Was erwarten Sie konkret von der kommenden Bundesregierung?
Ich erhoffe mir ausgesprochen, dass die Parteien, die Regierungsverantwortung übernehmen, jetzt schnell zusammenfinden, einfach um handlungsfähig zu sein. Man hat sich ja nicht geschont im Wahlkampf. Die demokratischen Parteien müssen konstruktiv und verantwortungsvoll mit dem Wahlergebnis umgehen. Daran führt kein Weg vorbei, das haben nicht zuletzt die gescheiterten Koalitionsverhandlungen unter Führung der rechtsextremen FPÖ in Österreich gezeigt. Wir brauchen in Deutschland gute Rahmenbedingungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für eine weltoffene Gesellschaft. Eine vernünftige Migrationspolitik und endlich wieder mehr Aufmerksamkeit für den Klimaschutz. Wir alle ahnen, dass dies schwierig wird. Doch vor dem Hintergrund der mangelnden Alternativen muss es gelingen.
Sie äussern sich dezidiert politisch. Auch in der Schweiz engagieren sich insbesondere kirchliche Hilfswerke für Initiativen in Bereichen wie Konzernverantwortung oder Klimaschutz. Oft wird der Kirche deshalb vorgeworfen, zu links und woke zu sein. Ein Vorwurf, den Sie schulterzuckend zur Kenntnis nehmen oder sich dagegen wehren?
Die Zuordnung wird nicht richtiger, indem sie ständig wiederholt wird. Was wir in den politischen Diskurs einbringen, sind biblische Orientierungen, die seit mehr als 2000 Jahren gelten. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist und bleibt ein Plädoyer dafür, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist. Diese Position vertreten wir. Und wir ergreifen das Wort, wenn wir spüren, dass in Diskursen die Menschenwürde aus dem Blick gerät. Und wir mischen uns ein, wenn nicht gelebt wird, was wir unter Barmherzigkeit verstehen. Das sollte man nicht parteipolitisch missverstehen.
Die Kirche wird zur Moralpolizei?
Nein. Es gilt, den richtigen Ton zu treffen und eben gerade nicht zu moralisieren. Wir glauben nicht, alles besser zu wissen und automatisch auf der richtigen Seite zu sein. Vielmehr geht es darum, christliche Positionen auf eine Art einzubringen, dass sie für demokratische Parteien der Mitte übersetzbar sind. Zurzeit stellt sich tatsächlich die Frage, wie die Migrationspolitik vorangebracht werden kann und zugleich Ängste und Zweifel Raum erhalten und über Probleme vernünftig diskutiert werden kann. Es geht dabei um eine Sprache, die nicht jene Menschenverachtung in sich trägt, die im Wahlkampf spürbar war.
Die Migrationsdebatte dominierte zuletzt die Agenda. Offenbar bereitet die Einwanderung vielen Menschen grosse Sorge. Da reichen Beschwichtigungen nicht mehr aus.
Zunächst war es problematisch, dass das Thema den Wahlkampf derart bestimmt hat. Klimaschutz, Wohnungsnot, die Frage, wie sich das Leben mit Blick auf künftige Löhne und Arbeitsbedingungen bewältigen lässt, kamen viel zu kurz. Diese Fragen, die vor allem junge Menschen umtreiben, muss die Politik beantworten. Die Migrationsdebatte war sehr stark auf Ausgrenzung und Abschottung ausgerichtet.
Was nicht erstaunlich ist, denn die Attentate in Magdeburg, Aschaffenburg und München wurden als ein Resultat einer gescheiterten Migrationspolitik interpretiert.
Diese Attentate waren schrecklich. Sie sind durch nichts zu rechtfertigen. Was die Opfer erleiden mussten und müssen, ist unvorstellbar grausam. Es besteht auch in der Kirche grosse Einigkeit, dass im Falle einer Radikalisierung von Menschen schnelleres Handeln nötig ist, als es in vielen Bundesländern bisher offenbar möglich ist. Aber wir müssen unterscheiden zwischen vorwiegend jungen Männern, die sich unter bestimmten Umständen radikalisieren und dann zu Tätern werden können, und der weit überwiegenden Zahl der Menschen, die auf Schutz angewiesen sind und ein Recht auf Asyl haben. Wie muss diese Debatte angekommen sein bei all jenen Menschen mit Fluchtgeschichte, die hier in Frieden und Freundschaft tagtäglich ihre Arbeit leisten: in unseren Spitälern, bei Pflegediensten, in der Forschung oder bei Lieferdiensten?
Sie halten an offenen Grenzen fest?
Wir halten am Recht auf Asyl fest. Die Stimme der Kirche kommt aus ihrer ursprünglichen biblischen Tradition: Wir sind aufgerufen, jene zu beherbergen, die keine Heimat haben. Das ist Handeln in der Nachfolge Jesu. Wie das vernünftig umsetzbar ist, ist Sache der Politik. Wir stehen den Menschen zur Seite mit Diakonie und vielen Tausenden Ehrenamtlichen und unterstützen damit eine menschliche Politik.
In Hamburg wurde im vergangenen Herbst erstmals ein Kirchenasyl gebrochen und ein Afghane von den Behörden aus den Räumen einer katholischen Pfarrei abgeholt und abgeschoben. Sehen Sie das Kirchenasyl in Gefahr?
Es gab zuletzt schon Anlass zur Besorgnis. Und ich frage mich wirklich, was der Sinn dieser Aktion war. Denn zu der Zeit, als das Kirchenasyl aufgelöst wurde, hatten wir in Hamburg gerade einmal 37 Menschen im Kirchenasyl, davon 17 Kinder. Das ist die Realität. Es geht immer um absolute Härtefälle, bei denen die Kirche den Staat bittet, noch einmal zu überprüfen, ob das Verfahren korrekt abgelaufen ist.
Sie haben die biblischen Grundwerte beschrieben. Unbestritten scheinen sie nicht. In Russland wirft sich die Kirche Putin zu Füssen, viele Christen wählten Trump. Sehen Sie christlich nationalistische Tendenzen auch in Deutschland?
Einzelne christliche Milieus mögen stark auf Polarisierung setzen, ein Phänomen sehe ich nicht. Im Übrigen arbeiten wir gut mit der katholischen Kirche zusammen und vertreten viele Positionen gemeinsam.
Fällt ein Schatten auf die Kirche, wenn in Russland und USA einmal mehr Krieg und Nationalismus mit Religion verbunden scheinen?
Das ist eindeutig ein Missbrauch von Religion. Kirchen haben wirklich anderes zu tun, als Spaltung zu fördern. Seelsorge ist der Kern unserer kirchlichen Identität, sie ist die Muttersprache der Kirche. Ob an den kollektiven Verständigungsorten oder in den Einzelgesprächen: Seelsorge kann helfen, die Ohnmachtsgefühle, die viele spüren, zu bewältigen.
Auch in Deutschland schrumpft die Kirche. Verliert sie damit ihre gesellschaftliche Relevanz?
Nein. Kirchenaustritte bereiten mir Sorge, zugleich steigt die Nachfrage nach Diakonie und Seelsorge. Die Ansprüche steigen bei weniger Mitteln, das ist eine Zerreissprobe. Aber wir sind in Deutschland immerhin 18,6 Millionen evangelische Christen. Und unzählige Menschen kommen hinzu, die sich humanitär und ehrenamtlich engagieren. Die Hälfte der 40 000 Leute in der Diakonie leisten allein in Hamburg unbezahlte Arbeit. Hier wird Nächstenliebe ganz konkret, und das gibt mir Hoffnung auch über die Kirche hinaus.