«Die Frage ist, wer sich durchsetzt»

Digitalisierung

Künstliche Intelligenz verändert auch den Kirchenalltag. Theologieprofessor Thomas Schlag über Chancen und Risiken in einem Umfeld, das von Menschen und Begegnungen lebt. 

Sie forschen zur Nutzung digitaler Technologien in Glaubensgemeinschaften. Wofür haben Sie zuletzt bewusst KI genutzt?
Thomas Schlag: Zur Vorbereitung auf das Thema «Digitales Abendmahl». Ich habe mir von ChatGPT Argumente dafür und dagegen geben lassen. Die meisten waren mir bekannt. Aber manchmal gibt es einzelne Punkte, die interessant sind. Auch bot die KI einen Überblick zur Haltung verschiedener christlicher Religionsgemeinschaften zur Abendmahlsfrage an. Die KI-Ergebnisse nehme ich als Abgleich und Grundlage für meine weitere Vorbereitung.

Ist diese Offenheit für KI auch innerhalb der Kirche verbreitet?
Das kommt auf die Akteure an. Für eine qualitative Studie führten wir Interviews mit 20 leitenden Personen der Kirche, darunter Pfarrpersonen und Personal aus kirchlichen Abteilungen. Die Gruppe war recht KI-affin, und wir spürten eine hohe Sensibilität für Möglichkeiten, aber auch Gefahren. In der Administration dürften Mitarbeitende KI inzwischen in ähnlichem Umfang nutzen wie in Unternehmen. Beispielsweise für die Kommunikation. Die grösste Zurückhaltung sehe ich in Kirchenpflegen. Pfarrpersonen berichten teils von grossen Vorbehalten auf kirchgemeindlicher Leitungsebene. Das könnte oft mit dem Alter oder den eher traditionellen Einstellungen von Kirchenpflegemitgliedern zusammenhängen. 

Thomas Schlag

Thomas Schlag

Der gebürtige Stuttgarter ist seit 2011 Professor mit Lehrstuhl am Theologischen Seminar der Universität Zürich. Sein Feld ist die Praktische Theolo
gie. Seit 2021 leitet er den Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)»  und untersucht, wie die Digitalisierung die Spiritualität beeinflusst. 

Pfarrpersonen, die Predigten von KI schreiben lassen, sind für viele Gläubige wohl eine schwierige Vorstellung. Wie verbreitet ist das?
Auf der Webseite «Göttinger Predigten im Internet», die wir als Zentrum für Kirchenentwicklung verantworten, werden Predigten aus unterschiedlichen Ländern in verschiedenen Sprachen aufgeschaltet. Bei denen habe ich den Eindruck, dass sie noch «handgemacht» sind. Aber KI wird zunehmend genutzt, um Inspirationen oder Struktur für eine Predigt zu liefern.

Es gibt KI-Programme, mit denen sich Bibeltext, Ton und Länge auswählen lassen, dann spucken sie eine dementsprechende Predigt aus.
Mit einem guten Prompt, konkreten Anweisungen, können das auch ChatGPT, Gemini oder ähnliche KI-Systeme. Anders als in der Bildgenerierung, wo KI teils sehr nützliche Ergebnisse liefert, überzeugen mich KI-Predigten aber nicht.

Aus meiner Sicht ist KI für Predigten von allen Anwendungsmöglichkeiten in der Kirche am wenigsten geeignet.

Warum nicht?
Den Texten fehlen persönliche Erfahrungen, wie sie nur Menschen machen und erzählen können. Theologisch ist das ein Riesenproblem. «Verbi Divini Minister»: Pfarrpersonen sind Verkündiger und Ausleger des göttlichen Wortes. Für mich als Theologen ist die Predigt der kreativste Akt des Amtes. Man kann sich mit Ideen oder Struktur helfen und sich zum Weiterdenken anregen lassen. Die Frage ist, an welchem Punkt fange ich an, selbst zu denken. Ich würde mir wünschen, dass dieser Moment so früh wie möglich kommt im Entstehungsprozess einer Predigt. Aus meiner Sicht ist KI für Predigten von allen Anwendungsmöglichkeiten in der Kirche am wenigsten geeignet. 

