Politik 12. Mai 2026, von Karin A. Wenger, Mitarbeit: Philip Bajjaly

Christen zwischen den Fronten

Reportage

Im Krieg gegen die Hisbollah hat Israel im Südlibanon eine Sperrzone ausgerufen. Gleich daneben liegt das Dorf Marjayoun. Zwei Freundinnen wollen helfen, dass die Bewohner bleiben.

Wenn Simona Zakkur nachts im Bett liegt, hört sie das Dröhnen der israelischen Kampfjets so laut, als ob die Flugzeuge direkt durch ihr Schlafzimmer flögen. Die Raketeneinschläge knallen dumpf in der Ferne, ihre Fenster klirren, manchmal beben die Wände des alten Hauses im Südlibanon.

Die Nacht brennt

Im Nachbardorf erwacht dann auch Milagros al Fhaily, und ihre zwei Hunde bellen. Irgendwann später, im Morgengrauen, öffnet sie Whatsapp und schreibt Simona: «Habibi, wie geht es dir?» Nach besonders lauten Nächten schickt sie ihr einen Ausdruck, den Milagros und andere im Libanon eigentlich brauchen, wenn sie an einer guten Party tanzen. «Leila walaana, Babe»: Die Nacht ist am Brennen.

Dann ziehen die beiden los. Wie immer von Montag bis Donnerstag, begeben sie sich auf die unsicheren Strassen, immer zu zweit. Simona Zakkur (38) ist verheiratet, Mutter eines Buben und zweier Mädchen und gelernte Krankenpflegerin. Milo, wie sie ihre neun Jahre jüngere Freundin nennt, hat Umweltwissenschaften studiert. Auf dem Sperrbildschirm des Telefons ein Foto von ihr in einem dunkelroten langen Kleid. Sie trug es an der Verlobung mit ihrem Freund, der für die Arbeit nach Afrika ging, wie so viele junge Libanesen, die in ihrer Heimat längst keine Zukunft mehr sehen.

Die unsichtbare Grenze

Die beiden Frauen fahren im Auto los, um alte Menschen zu besuchen. Weil sie wollen, dass diese in ihren Heimatdörfern rund um die Ortschaft Marjayoun bleiben können.

Hier im Südlibanon, nicht weit weg von ihren Haustüren, verläuft seit Kurzem eine unsichtbare Grenze. Das israelische Militär hat sie am 18. April auf eine Karte gezeichnet, eine gelbe Linie. Südlich davon: eine Sperrzone, kontrolliert von Israels Truppen, die sagen, dadurch ihre Bevölkerung vor den Angriffen der Hisbollah-Miliz zu schützen, die im schiitisch geprägten Südlibanon besonders stark ist. Das besetzte Gebiet reicht bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere des Libanon. Marja-youn und einige Dörfer, in die Zakkur und Fhaily fahren, grenzen direkt an die Sperrzone.

Graue Trümmerhaufen

Wenn die Frauen im Auto fahren, sehen sie auf dem Hügel gegenüber das Dorf Khiam. Dazwischen, im Tal, mitten durch die grünen Wiesen, verläuft die gelbe Linie. Schauen sie rüber, sehen sie auf der linken Seite des Dorfs kleine Rechtecke: die Häuser, die noch stehen. Rechts liegen graue Trümmerhaufen.

An diesem Tag Anfang Mai besuchen Zakkur und Fhaily eine ältere Frau. Im Wohnzimmer läuft der Fernsehsender LBC der libanesischen Christen. Simona Zakkur misst den Puls und den Blutzucker. «Alles normal, keine Veränderung», sagt sie zu Fhaily, die auf einem Tablet in das Patientendossier schreibt.

Angst vor der Besatzung

Fadia Kesserwani, 61, leidet an Diabetes. Sie hat ihr ganzes Leben in Marjayoun verbracht und miterlebt, wie israelische Truppen 1982 einmarschierten, weil die Palästinenserorganisation PLO vom Libanon aus Israel angriff. Kesserwani erinnert sich, dass während der Besatzung, die erst zur Jahrtausendwende endete, manche ihrer Nachbarn täglich nach Israel zur Arbeit pendelten. Wirtschaftlich sei es ihnen damals nicht schlecht gegangen, sagt sie, doch wohl habe sie sich eigentlich nie gefühlt.

