«Seelsorge ist die Muttersprache der Kirche»

Bundestagswahlen

Kirsten Fehrs ist Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Interview spricht sie über biblische Werte in der Politik und menschenverachtende Töne im Wahlkampf .

Die Kirchen hatten die Menschen explizit zur Wahl aufgerufen, tatsächlich war die Beteiligung bei der Bundestagswahl in Deutschland rekordhoch. War der 23. Februar ein guter Tag für die Demokratie?

Kirsten Fehrs: Was die Wahlbeteiligung betrifft, schon. Sie zeigt, dass viele Menschen emotional aufgewühlt sind. Dass sich über 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die AfD und damit für eine in grossen Teilen rechtsextreme Partei entschieden haben, muss uns grosse Sorgen machen. Einige Personen aus der Partei haben sich in den letzten Monaten erneut unverhohlen rechtsextrem präsentiert.   

Wie haben Sie den zuweilen gehässig geführten Wahlkampf erlebt?   

Es war bedrückend, wie wenig Sachdiskussion möglich war. Zwar gab es Gesprächsrunden, in denen unterschiedliche Themen diskutiert wurden. Und doch haben meist Parolen dominiert. In der Migrationspolitik hat die AfD bewusst polarisiert, viel Stimmung gemacht und wenig Argumente vorgebracht. Parolen und Populismus verfangen, wenn Menschen sich gefährdet oder ohnmächtig fühlen. Zum Gefühl des Ausgeliefertseins trägt auch die derzeit geopolitische Situation bei, die natürlich sehr verunsichernd ist.   

Hat denn Sie das Wahlresultat auch emotional aufgewühlt?   

Das Resultat war ja erwartbar. Es dann aber als amtliches Wahlergebnis zu sehen, hat mich bestürzt. Es geht nicht nur um abstrakte Zahlen. Gerade erst nahm ich an einer Veranstaltung zum Jubiläum der diakonischen Einrichtung «Fluchtpunkt» teil. Ich traf eine junge Ärztin, die sich ehrenamtlich engagiert, ihre Familie stammt aus dem arabischen Raum. Die junge Frau sagte, diese Einrichtung erlebe sie als einen der wenigen sicheren Räume vor rechtsextremistischen und rassistischen Angriffen. Das muss man sich vorstellen: Menschen, die in zweiter oder dritter Generation hier leben und arbeiten, fühlen sich in unserem Land bedroht. Da werden die 20 Prozent Stimmenanteil ganz konkret. Und dem müssen wir als Kirche etwas entgegensetzen.

Kirsten Fehrs

Seit November ist Kirsten Fehrs Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zuvor hatte sie den Rat während eines Jahres kommissarisch geleitet. Sie sass im Beauftragtenrat der EKD zum Schutz vor sexualisierter Gewalt und ist nun Mitglied im Beteiligtenforum. Fehrs ist Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. 

Schon lange wird über die Unvereinbarkeit von AfD-Mandat und Kirchenamt debattiert. Nun ist die AfD zur Volkspartei aufgestiegen. 

Kann sich die Kirche die klare Abgrenzung überhaupt noch leisten?   Wir sind da ganz klar: AfD-Mandate sind nicht vereinbar mit kirchlichen Ämtern. Die AfD folgt einer menschenverachtenden Grundlogik und vertritt völkisch-nationalistisches Gedankengut. Das ist mit den christlichen Grundwerten von Nächstenliebe und einer auf Vernunft setzenden Friedensidee nicht zu vereinbaren. Dennoch müssen wir im Gespräch bleiben mit Menschen, die anders denken und die AfD wählen. Deshalb haben wir die Initiative Verständigungsorte gestartet. Wir wollen als Kirche Kommunikationsräume schaffen und erhalten, die uns in der Gesellschaft zunehmend verloren gehen.   

Sie wollen mit AfD-Wählern im Gespräch bleiben, machen aber deutlich, dass deren Positionen in der Kirche eigentlich gar keinen Platz haben: Das ist doch paradox. 