Keine andere Religionsgemeinschaft weltweit setzt sich so intensiv mit Fragen von KI auseinander wie die katholische Kirche.

Nur weil ihr Erfahrungen fehlen?
Nicht allein. Pfarrpersonen ringen auch mit Auslegungen. Gerade in Zeiten wie diesen: Was macht man mit einer prophetischen Ansage? In digitalen Angeboten werden reale Ambivalenzen oft nicht abgebildet, die KI malt viel häufiger schwarz oder weiss. Ein Beispiel: Wir liessen ChatGPT Texte und Bilder zum Thema Nächstenliebe generieren. Heraus kam nur ein harmonisches Weltbild, fern jeder Wirklichkeit. Mehrfach mussten wir nachhaken. Ich hoffe sehr, dass unser pastorales Personal nicht auf die Idee kommt, mit KI-Predigten die eigene theologische Arbeit zu ersetzen.

Papst Leo XIV. hat sich klar gegen den Einsatz von KI für Predigten ausgesprochen. Sind die Katholiken kritischer als die Protestanten?
Keine andere Religionsgemeinschaft weltweit setzt sich so intensiv mit Fragen von KI auseinander wie die katholische Kirche. 

Wie kommt das?
Wir haben das schon beim Aufkommen der sozialen Medien beobachtet. Ich denke, es geht um Deutungsmacht. In Zeiten, in denen jede Influencerin, jeder Pfarrer, jedes Gemeindemitglied sich mit grosser Reichweite zu Glaubensfragen äussern kann, besteht die Gefahr, dass Autoritäten infrage gestellt werden. Papst Franziskus und jetzt auch Papst Leo XIV. geht es wahrscheinlich darum, für sich die Deutungsmacht zu sichern.

Schon längst Alltag geworden

Was lange wie reine und vor allem ferne Zukunftsmusik klang, ist in  rasender Geschwindigkeit in unserem Alltag angekommen. Die am meisten verbreitete Form künstlicher Intelligenz (KI oder auf Englisch  AI für «Artificial Intelligence») sind die sogenannten LLMs («Large  Language Models»). Diese grossen Sprachmodelle wie ChatGPT,  Gemini oder Deepseek generieren Texte, nachdem man mit einem «Prompt», also einer schriftlichen oder mündlichen Eingabe, eine Aufgabe gestellt hat.
Auch im kirchlichen Arbeitsumfeld nutzen viele Berufsgruppen vermehrt KI. Der Dachverband Diakonie Schweiz hat in den vergangenen Monaten Mitarbeitenden eine umfassende Schulung angeboten. Neben den Chancen machte er auf Risiken der Nutzung aufmerksam, etwa im Bereich Datenschutz und Energieverbrauch. Was am Einsatz von KI im kirchlichen Kontext schon Realität ist, was künftig möglich sein wird und wo die Nutzung problematisch ist, darüber hat «reformiert.» mit einem der Referenten gesprochen: Spiro Mavrias ist Leiter der Projektstelle KI bei der reformierten Landeskirche Zürich. Für den Theologen und IT-Experten kann «KI das Leben der Menschen einfacher machen, hat aber keinen Erlösungscharakter». 

Seelsorge trainieren mit einem Bot

Für viel mediales Aufsehen sorgte vor rund anderthalb Jahren ein Jesus-Avatar, den Hunderte Besucher in der Luzerner Peterskapelle konsultierten. Der Avatar war nur ein Kunstprojekt. Studien zeigen jedoch, dass insbesondere junge Menschen Chat-GPT und andere Programme in  grossem Ausmass als Dialogpartner für intime Fragen nutzen. Für den Experten Spiro Mavrias ist klar, dass Seelsorgegespräche zwischenmenschliche Kommunikation bleiben sollen. Er selbst bietet auf seiner Website Seelsorgerinnen und Seelsorgern mit einem eigens pro-grammierten Trainingsbot aber die Möglichkeit, solche Gespräche  zu simulieren. Der Bot erstellt Szenarien und liefert Problemstellungen, die im Chat mit ihm bearbeitet werden können. 

