Glaube 25. März 2026, von Markus A. Jost

Das grüne Gold der peruanischen Berge

Landbau

Neben der grössten Goldmine Südamerikas liegt ein Dorf, das seinen Reichtum im Wald sieht. Die Siedlung Granja Porcón schreibt eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte .

Je weiter man sich von der Küste entfernt, desto höher werden die Berge. Die kargen Anden hoch schlängelt sich eine gut ausgebaute Strasse hoch, vorbei an der Ortschaft San Bernardino. Anders als in den Alpen gibt es hier jedoch keinen Wald. Erst zuoberst zeigt sich ein Tal, dessen Berge bewaldet sind. 

Von Gott gesegnetes Land
«Da unten liegt Granja Porcón und in der Ferne seht ihr die Mine Yanacocha, die grösste Goldmine Amerikas», erklärt der Fahrer und biegt auf eine holprige Naturstrasse ab. Die Schotterpiste führt zu einem Dorf, umgeben von saftigen Weiden, mit einem Parkplatz: «Tierra Bendecida por Dios» (Von Gott gesegnetes Land), steht am Eingang. 

Obwohl die Bewohnerinnen und Bewohner des kleinen Andendorfs gläubige Menschen sind, gibt es nirgends Marienstatuen oder Kreuze zu sehen – stattdessen prägen Bibelsprüche an den Häusern das Bild. Granja Porcón ist eine evangelische Siedlung im katholisch geprägten Peru, nördlich der Inkastadt Cajamarca. Die Gemeinschaft hat in über 45 Jahren mehr als 10 500 Hektar Land wiederaufgeforstet und ist für ihren erfolgreichen Ökotourismus bekannt. Die Kiefernwälder schaffen eine für die Anden ungewöhnliche, fast alpine Atmosphäre. 

Atahualpa warf die Bibel zu Boden
Bis zur Unabhängigkeit Perus im 19. Jahrhundert wachte die spanische Krone darüber, dass die eroberten Inkas katholisch wurden und blieben: Im November 1532 konnten die Spanier den Inkakönig Atahualpa durch einen Hinterhalt in Cajamarca gefangen nehmen. Ein Mönch des Dominikanerordens sagte dem Inkakönig mit dem «Wort Gottes», der Bibel, in der Hand, dass er sich Papst und König unterordnen solle. Die Inkas kannten keine Schrift und keine Bücher. Die Legende erzählt, dass Atahualpa die Bibel zu Boden warf, da er «Gottes Wort» nicht hören könne. Die Spanier verurteilten ihn daraufhin zum Tode. 

Holz, Fisch und Honig
Peruaner in Trachten weisen uns einen Parkplatz zu. Das Bergdorf mitRestaurants und Läden, wo selbst produzierte Waren verkauft werden, und der Zoo sind bei den Besuchern sehr beliebt. Plötzlich setzt ein Gewitter ein. Ein Gästehäuschen bietet Schutz. Die Gastgeberin hat ein Feuer im Cheminée entfacht und erzählt, wie hier alles begann. 

Das Land sei hier früher sehr kahl gewesen, bis der Leiter der Kooperative vor über vierzig Jahren die Vision hatte, den Text aus der Bibel «Viele Bäume pflanze ich dort an: Zedern, Akazien und Myrten, Ölbäume und Wacholder, Platanen und Zypressen» wörtlich umzusetzen. Die Holzwirtschaft sei heute nebst Landwirtschaft, Fischzucht, Imkerei und Tourismus für die Kooperative «Atahualpa Jerusalén» ein wichtiger Wirtschaftszweig.  

Bauern wollten kooperieren
Als in den 1990er-Jahren die Mine Yanacocha negative Schlagzeilen machte – es ging um Umweltverschmutzung und Landraub –, setzten die Bauern auf Kooperation statt Konfrontation und verfolgten damit einen befreiungstheologischen Ansatz. Sie verkauften Land an die ausländischen Minenbetreiber. Im Gegenzug stellten diese Infrastruktur wie Wasser- und Stromversorgung sowie Schulgebäude zur Verfügung. 

Ausserdem können heute die Einheimischen von einer ausgebauten Passstrasse profitieren, die die Minenbesitzer erstellen liessen. Seit 2022 ist die Mine in Besitz eines US-amerikanischen Unternehmens, das noch mehr Land für den Goldabbau erwerben wollte. Die Bauern lehnten ab: Das Gold der Kooperative sei der Wald, stellten sie klar.

Nun liegt Schnee am Wegrand. «Eine extreme Seltenheit hier», sagt der Fahrer. Das ist auch Granja Porcón, eine der wenigen Kooperativen aus der Zeit der Landreform, die bis heute existiert. 

Landreform in Peru

In den 1960er-Jahren erzwang Hugo Blanco Galdós, peruanischer Bauern- und Gewerkschaftsführer, eine Landumverteilung. Das Land der Grossgrundbesitzer ging an die Arbeiter. In Granja Porcón gründeten Bauern die Kooperative «La Revolución». Als Anfang der 1980er-Jahre die Guerilla-Gruppe Sendero Luminoso in den Anden ihren Bürgerkrieg begann, wandelten sie ihre Kooperative zu «Atahualpa Jerusalén» um und zogen eine Verbindung zwischen ihrer Inkavergangenheit und der Bibel.