«Verbote befeuern den Fundamentalismus»

Bildung

In mehreren Kantonen wird über ein Kopftuchverbot in Schulen debattiert. Die Zürcher Politikerin Serap Kahriman warnt vor negativen Folgen.

Eine Lehrerin trägt im Schulunterricht ein Kopftuch: Was bedeutet dieses Signal für Sie persönlich?
Serap Kahriman: Sie bekennt sich damit zum Islam, ihrem Glauben.

Beeinflusst dieses Bekenntnis die Art, wie die Lehrerin unterrichtet?
Ich sehe das relativ entspannt. Die Lehrerin wurde in der Schweiz ausgebildet und ist der Professionalität verpflichtet. Lehrerinnen und Lehrer haben wie alle anderen Personen in diesem Land eine Identität, die sichtbar sein darf.

In Eschenbach protestierten Eltern gegen die Anstellung einer Lehrerin, die ein Kopftuch trug. Der Regierungsrat und das Parlament des Kantons St. Gallen wollen nun das Volksschulgesetz anpassen. In Zürich ist eine Motion hängig.
Es gibt fast keine Lehrerinnen, die mit Kopftuch unterrichten wollen. Wir haben es mit einer Phantomdiskussion zu tun. Viel interessanter ist, was hinter der Debatte steckt: antimuslimischer Rassismus. Die Frage ist für mich nicht, weshalb eine Lehrerin ein Kopftuch trägt, sondern warum die Politik sie so anders behandelt als jene Lehrerinnen, die sich zu einem anderen Glauben bekennen. Wir sollten vielmehr darüber debattieren, warum wir es als Gesellschaft nicht aushalten, dass eine Lehrerin ein Kopftuch trägt.

Viele Menschen fühlen sich vom Kopftuch provoziert.
Ich nicht. Ich bin in einem liberal muslimischen Haushalt aufgewachsen. Seit meiner Kindheit kenne ich Frauen, die ein Kopftuch tragen. Ich projiziere nichts Problematisches auf das Kopftuch. 

Serap Kahriman

Für die Grünliberale Partei politisiert Serap Kahriman im Parlament der Stadt Zürich. Nach der Lehre als Gärtnerin studierte sie Wirtschaftsrecht und Rechtswissenschaften. Heute leitet sie die Koordinationsstelle für Umweltschutz des Kantons Schaffhausen und ist zudem wissenschaftliche Mitarbeiterin im Rechtsdienst des Departements des Innern. Kahriman ist Mitglied der jüdisch-muslimischen Dialog­ruppe GemeinsamEinsam. 1990 geboren, wuchs sie im Toggenburg auf. Ihre Eltern und Grosseltern kommen aus der Türkei und arbeiteten in Schweizer Fabriken.

Haben Sie jemals überlegt, ein Kopftuch zu tragen?
Nein. Meine Mutter schickte meine Schwester und mich einmal in eine Koranschule. Schon als kleines Mädchen sagte ich ihr, dass ich daran kein Interesse habe. Damit war die Sache erledigt. In der Sekundarschule hat mich das Fach Religion, Kultur und Ethik sehr interessiert. Der Islam war für mich eher eine kulturelle Identität. Der Feiertagskalender war in meiner Familie wichtig. Auch meine Mutter trug nie ein Kopftuch. Es ist mir vor allem von meinen Grossmüttern her vertraut.

Dennoch kann in konservativen Gemeinschaften der Druck auf Frauen steigen, bestimmte religiöse Ansprüche zu erfüllen und sich eben auch entsprechend zu kleiden.
Die Ursache dafür sind patriarchale Strukturen, die es in allen Religionen gibt. Fundamentalistische Einstellungen kollidieren immer mit liberalen Werten. Das Problem ist nicht das Kopftuch, problematisch sind die Machtverhältnisse dahinter. Die Gleichstellung ist übrigens auch in vielen christlichen Kirchen bis heute noch nicht Realität. 

Ist das Kopftuch eher ein patriarchales als ein religiöses Symbol? 
Studien zeigen, dass die Gründe, warum Frauen ein Kopftuch tragen, mannigfaltig sind. Der Anteil jener Frauen, die es aus Zwang tragen oder weil sie sich dem Mann freiwillig unterordnen wollen, ist gering. Die meisten Frauen nennen spirituelle und kulturelle Motive.