Büroarbeit und Kirchenrecht

Auch in Kirchenberufen wird KI wohl im administrativen Alltag am  stärksten genutzt. Die grossen Player von Open AI (ChatGPT) über  Google (NotebookLM) bis Microsoft (Teams) bieten allerhand Werkzeuge, um Textzusammenfassungen oder Sitzungsprotokolle zu erstel
len oder Budgets zu berechnen. Spiro Mavrias kann sich auch vorstellen, dass künftig Telefondienst-Bots in den Sekretariaten von Kirchgemeinden zum Einsatz kommen. So könnten Fragen zu Gottesdiensten, Bibelkreisen oder Chorproben rund um die Uhr beantwortet werden. Auch spezialisierte Anwendungen sind denkbar. Ein Beispiel: Mav
rias hat einen Chatbot-Prototypen für das Zürcher Kirchenrecht entwickelt. «Der Bot ist ausschliesslich auf das Kirchenrecht trainiert,  die Antworten sind stets mit Quellenverweisen versehen», sagt der KI-Experte. 

Hilfsmittel für den Unterricht

Nicht nur in den Schulen assistiert KI Lehrpersonen beim Planen und Gestalten von Lektionen. Sie kommt auch im kirchlichen Unterricht zum Einsatz. So dienen LLMs als Ideengeber und Diskussionspartner  auf der Suche nach Themen und können dank spezieller Tools helfen, Lektionen abwechslungsreicher zu gestalten. Fotografien oder hand-
gemachte Skizzen wandelt KI in Cartoons um. Es lassen sich ganze  Erklär-Comics für Kinder produzieren. Auch musikalisch spielt KI in der Kirche vermehrt mit. Mit spezialisierten Programmen lassen sich Lieder jeglichen Genres kreieren und die zu lernende Botschaft in einen modernen Song packen. «Das ist vor allem im Konfirmationsunterricht sehr beliebt», sagt Spiro Mavrias. 

Werkzeuge für die Diakonie

Nützlich kann der Einsatz von KI auf diversen Feldern diakonischer  und sozialer Arbeit sein. Sogenannte Inklusionstools übernehmen  dabei die Funktion von Brückenbauern. Die Bandbreite ist gross. So  gibt es Konsekutivdolmetscher-Programme, die in der Migrationsarbeit unterstützen können, bis hin zu solchen, die auch die Gebärdensprache übersetzen. Andere Tools erklären, wie man etwa bestimmte staatliche Sozialleistungen beantragen kann. So gelangen Bedürftige entweder direkt über die KI an Informationen, oder Sozialdiakoninnen und Sozialdiakone können sich damit schlau machen, um betreuten Personen zu helfen. Auch in Notsituationen, etwa bei häuslicher Ge
walt, verweisen Bots wie «Chat to Sophia» Betroffene an niederschwellige erste Anlaufmöglichkeiten und könnten in der Beratung  berücksichtigt werden.
In der Diakonie sind jedoch die Risiken mit Blick auf den Datenschutz grösser als ohnehin schon. Persönliche Angaben dürfen ausschliesslich in einem sicheren Rahmen verwendet werden. Entscheidend  sind KI-Richtlinien, mit denen sich die Landeskirchen befassen. Spiro Mavrias unterstützt derzeit die Zürcher Landeskirche bei der Entwicklung digitaler Leitplanken. 