Diese Meinung ist weitverbreitet unter Christen, auch in Marjayoun. Die christlichen Konfessionen bilden eine Mehrheit in der Ortschaft, anders als in den meisten schiitisch geprägten Dörfer rundherum. Viele Menschen in der Region fürchten sich vor einer neuen Besatzung.

Ruhe macht misstrauisch

Während Zakkur mit der Patientin spricht, knallt es draussen immer wieder dumpf, wenn die Hisbollah Raketen auf Israel abschiesst. Fhaily sagt, sie alle, selbst die Kinder, könnten mittlerweile die Unterschiede hören. Ob die Hisbollah Raketen zünde oder ob eine israelische in ein Nachbardorf einschlage.

Wenn es draussen donnert, reagiert in Marjayoun längst niemand mehr. Die Menschen reden einfach weiter, nicht einmal den Kopf drehen sie noch zum Fenster. Sie schlafe schlechter, wenn sie keine Bomben höre, sagt die Patientin Kesserwani, «dann werde ich misstrauisch und überlege, was passiert.»

Es war Anfang März, als die Hisbollah begann, Israel mit Raketen und Drohnen zu beschiessen, aus vermeintlicher Solidarität mit ihrem Sponsor Iran. Als sich das iranische Regime mit den USA nach wochenlangem Krieg auf einen Waffenstillstand einigte, war zunächst unklar, ob die Waffenruhe auch für den Libanon gilt. Seit Mitte April sollte eigentlich in der ganzen Region Ruhe herrschen, doch die Übereinkunft scheint vor allem für die Hauptstadt Beirut zu gelten. Im Süden fragt sich Simona Zakkur: «Was bedeutet ein Waffenstillstand, wenn das einer sein soll?»

Die neue Abgeschiedenheit

Der Krieg verstärkt Probleme, die es schon lange gibt. Einst war Marjayoun ein Knotenpunkt von Handelswegen, auf denen sich Christen, Muslime und Juden begegneten. Sie fuhren nach Saida am Mittelmeer, nach Damaskus jenseits des Berges Hermon und nach Jerusalem im historischen Palästina. Das war einmal. Seit Jahrzehnten führen keine wichtigen Strassen mehr durch Marja-youn. Die Versorgung wird schlechter, zahlreiche Geschäfte schliessen, es gibt weniger Arbeit.

Deshalb hat die Nichtregierungsorganisation «1 for 3», die zuvor im Westjordanland tätig war, begonnen, sich im Südlibanon zu engagieren. Sie betreibt Programme für medizinische Vorsorge, Bildung und die Umwelt. Seit Januar sind Zakkur und Fhaily, beide Christinnen, die sich zuvor nicht kannten, zusammen unterwegs. Sie verteilen Medikamente, besuchen Menschen mit chronischen Krankheiten.

Die gescheiterte Vision

«1 for 3» will das vorleben, was es im Libanon vielleicht nie wirklich gab: dass sich die Libanesinnen und Libanesen als ein Volk sehen. Dass sie aufhören, zuerst zu fragen, wie die Familie heisse, wo sie herkomme, um herauszufinden, ob das Gegenüber Christin ist, ein sunnitischer oder schiitischer Muslim, Druse.

Unterwegs im Auto öffnet Milagros al Fhaily auf ihrem Telefon einen Whatsapp-Chat, in dem sie liest, wie sich der Krieg entwickelt und wo in der Umgebung welche Geschosse eingeschlagen sind. Die Region hier, südlich des Litani-Flusses, haben die Menschen schon vor Jahrhunderten begonnen, auf Arabisch Belad Bishara zu nennen: Land der guten Neuigkeiten.

Derzeit sind die Tage aber meistens schwierig. Einmal trafen israelische Luftangriffe einige Häuser an der Hauptstrasse in Marjayoun. Mitte März wurde in Qlayaa, dem Nachbarort, wo Milagros Fhaily wohnt, ein maronitischer Priester getötet. Die Wochen danach seien hart gewesen, erzählt Fhaily, viele hätten das Dorf damals verlassen.