Trotzdem kommt das Kopftuch aus einer Tradition, in der sich Frauen vor Männern verhüllen müssen.
Wird auf eine Frau Druck ausgeübt, gilt es einzugreifen. Nötigung ist strafbar. Insbesondere wenn Mädchen betroffen sind, ist der Staat gefordert, dann geht es um das Kindeswohl. Umso widersprüchlicher ist es aber, dass ausgerechnet jene politischen Kreise, die zuletzt eine gesetzliche Verankerung der gewaltfreien Erziehung als unzulässigen Eingriff in die Erziehungsfreiheit ablehnten, ein Kopftuchverbot mit dem Schutz von Mädchen begründen. Wenn es gegen den Islam geht, wird das Kindeswohl zum Argument. Geht es jedoch um alle Kinder, dann wird die Position der Eltern gestärkt, sogar wenn Gewalt im Spiel ist.

Für Sie steckt allein Islamfeindlichkeit hinter dem Kopftuchverbot?
Jedenfalls ist es der SVP gelungen, das Narrativ einer angeblichen Islamisierung durchzusetzen. Auch bereits mit dem Minarettverbot sollte der Islam unsichtbar werden, nun sind die Frauen mit Kopftuch dran. Nur weil etwas nicht mehr sichtbar ist, verschwindet es nicht. Wird eine Frau gezwungen, ein Kopftuch anzuziehen, es aber am Arbeitsplatz ablegen muss, bleibt sie zu Hause. Sie wird in ihrer Selbstbestimmung noch stärker eingeschränkt.

In Bern, Genf und Schwyz dürfen Lehrerinnen im Unterricht kein Kopftuch tragen. Das Bundesgericht hatte 1996 die Entlassung einer Genfer Primarlehrerin, die zum Islam konvertiert war, gestützt. Der Berner Regierungsrat bekräftigte das Verbot im letzten Jahr: «Lehrpersonen repräsentieren als Vertreterinnen und Vertreter des Staats dessen religiöse Neutralität.» Der St. Galler Kantonsrat überwies zuletzt eine Motion, die Lehrpersonen religiöse Symbole im Unterricht untersagt. Im Zürcher Kantonsrat ist eine Motion hängig, die Kopftücher aus Kindergärten und Schulen verbannen will, weil sie «christlichen, humanistischen und demokratischen Werten», an denen sich die Volksschule orientiere, widersprächen. Das Bundesgericht wies ein Kopftuchverbot für Schülerinnen 2015 als unverhältnismässigen Eingriff in die Religionsfreiheit ab. 

Müsste die Schule aus liberaler Perspektive nicht ein neutraler Ort sein, der frei ist von religiösen und weltanschaulichen Symbolen?
Die Schule ist ein Ort der Begegnung. Auch ein Kind hat das Recht, seine Religion so auszuüben, wie es möchte. In der Schule können die Kinder viel über Pluralität lernen: was es bedeutet, verschiedene Meinungen, Weltanschauungen und Religionen zu haben. Nur so können sie Toleranz und Resilienz entwickeln. Ein Kopftuchverbot sendet das fatale Signal, dass ein Mädchen irgendwie falsch ist. Das kann Scham, Wut und Diskriminierungsgefühle auslösen. Neutralität bedeutet nicht, dass Menschen ihre Identität ablegen müssen. Neutralität bedeutet, dass der Staat keine Religion bevorzugt oder eine andere benachteiligt.

Wie soll über Irritationen, die ein Kopftuch auslöst, angemessen gesprochen werden? Es kann doch wütend machen, wenn Frauen sich verhüllen sollen, statt dass sich die Männer im Griff haben müssen.
Es wäre falsch zu sagen, wir hätten kein Problem. Solche Projektionen gibt es. Und ich kann nachvollziehen, woher die Irritation kommt. Mich macht auch vieles wütend. Aber ich muss dieses Gefühl aushalten, solange ich meine Grundrechte ausüben kann und meine Freiheit nicht eingeschränkt wird.

Ein Kopftuchverbot signalisiert, welche Werte in der Schule gelten.
Ich wehre mich dagegen, dass wir auf Wertedebatten mit Regulierungen reagieren. Verbote befeuern den Fundamentalismus. Denn radikale Kräfte erheben das Kopftuch zu einem Kampfsymbol, wenn Frauen, die es tragen, marginalisiert und diskriminiert werden. Vielleicht gründen sie muslimische Privatschulen.

Diese Gefahr sehen Sie?
Natürlich. Es stünden wohl auch Geldgeber bereit. Wir kennen in der Schweiz schon lange konfessionelle Privatschulen. Ich fände es sehr bedauerlich, wenn mein Kind in einer Volksschule unterrichtet würde, in der alle Kinder einer gesellschaftlichen Norm entsprechen. Ich will keine Parallelgesellschaften wie in Frankreich. Die Pluralität soll sichtbar bleiben.