Der Mensch bleibt Mensch und damit ein Gegenüber. Wir müssen uns der Realität stellen, dass viele Leute rechtsextreme Positionen zumindest in Kauf nehmen. In diesen Gesprächen werden Redezeiten gewährt, in denen jeder seine Position darlegen kann, ohne unterbrochen zu werden. Hinter jeder Position verbirgt sich eine Geschichte. Wenn ich mich darauf einlasse, einfach einmal zuzuhören, erfahre ich etwas über die Menschen, zum Beispiel weshalb jemand Putin unterstützt. Deshalb teile ich diese Meinung nicht, aber ich gerate nicht in Feindschaft zu meinem Gegenüber. Eine solche Auseinandersetzung ist nicht ohne, sie kostet Kraft.   

In der Politik zählen die Positionen und Parolen. Ist das die Nische, welche die Kirche ausfüllen kann: den persönlichen Geschichten hinter den Meinungen Raum geben?   

Ja, da ist die Kirche gemeinsam mit vielen anderen Akteuren der Zivilgesellschaft gefordert. Aber wir sind wahrlich nicht die Einzigen, die sagen, dass etwas gegen die mittlerweile durch Studien belegte Polarisierung getan werden muss. Ich sehe keinen anderen Weg.   Sie spielen auf die jüngste Studie an, in der 80 Prozent der Befragten angaben, sie nähmen eine Spaltung der Gesellschaft wahr.   Selbst in Familien werden bestimmte Themen lieber gar nicht erst angesprochen. Das halte ich für höchst problematisch, weil extremistische Positionen unwidersprochen bleiben. Auch nehme ich eine grosse Verunsicherung angesichts der komplexen und multiplen Krisen wahr. Dass sich das eigene Leben für viele gut oder zumindest zufriedenstellend anfühlt, gerät in den Hintergrund. Angst und Ohnmacht gewinnen so vermehrt die Oberhand. Die biblische Botschaft setzt dagegen eine Botschaft der Hoffnung.   

Inwiefern sehen Sie die sozialen Medien als Treiber der Spaltung? 

Ich sehe darin eine grosse Gefahr. In den sozialen Medien verschwimmt die Wahrheit. Meinung und Fakten lassen sich nicht mehr trennen.   

Und dennoch haben die Plattformen die Wahlen beeinflusst: Die AfD und die Linke wussten die sozialen Medien am besten zu nutzen und waren insbesondere bei jungen Wählerinnen und Wählern erfolgreich. Muss deshalb nicht auch die Kirche noch viel präsenter sein? 

Natürlich nutzen wir die sozialen Medien. Wir fördern kirchliche Influencerinnen und Influencer strategisch. Wichtig ist, zugleich auf die Gefahren hinzuweisen. Ob man sich weiterhin auf der Plattform X des amerikanischen Milliardärs Elon Musk bewegen will, muss man sich zumindest gut überlegen.   

Wie handhaben Sie das?   

Das entscheidet jede Landeskirche und Gemeinde selbst. Einige sind vorerst geblieben, andere haben die Plattform verlassen. Die EKD hat sich für den Wechsel auf andere Kanäle entschieden. Es ist ein Dilemma: Ist es wichtig, zu bleiben und dagegenzuhalten? Oder bietet man nur extremistischen Personen und Positionen ein Forum und unterstützt ein selbstreferenzielles System?   

Die gesellschaftliche Spaltung erscheint in anderen Ländern noch dramatischer. In den USA gehen die politischen Gräben quer durch Familien. Droht auch Deutschland ein ähnlicher Kulturkampf?   

In den USA hat die Polarisierung sicher eine stärkere Dynamik angenommen. Und der Blick auf die Weltlage macht vielen Menschen Angst. In den USA erodieren Grundwerte und Haltungen, auf denen unsere westliche Kultur aufbaut und auch unser Grundgesetz basiert: dass die internationale Zusammenarbeit auf Vernunft und Abkommen setzt, die Politik im Gespräch konsensfähig bleibt, verlässlich, berechenbar und transparent handelt.   

Und wie würden Sie das realistische Gegenprogramm beschreiben?   

Wir sehen, wie sehr die reine Sieger-Verlierer-Logik und eine Maxime wie «America First» die Demokratie gefährden. Diese Politik stellt Verständigung und die internationale Praxis, gemeinsam um Lösungen zu ringen, radikal infrage. Aus meiner Sicht braucht es deshalb gerade jetzt eine starke Koalition der demokratischen Mitte.

