«Ich fühle mich, als ob die göttlichen Himmel mich verlassen haben», sagt Rovina Naboi. Sie sitzt vor einer Wellblechhütte im kenianischen Flüchtlingscamp Kakuma und erzählt von einer schier unmöglichen Entscheidung: Soll Naboi mit ihrer schwer kranken Tochter in der lebensrettenden Klinik bleiben oder mit ihr ins Camp zurückkehren, um Essen für ihre anderen hungernden Kinder zu suchen? Die aus dem Sudan geflüchtete Frau entschied sich für Letzteres, die einjährige Tochter starb tags darauf.
Ein vermeidbarer Tod, menschengemacht und in aller Öffentlichkeit, so beschreibt ihn Atul Gawande, Arzt und bei der US-Entwicklungshilfeagentur USAID einst zuständig für globale Gesundheit. Er reiste nach Kenia, um in einem Film die Auswirkungen von US-Präsident Donald Trumps Entwicklungspolitik zu zeigen.
Der Hunger macht krank
Nach der Schliessung von USAID vor fast einem Jahr wurden in Kakuma die Lebensmittelrationen des Welternährungsprogramms reduziert auf 40 Prozent des lebensnotwendigen Minimums, wie Gawande im «New Yorker» darlegte. Der Hunger macht Kinder anfällig für Krankheiten, in der Klinik nimmt die Zahl der Patienten zu. Todesfälle wegen Mangelernährung seien vermeidbar, sagt der Arzt. «Wir hatten die Formel dagegen gefunden, wir haben sie angewendet, aber dann nahmen wir sie wieder weg.»
Während «Rovina’s Choice» ein Einzelschicksal zeigt, bemühen sich andere Fachleute um das Gesamtbild. Eine Professorin der University of Boston entwickelte ein Dashboard, das Todesopfer infolge der wegfallenden Hilfe zählt. Den Berechnungen zufolge sterben stündlich 88 Menschen. Bis 2030 könnten über 14 Millionen Menschen ihr Leben lassen, sollten die Kürzungen nicht rückgängig gemacht werden, schätzten Wissenschaftler im Fachjournal «The Lancet». Ihre Berechnungen basieren auf den durch USAID geretteten Leben in den letzten zwei Jahrzehnten.
Das blanke Chaos
Die Schätzung sei wohl derzeit die seriöseste, sagt Politologe Stephan Klingebiel vom German Institute of Development and Sustainability. «Die Botschaft solcher Annäherungsversuche ist klar: Das menschliche Leid, das der Rückzug der USA verursacht, ist massiv.» Knapp ein Jahr nachdem Trump seine Entwicklungspolitik mit der Kettensäge umgesetzt hat, bleiben viele Fragen offen. Etwa, wie viel Geld die USA 2025 tatsächlich für Auslandshilfe aufgewendet haben. Im Jahr 2024 waren es noch rund 68 Milliarden Dollar gewesen.
Klingebiel wie auch Kristina Lanz vom Schweizer Kompetenzzentrum für internationale Zusammenarbeit und Entwicklungspolitik, Alliance Sud, gehen davon aus, dass die Administration 2025 wie angekündigt über 80 Prozent der Programme von USAID eingestellt haben dürfte. «Im letzten Jahr herrschte blankes Chaos», sagt Lanz. Kurz nach dem Amtsantritt von Donald Trump wurden alle Gelder eingefroren. «Dann hiess es, gewisse Projekte werden doch weitergeführt, das wurde teilweise wieder revidiert.» Zudem seien noch Gerichtsverfahren hängig, da sich einzelne Hilfswerke gegen das Ende der Zusammenarbeit wehrten.
