben, Kirchenmitgliedschaft, Weltanschauung oder Herkunft. Wer mit einem Pfarrer, einer Pfarrerin oder einem Diakon sprechen möchte, kann das tun. Diese Offenheit ist ein grosser Wert, weil sie keine Voraussetzungen verlangt. Die Leistungen der Kirchen sind oft nicht begrenzt oder von Effizienzdenken geprägt. Es geht nicht darum, möglichst viele «Kunden» zu bedienen, sondern um die Zeit und Zuwendungen, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren.
Auffallend ist, wie viele Menschen diese kirchlichen Angebote nutzen, gerade in unserer säkularen Zeit
Ja, die Nachfrage nach Ritualen, Gemeinschaft und Seelsorge ist gross. Auch wenn die Institution Kirche manche zunächst abschreckt, nutzen viele die Angebote – sei es Elternbildung, Seminare, Seniorenkaffee, Singen mit Kindern und vieles mehr. Die Kirchen bieten auf vielen Ebenen etwas Wertvolles. Jeder kann die Angebote nutzen oder die Veranstaltungen besuchen, ohne sich verbiegen zu müssen. Meist sind sie kostenlos.
Die Arbeit der Kirchen basiert stark auf Freiwilligen. Es wird immer schwieriger, solche Helfer zu finden. Wie sehen Sie da die Zukunft?
Dieses Problem betrifft alle Vereine, Behörden und die Politik. Wir stellen fest, dass Menschen sich für befristete Projekte begeistern lassen. Für langfristige Aufgaben, etwa im Kirchgemeinderat, finden sich jedoch immer weniger Freiwillige. Das wird sich weiter verschärfen.
