Schon über 30-mal ist Pfarrer Haroutune Selimian am 6. Januar hinter das Rednerpult seiner Kirche in Aleppo getreten, um Weihnachten zu feiern. Kein einziges Jahr hat er ausfallen lassen, nicht einmal mitten im Bürgerkrieg, als der zweifache Vater während der Predigten das dumpfe Donnern der Bomben hörte, die in der Nähe einschlugen. Auch in diesem Januar war für ihn klar, dass der Gottesdienst stattfindet. Er zweifelte einzig, ob viele Menschen seiner armenisch-protestantischen Gemeinde kämen.
Eine volle Kirche als Zeichen der Hoffnung
Nach dem Umsturz vermischt sich bei den syrischen Christen die Freude über die errungene Freiheit mit der Angst vor den neuen starken Männern. Eine Reportage aus Aleppo.
Krippenspiel in der Kirche von Aleppo. (Foto: Ayman Alhalaak)

Brennende Kirchen
Die Christen in Syrien sind nach dem Sturz von Diktator Bashar al Assad eingeschüchtert von den neuen starken Männern im Staat, die sich gemässigt geben, vor zehn Jahren aber zusammen mit anderen Extremisten Kirchen angezündet und Priester entführt haben.
Der Blick auf volle Kirchenbänke: Pfarrer Haroutune Selimian. (Foto: Ayman Alhalaak)
Nun blickt Haroutune Selimian auf volle Sitzreihen und in mehrere hundert Gesichter. «Ich war tief berührt zu sehen, wie viele sich getraut haben zu kommen», sagt der 61-Jährige später. Mit kraftvoller Stimme hält er seine Predigt, ebenso singen die Menschen die Lieder mit, als ob sie sich selbst versichern wollten, dass hier ihr Platz sei, den sie sich nicht nehmen lassen.
Der grosse Exodus
Nach dem Gottesdienst schreiten geistliche Führer anderer Kirchen über den Vorplatz, um Selimian zu grüssen. Zusammenhalt ist wichtig. Elf christliche Konfessionen zählt Aleppo, einst das Zuhause von über 200 000 Christen. Heute lebt noch rund ein Zehntel davon in der Stadt im Nordwesten Syriens.
Die Christen sind im Krieg geflüchtet. Oppositionsgruppen kontrollierten die östlichen Bezirke der Stadt, kämpften erbittert gegen die Assad-Truppen in den westlichen Quartieren, wo die Bethel-Kirche von Selimian steht. «Die Kriegsjahre waren erschütternd. Nicht allein physisch war es schwierig zu überleben, sondern ebenso für meinen Glauben. Es war so schwer, Themen für die Predigt auszuwählen.» Über vier Jahre dauerte die Schlacht um Aleppo, bis Assad mithilfe von russischen Luftangriffen die Stadt Ende 2016 zurückeroberte. Bis heute prägen Trümmerberge das Stadtbild in manchen Quartieren.
Das Bild ist weg
Die Explosionen der Bomben und die grausamen Bilder im Fernsehen wird die 16-jährige Arkina Sheohmelian wohl nie vergessen können. Es war das Singen, dass sie durch den Krieg trug. Nach dem Gottesdienst, in dem sie ein Solo gesungen hat, sprüht sie vor Energie. Sie will ihren Lieblingsort zeigen: die Schule im Nebengebäude.
Über den Wandtafeln hängen keine Assad-Porträts mehr und montags, erzählt sie, könne sie nun eine halbe Stunde länger schlafen. Die Schüler müssen sich nicht mehr im Hof für die Hymne versammeln.
Arkina Sheohmelian in ihrer Schule. (Foto: Ayman Alhalaak)
«Ich kann endlich frei reden», sagt sie, «aber ich bin auch verwirrt.» Sie trägt an diesem Tag einen knielangen, beigen Jupe. Obwohl sie nur fünf Minuten von der Kirche entfernt wohnt, ruft sie am Nachmittag ihren Vater an, der sie mit dem Auto abholt. Er lasse sie so im Moment nicht allein draussen herumlaufen, man wisse ja nie.
Bedrohlicher Besuch
Das Misstrauen sitzt tief. Assad gab sich während seiner Herrschaft als Beschützer der Minderheiten, liess diese glauben, die Opposition bestehe nur aus islamistischen Terroristen. Dass Assad das kleinere Übel war, glaubten viele Christen auch wegen Vorfällen wie jene 2014 und 2015, als Haroutune Selimian zweimal nur knapp einer Entführung entkam. Einmal vor dem selbst ernannten Islamischen Staat, einmal vor der Al-Nusra-Front, der Vorläuferin der heutigen Hayat Tahrir al-Sham, kurz HTS, die im Land nun an der Macht ist. Selimian erzählt, er sei nur entkommen, weil sein Fahrer damals mit über 200 Kilometern pro Stunde den Kämpfern auf dem Pick-up davonfahren konnte.