An der Formulierung feilen

Wo KI mühselige Arbeit abnehmen kann, ist deren Anwendung kaum umstritten. Anders sieht die Lage bei der analogen Vermittlung der Glaubensbotschaft aus. Ist es legitim, KI beim Schreiben von Predigten zu Hilfe zu nehmen? Natürlich können alle LLMs solche Texte erschaffen. Es gibt sogar auf Predigten spezialisierte Anwendungen, die nach  der Eingabe verschiedener Parameter Texte liefern. Ein Risiko dürfte dabei die Datenbasis darstellen, die religiöse Ausrichtung ist oft unklar. Spiro Mavrias hält es für berechtigt, künstliche Intelligenz zumindest  als Schreibhilfe einzusetzen, wenn daraus «ein echter Mehrwert entsteht wie eine schönere Formulierung oder die Pfarrperson mehr  Zeit für zwischenmenschliche Arbeit in der Gemeinde gewinnt». 

Was heisst das für Reformierte und ihr Priestertum aller Gläubigen?
Wir haben ja nicht diesen Monopolanspruch der katholischen Kirche. Bei uns gilt zunächst, dass vieles möglich ist. Diese Partizipationskultur gehört zum reformierten Selbstverständnis und ist schön. Aber es stellt sich umso mehr die Frage, was die reformierte Erkennbarkeit denn überhaupt ausmacht.

Besteht in dem Zusammenhang die Gefahr, dass KI den theologischen Diskurs verzerrt, weil die zugrunde liegenden Daten gewisse religiöse Strömungen favorisieren?
Das macht KI jetzt schon, je nach Datenbasis kann es Verzerrungen und Biases, also mathematisch gesteuerte Vorentscheidungen, geben. Ein Kollege fragte etwa den Chatbot nach theologischer Literatur zu einem bestimmten Thema. Er erhielt ausschliesslich US-Theologen des späten 19. Jahrhunderts vorgeschlagen. Die Stossrichtung war in dem Fall klar evangelikal. 

Man könnte die «Kirchliche Dogmatik» des evangelischen Theologen Karl Barth digitalisieren und KI nur aus dieser Ressource speisen, also nur zu dem Thema mit der KI in den Dialog gehen.

Wie lässt sich verhindern, dass KI tendenziöse Antworten liefert?
Es gibt neue technologische Entwicklungen, wie sich grosse Datensätze zu eigenen dezentralen Tools machen lassen. Eine Variante wäre, Chatbots mit einer Datenbank zu kombinieren. Zum Beispiel könnte man die «Kirchliche Dogmatik» des evangelischen Theologen Karl Barth digitalisieren und KI nur aus dieser Ressource speisen, also nur zu dem Thema mit der KI in den Dialog gehen. Die Frage ist, wer sich durchsetzen wird: grosse Monopolisten oder dezentrale Netzwerke?

In Japan kommen Roboter als Priester zum Einsatz. Wäre das auch  in Europa denkbar?
Hierzulande wurde ja der Segensroboter BlessU-2 präsentiert. Das sind für mich Spielereien. Doch ich sehe ein anderes Problem. 

Welches?
Derzeit sind wir an einer gross angelegten Studie mit Studierenden der Universität Zürich. Wir fragten, inwiefern sie KI für die grossen Fragen des Lebens nutzen. Tatsächlich geht ein nicht geringer Teil der Befragten fast schon eine Art von Beziehung mit KI ein. Da sind wir nahe an Seelsorgegesprächen. Gewisse Bedürfnisse werden von nichtkirchlichen Akteuren abgedeckt, darunter KI. 

Analoge Beziehungen sind nicht immer qualitativ besser.

Was kann die Kirche KI denn überhaupt entgegensetzen?
Man hat überall da eine Chance, wo es gelingt, leibhaftige, persönliche Begegnungen möglich zu machen. Mit Initiativen im Bildungsbereich, neuen Gemeinschaften. Es braucht glaubwürdige Personen als Gegenüber, die dann auch verantwortlich Möglichkeiten der KI nutzen. Zentral bleibt, dass Kirche sich durch glaubwürdige Persönlichkeiten auszeichnet.

So wie immer schon.
Genau. Insofern lässt sich sagen: KI spiegelt kirchliche Herausforderungen unter verschärften Bedingungen. Interview: Cornelia Krause, Stefan Welzel