Davos stellt sich seiner Geschichte

Gesellschaft

Das Institut für Kulturforschung Graubünden nimmt eine neue Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in Davos in Angriff. Gemeinde und Kanton beteiligen sich. 

Es ist ein Kapitel, das lange im Schatten lag: die Rolle von Davos als «Nazi-Hochburg» während des Zweiten Weltkriegs. Das unabhängige Institut für Kulturforschung Graubünden (IKG) will gegensteuern und lanciert nun ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Nationalsozialismus in Davos. Die Arbeiten am Projekt «Verstrickungen und Konfrontationen. Davos und der Nationalsozialismus.» sollen Anfang 2027 beginnen. Zurzeit ist die Projektleitung daran, ein Team aus Forschenden zusammenzustellen. Bis am 30. September läuft die Ausschreibung. 

Neue Erforschung ist nötig

Angeregt wurde das Forschungsvorhaben durch die Gemeinde Davos. «Der Kleine Landrat hofft, dass so ein Beitrag zur Förderung des sozialen Zusammenhalts gemäss dem aktuellen Regierungsprogramm geleistet wird», sagt der Davoser Landammann Philipp Wilhelm. Die Ortsgeschichte soll erforscht und öffentlich zugänglich werden. Davos, sagt Wilhelm, spiele in der Geschichte des Nationalsozialismus in der Schweiz eine zentrale Rolle. In Davos gab es aber auch entscheidenden Widerstand gegen den NS-Einfluss in der Schweiz. «Diese Seite der Geschichte ist bisher viel zu wenig erforscht und bekannt», so der Sozialdemokrat. 

Kirchgemeindepräsidentin wirkt aktiv mit

Mitglied einer informellen Arbeitsgruppe war auch Irma Wehrli, ehemalige Kirchgemeindepräsidentin. Als Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Davos (AKiD) wirkte sie viele Jahre im jüdisch-christlichen Dialog und wurde auch zu Stefan Kellers Forschungsbericht über Davos beigezogen. Die Initiative der Gemeinde begrüsst sie: «Dieses Projekt kann heilsames Reden über die Vergangenheit fördern und uns als Gesellschaft stärken.» Grundlagen für das aktuelle Projekt unter der Leitung der Historikerin Loretta Seglias (Interview S. 3) bilden unter anderem zwei Berichte, die in den letzten drei Jahren fast gleichzeitig erschienen sind. 

Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof

Kellers Bericht zur Forschungslage betreffend Nationalsozialismus in Davos hat der Landammann persönlich in Auftrag gegeben. Auslöser war damals die Einweihung eines Gedenksteins auf dem jüdischen Friedhof in Davos. Das Denkmal ist den Menschen gewidmet, die Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes wurden. Der zweite Bericht wurde verfasst, nachdem SRF seine Recherche zu einem Nazigedenkstein auf dem Churer Friedhof Daleu publiziert hatte. Das Bündner Parlament verlangte daraufhin von der Regierung einen Bericht, der den derzeitigen Stand der Forschung in Graubünden eruieren sollte.

Kaum Erkenntnisse vom Widerstand 

Beide Autorenschaften stellten fest, dass trotz umfangreicher Wissensgrundlage und zahlreicher Publikationen noch grosse Forschungslücken bestehen. Kaum thematisiert seien die Verflechtungen, Strukturen, Nazi-Gedankengut und Widerstandsbewegungen. Auch die Seite der Jüdinnen und Juden sowie der Fluchthelfenden sei kaum erforscht. 

Grundlage für Diskussion 

Das nun am Institut für Kulturforschung Graubünden durchgeführte Projekt nimmt sich der Forschungslücken an und erweitert den Blick über die Zeit der Weltkriege bis in die 1960er-Jahre. In fünf Kapiteln soll eine kuratierte Publikation für ein breites Publikum entstehen, sie ist für 2029 geplant. An den Kosten beteiligen sich neben der Gemeinde Davos auch der Kanton Graubünden und das IKG selbst. 

Philipp Wilhelm, Landammann Davos

«In Davos gab es aber auch ent­scheidenden Widerstand gegen den NS-Einfluss in der Schweiz.»