Wahlkampagne der Kirchen

Die evangelische und die katholische Kirche riefen vor den Wahlen dazu auf, «Herz und Verstand zusammenzubringen und für Menschenwürde, Nächstenliebe, Zusammenhalt und Demokratie und gegen Extremismus» zu stimmen. Als Siegerin ging die CDU aus den Wahlen vom 23. Februar hervor. Mit ihrer bayrischen Schwesterpartei CSU holte sie 208 von 630 Sitzen. Zweitstärkste Kraft wurde die AfD. Unter Spitzenkandidatin Alice Weidel gewann sie 152 Sitze, fast doppelt so viele wie vor vier Jahren. Friedrich Merz (CDU) schliesst eine Zusammenarbeit mit der AfD aus. Um sich zum neuen Kanzler wählen lassen zu können, ist er auf ein Bündnis mit der SPD angewiesen. Beide Parteien haben Koalitionsgespräche aufgenommen. Die Partei des bisherigen Kanzlers Olaf Scholz ist auf 120 Mandate abgestürzt, 86 Sitze gingen verloren. Die Grünen büssten 33 Sitze ein und haben 85 Abgeordnete, die FDP flog aus dem Bundestag. Die Linke gewann 25 Sitze hinzu, sie hat 64 Mandate.

Was erwarten Sie konkret von der kommenden Bundesregierung?   

Ich erhoffe mir ausgesprochen, dass die Parteien, die Regierungsverantwortung übernehmen, jetzt schnell zusammenfinden, einfach um handlungsfähig zu sein. Man hat sich ja nicht geschont im Wahlkampf. Die demokratischen Parteien müssen konstruktiv und verantwortungsvoll mit dem Wahlergebnis umgehen. Daran führt kein Weg vorbei, das haben nicht zuletzt die gescheiterten Koalitionsverhandlungen unter Führung der rechtsextremen FPÖ in Österreich gezeigt. Wir brauchen in Deutschland gute Rahmenbedingungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für eine weltoffene Gesellschaft. Eine vernünftige Migrationspolitik und endlich wieder mehr Aufmerksamkeit für den Klimaschutz. Wir alle ahnen, dass dies schwierig wird. Doch vor dem Hintergrund der mangelnden Alternativen muss es gelingen.   

Sie äussern sich dezidiert politisch. Auch in der Schweiz engagieren sich insbesondere kirchliche Hilfswerke für Initiativen in Bereichen wie Konzernverantwortung oder Klimaschutz. Oft wird der Kirche deshalb vorgeworfen, zu links und woke zu sein. Ein Vorwurf, den Sie schulterzuckend zur Kenntnis nehmen oder sich dagegen wehren?   

Die Zuordnung wird nicht richtiger, indem sie ständig wiederholt wird. Was wir in den politischen Diskurs einbringen, sind biblische Orientierungen, die seit mehr als 2000 Jahren gelten. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist und bleibt ein Plädoyer dafür, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist. Diese Position vertreten wir. Und wir ergreifen das Wort, wenn wir spüren, dass in Diskursen die Menschenwürde aus dem Blick gerät. Und wir mischen uns ein, wenn nicht gelebt wird, was wir unter Barmherzigkeit verstehen. Das sollte man nicht parteipolitisch missverstehen.   

Die Kirche wird zur Moralpolizei?

Nein. Es gilt, den richtigen Ton zu treffen und eben gerade nicht zu moralisieren. Wir glauben nicht, alles besser zu wissen und automatisch auf der richtigen Seite zu sein. Vielmehr geht es darum, christliche Positionen auf eine Art einzubringen, dass sie für demokratische Parteien der Mitte übersetzbar sind. Zurzeit stellt sich tatsächlich die Frage, wie die Migrationspolitik vorangebracht werden kann und zugleich Ängste und Zweifel Raum erhalten und über Probleme vernünftig diskutiert werden kann. Es geht dabei um eine Sprache, die nicht jene Menschenverachtung in sich trägt, die im Wahlkampf spürbar war.   

Die Migrationsdebatte dominierte zuletzt die Agenda. Offenbar bereitet die Einwanderung vielen Menschen grosse Sorge. Da reichen Beschwichtigungen nicht mehr aus.   

Zunächst war es problematisch, dass das Thema den Wahlkampf derart bestimmt hat. Klimaschutz, Wohnungsnot, die Frage, wie sich das Leben mit Blick auf künftige Löhne und Arbeitsbedingungen bewältigen lässt, kamen viel zu kurz. Diese Fragen, die vor allem junge Menschen umtreiben, muss die Politik beantworten. Die Migrationsdebatte war sehr stark auf Ausgrenzung und Abschottung ausgerichtet.   

