Der Kinosaal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Doch vorne läuft an diesem Freitagabend kein Film: 25 Bürger der brandenburgischen Kleinstadt Spremberg stehen auf der Bühne – sie spielen die Lebensgeschichten einstiger jüdischer Bewohner ihrer Stadt. Etwa die von Elfriede Rulla, die ihre Kinder taufen liess, in der Hoffnung, dass ihnen das Schicksal der Juden in Nazi-Deutschland erspart bleibt. Und die Geschichte des Ehepaars Bernfeld, das seine Fabrik einem Nichtjuden überschrieb, weil die Enteignung nicht vermeidbar schien. Die Zuschauer lernen auch Elly Schönfeld kennen, die Krankenschwester musste mehrfach im Ort umziehen, bevor sie von den Nazis ins Warschauer Getto deportiert wurde.
Die Bühne zieren Requisiten aus den 30er-Jahren, Sofas, alte Telefone und Lampen. Stimmen aus dem Off erzählen die Geschichten der Juden, immer wieder erscheinen Originaldokumente auf der Kinoleinwand, Briefe, Gerichtsurteile oder Notizen. «14. November 1938: Sprembergs Geschäfte sind judenfrei», tönt es aus dem Lautsprecher.
Der Holocaust bekommt Gesichter, nur wenige Juden aus Spremberg haben ihn überlebt. Am Ende ihrer Leidensgeschichten stand im besten Fall die Flucht in sichere Länder, im schlimmsten die Ermordung in Konzentrationslagern.
Am Ende des Stücks stellen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler vor, sprechen Ähnlichkeiten zu den Menschen an, die sie verkörperten. «Ich bin Stephanie und wäre die Nachbarin von Elfriede Rulla», sagt eine junge Frau. Es sind bewegende Parallelen, viele der Zuschauer haben Tränen in den Augen, sie erheben sich zum Applaus.
Ganz viel Dankbarkeit
Dann kommt die Regisseurin auf die Bühne: Pfarrerin Jette Förster hat die Lebensgeschichten recherchiert, das Theaterstück geschrieben und die Veranstaltung mit ihrer «Arbeitsgruppe Spurensuche» organisiert. «Jede Geschichte hat auch mit uns etwas zu tun. Jede Geschichte verbindet sich mit uns. Und wir sind mit der Geschichte verbunden», sagt die 37-Jährige.
Am Schluss, als alle Dankesworte gesagt, alle Blumen verteilt sind und Förster die Bühne verlassen will, erscheinen zu ihrer Überraschung Fotos von ihr und Teamkollegin Elisabeth Schulze auf der Leinwand. «Das sind Jette Förster und Elisabeth Schulze. Wo ihr steht, ist in dieser Stadt deutlich spürbar. Ihr findet Spuren, ihr hinterlasst auch welche. Es tut gut, dass ihr da seid», tönt es aus dem Off. Es ist eine beispiellose Sympathiebekundung für die beiden Pfarrerinnen.