Wenigstens einmal zurück

Fhaily wollte aber nicht gehen, nicht schon wieder. Im Krieg 2024 flüchtete sie nach Beirut, als die Hisbollah nach dem 7. Oktober für die Palästinenser eine neue Front eröffnete. Und Israel, wie immer, überproportional hart zurückschlug.

Auch damals folgte ein Waffenstillstand, zumindest theoretisch. Die Hisbollah gab ihre Waffen nicht ab, Israel flog fast jeden Tag mehrere Angriffe, Soldaten hielten fünf Stützpunkte im Libanon besetzt. Einer so nah an Simona Zakkurs Haus, dass sie nicht mehr zurückkehren konnte und seither bei ihrer Schwiegermutter lebt. Sie wünschte, sie könnte wenigstens einmal zurück, um das Album zu holen mit den Fotos ihres Bruders, der bei einem Autounfall gestorben ist.

Einbruch ins verlassene Haus

Nachmittags klopfen die Frauen an die Tür von Hussein Changhoury und seiner Frau. Der 62-jährige Sunnit lebte Jahrzehnte in Beirut und in den Emiraten, dann zog es ihn zurück. An den Ort, wo er geboren wurde, wo er als Kind durch die Hügel streifte bis zum Litani-Fluss, in dem er schwimmen ging.

Auch er flüchtete im vergangenen Krieg. Als er zurückkam, sah er, dass in sein Haus eingebrochen worden war. Er verdächtigt Hisbollah-Kämpfer. «Sie waren in meinem Schlafzimmer, ich habe geweint.» Seine Kinder blieben in Beirut, ihnen gehe es dort besser. «Aber ich werde nie mehr weggehen.»

Von zwei Seiten bedroht

Manchmal besuchen Zakkur und Fhaily eine der wenigen schiitischen Familien in Marjayoun. Die israelische Armee hatte manche Vorsteher der christlichen Orte nach Kriegsbeginn angerufen und gesagt, sie müssten die Schiiten wegschicken, sonst würden Bomben fallen.

Zakkur kennt auch Schiiten. Eine Freundin aus der Schulzeit rufe sie regelmässig an. Deren Mann sei bei der Hisbollah. Wenn sie am Telefon nach ihm fragt, benutzt sie einen Mädchennamen. «Wie geht es Badiaa?», fragt sie, dann wechseln sie das Thema. Vielleicht würden sie von den Israelis abgehört. Die Ideologie der Hisbollah, die Nähe zum Iran, kann Zakkur wie die meisten Christen nicht nachvollziehen. «Gott helfe uns vor beiden Seiten.»

Simona Zakkur und Milagros al Fhaily wissen nicht, wie lange sie im Südlibanon bleiben können. Bei ihnen zu Hause stehen gepackte Koffer. Kleider, Medikamente, Mappen mit Zertifikaten und dem Grundbucheintrag des Hauses.

Nichts ist normal

Zakkurs achtjähriger Sohn Simon malt Panzer. Sie seien so stark, dass sie nicht besiegt werden könnten, hat er der Mutter erklärt. Immer wieder zeichnet er solche Panzer, schon einen ganzen Papierblock voll.
Eine Zeichnung hat Zakkur eingerahmt und aufs Regal gestellt, zu Lego-Männchen und Schulheften. Ihr Sohn habe gesagt: «Mama, ich will zurück in deinen Bauch, da habe ich mich sicher gefühlt.»

«Das ist normal», sagt Simona, «es ist Krieg.» Milagros entgegnet: «Das ist nicht so sehr normal.»

Das Lachen bleibt

Wenn sie mit den Hausbesuchen fertig sind, essen sie manchmal miteinander. Der Krieg hat sie zusammengeschweisst. Sie rauchen Shisha, Simona bringt die Kinder mit zu Milagros, dann spielen sie mit ihren Hunden. Milagros mag an Simona besonders, wie sie alles durchstehe. 

Simona mag, dass Milagros so oft lache. Abends, bevor es dunkel wird und sich kaum mehr jemand auf die Strassen traut, verabschieden sie sich. Bis eine von beiden am nächsten Morgen wieder schreibt: «Liebe, wie geht es dir?»