Was nicht erstaunlich ist, denn die Attentate in Magdeburg, Aschaffenburg und München wurden als ein Resultat einer gescheiterten Migrationspolitik interpretiert. 

Diese Attentate waren schrecklich. Sie sind durch nichts zu rechtfertigen. Was die Opfer erleiden mussten und müssen, ist unvorstellbar grausam. Es besteht auch in der Kirche grosse Einigkeit, dass im Falle einer Radikalisierung von Menschen schnelleres Handeln nötig ist, als es in vielen Bundesländern bisher offenbar möglich ist. Aber wir müssen unterscheiden zwischen vorwiegend jungen Männern, die sich unter bestimmten Umständen radikalisieren und dann zu Tätern werden können, und der weit überwiegenden Zahl der Menschen, die auf Schutz angewiesen sind und ein Recht auf Asyl haben. Wie muss diese Debatte angekommen sein bei all jenen Menschen mit Fluchtgeschichte, die hier in Frieden und Freundschaft tagtäglich ihre Arbeit leisten: in unseren Spitälern, bei Pflegediensten, in der Forschung oder bei Lieferdiensten?   

Sie halten an offenen Grenzen fest?

Wir halten am Recht auf Asyl fest. Die Stimme der Kirche kommt aus ihrer ursprünglichen biblischen Tradition: Wir sind aufgerufen, jene zu beherbergen, die keine Heimat haben. Das ist Handeln in der Nachfolge Jesu. Wie das vernünftig umsetzbar ist, ist Sache der Politik. Wir stehen den Menschen zur Seite mit Diakonie und vielen Tausenden Ehrenamtlichen und unterstützen damit eine menschliche Politik.

In Hamburg wurde im vergangenen Herbst erstmals ein Kirchenasyl gebrochen und ein Afghane von den Behörden aus den Räumen einer katholischen Pfarrei abgeholt und abgeschoben. Sehen Sie das Kirchenasyl in Gefahr?

Es gab zuletzt schon Anlass zur Besorgnis. Und ich frage mich wirklich, was der Sinn dieser Aktion war. Denn zu der Zeit, als das Kirchenasyl aufgelöst wurde, hatten wir in Hamburg gerade einmal 37 Menschen im Kirchenasyl, davon 17 Kinder. Das ist die Realität. Es geht immer um absolute Härtefälle, bei denen die Kirche den Staat bittet, noch einmal zu überprüfen, ob das Verfahren korrekt abgelaufen ist.

Sie haben die biblischen Grundwerte beschrieben. Unbestritten scheinen sie nicht. In Russland wirft sich die Kirche Putin zu Füssen, viele Christen wählten Trump. Sehen Sie christlich nationalistische Tendenzen auch in Deutschland?

Einzelne christliche Milieus mögen stark auf Polarisierung setzen, ein Phänomen sehe ich nicht. Im Übrigen arbeiten wir gut mit der katholischen Kirche zusammen und vertreten viele Positionen gemeinsam.   

Fällt ein Schatten auf die Kirche, wenn in Russland und USA einmal mehr Krieg und Nationalismus mit Religion verbunden scheinen?

Das ist eindeutig ein Missbrauch von Religion. Kirchen haben wirklich anderes zu tun, als Spaltung zu fördern. Seelsorge ist der Kern unserer kirchlichen Identität, sie ist die Muttersprache der Kirche. Ob an den kollektiven Verständigungsorten oder in den Einzelgesprächen: Seelsorge kann helfen, die Ohnmachtsgefühle, die viele spüren, zu bewältigen.

Auch in Deutschland schrumpft die Kirche. Verliert sie damit ihre gesellschaftliche Relevanz?   

Nein. Kirchenaustritte bereiten mir Sorge, zugleich steigt die Nachfrage nach Diakonie und Seelsorge. Die Ansprüche steigen bei weniger Mitteln, das ist eine Zerreissprobe. Aber wir sind in Deutschland immerhin 18,6 Millionen evangelische Christen. Und unzählige Menschen kommen hinzu, die sich humanitär und ehrenamtlich engagieren. Die Hälfte der 40 000 Leute in der Diakonie leisten allein in Hamburg unbezahlte Arbeit. Hier wird Nächstenliebe ganz konkret, und das gibt mir Hoffnung auch über die Kirche hinaus.