Mitten im Interview, das am Tag nach dem Weihnachtsgottesdienst stattfindet, kommt eine Mitarbeiterin in Selimians Büro: Zwei Männer draussen wollten ihn sehen. Sie hätten sich vorgestellt, sie seien von der islamischen Partei. Selimian schaut verwirrt. «Das ist das erste Mal, dass sie herkommen», erklärt der Pfarrer. «Ich muss sie empfangen, ich kann sie nicht abweisen.»
Leere Gefängnisse
Die beiden Männer in Alltagskleidern treten ein und sagen, sie suchten einen Mann, er heisse Daron. Sie hätten mit ihm vor einigen Jahren zusammengearbeitet, doch es habe Probleme gegeben. Er sei dafür verantwortlich, dass sie im Gefängnis gelandet seien. Nun, wieder auf freiem Fuss, weil die Gefängnisse alle geöffnet wurden, suchten sie diesen Mann.
Selimian hört zu, sagt dann bestimmt, er kenne keinen Mann mit diesem Namen. Vielleicht würden sie die Kirche verwechseln. Er erklärt ihnen, wo die armenisch-orthodoxe ist. Als die Männer wieder gehen, schickt Selimian seinem Kollegen eine Nachricht auf Whatsapp, um ihn über den Besuch zu informieren. Danach bittet er eine Mitarbeiterin, die Tore zum Kirchengelände zu verschliessen.
Der umgestürzte Christbaum
«Solche Leute hätten sich früher nie getraut, einfach so zu uns zu kommen», sagt Selimian. Doch zurzeit gebe es kaum Polizei, jeder könne tun, was ihm beliebe. Er hält inne, überlegt dann laut: «Was, wenn das eine erfundene Geschichte war? Viel-leicht wollen sie nur schauen, wo ich bin, wie einfach sie zu mir ins Gebäude kommen.»
Eigentlich haben die Christen bisher nur wenig konkrete Gründe zur Angst. Die Mächtigen der HTS wiederholen öffentlich, sie respektierten die Diversität Syriens. Landesweit, so auch in Aleppo, haben sich ihre Politiker mit Vertretern von Kirchen und anderen Minderheiten getroffen. Die beschwichtigenden Worte beruhigen, doch sie genügen vielen Christen nicht. Sie beobachten jeden Vorfall mit Argwohn. Etwa, als ein Mann mit schusssicherer Weste in Aleppo in der Adventszeit einen Tannenbaum umstürzte.
Die versteckte Angst
Auch Besitzer von Alkoholläden sind beunruhigt. Ein Verkäufer in der Umgebung der armenischen Kirche hat seine Scheiben mit glitzerndem Geschenkpapier verklebt. So kann man von draussen die vollgestellten Regale nicht mehr sehen. Er erzählt: Kurz nach der Machtübernahme habe ihn ein HTS-Kämpfer angewiesen, den Laden zu schliessen. Er habe das Geschäft dann Mitte Dezember wieder eröffnet, seither sei es zu keinen Vorfällen mehr gekommen. «Schau», der Verkäufer zeigt auf seinem Handy Whatsapp-Chats mit Rebellen, die ihm schreiben, er solle Dosen mit Wodkamix für sie bereitstellen.
Das Schaufenster verklebt: Der Besitzer eines Alkoholladens in Aleppo. (Foto: Ayman Alhalaak)
Viele Christen in Syrien leben zurzeit in einem Zustand des Abwartens, auch Arkinas Familie. Sollte sich die Situation verschlechtern, würden sie Syrien vielleicht verlassen, sagt Arkina.
Aber sie findet es falsch, den neuen Machthabern zu zeigen, dass sie eingeschüchtert seien. Sie will in diesem Jahr ihr Studium beginnen. «Doch ich weiss nicht einmal, was in den Lehrbüchern stehen wird.»
Weihnachten macht Mut
Priester Selimian sagt, er sei vorsichtig optimistisch. Er wolle den Menschen keinen Anlass geben, die Zuversicht zu verlieren.
Dass die Bänke am Weihnachtsgottesdienst gefüllt waren, mache ihm Mut: «Wenn so viele Menschen kommen, gibt es Hoffnung für unsere Kirche.»
Diese Reportage wurde durch den Medienfonds «real21 – die Welt verstehen» finanziell unterstützt.