Vom verzweifelten Versuch, die Zeit anzuhalten

Mennoniten

Moderne Technologien, Musik und Handys gelten bei den Altmennoniten als Todsünden. Doch so mancher in der Kolonie Little Belize trägt ein Geheimnis mit sich.

Freitagabend in einem Dorf im mittelamerikanischen Staat Belize. Mit gesenkten Häuptern sitzen Abram und Susana Schmitt und ihre fünf Kinder im grauen Schein einer Batterie-Glühbirne am Küchentisch und danken dem Herrn für den Reis und die Bohnen, die sie eben gegessen haben.

Nach dem Gebet steht Aganetha auf. Die Zwölfjährige will den Wasserkrug an der Regentonne hin­­ter der Küche auffüllen. Draussen im dunklen Hof bricht sie stöhnend zusammen. «Aganetha!» Mutter Susana eilt hinaus. Ihre Jüngste liegt auf dem Lehmboden und ringt nach Luft. Der Vater kommt mit der Taschenlampe herbei und leuchtet ihr ins Gesicht. Zu den Söhnen sagt er: «Holt bei Ona die Medizin.» Sie eilen hinaus in die Dunkelheit, holen den Wallach von der Koppel und spannen ihn vor die Kutsche. Im Trabtempo fahren sie über die Wiese zur mondbeschienenen Sand­­piste, die zum Haus ihrer ältesten Schwes­ter führt.

Aganetha ist nicht zum ersten Mal kollabiert. Unter sengender Son­­ne haben die Schmitt-Kinder den ganzen Tag Bohnenstauden zusammengetragen, die beiden Mädchen in langärmeligen Kleidern, die drei Jungs in Karohemden und schwarzen Latzhosen, alle mit weissen Hüten und barfuss.

Beim Eindunkeln sind sie mit roten, zerkratzten Armen heim­­gekehrt, die Jungs in der Dusche verschwunden, die Mädchen in der Küche, um der Mutter zu hel­fen. Gut möglich, dass Aganetha vor Erschöpfung umgefallen ist, doch an so etwas denkt hier niemand. Die Schmitts sind Altmennoniten. Vom Hahnenschrei bis Sonnenuntergang zu arbeiten, prägt seit jeher den Alltag der strenggläubigen evan­gelischen Gemeinschaft.

Bei den Mennoniten in Little Belize from EB - Photography on Vimeo.

Immer weiter um die Welt

Schmitts zählen zu den 500 Menno­nitenfamilien der Kolonie Little Belize, die im Norden von Belize liegt. Zwischen geraden Sandpisten, Palmen und Obstbäumen wohnen sie in weit verstreuten, grauen Holzhäusern, neben denen Wäsche im warmen Passatwind flattert und Wind­räder drehen. Ihre blauen Augen und ihr uralter Plattdeutsch-­Dialekt bezeugen die Wurzeln in Deutschland und Holland.

Vor 500 Jahren ging in Mitteleuropa einigen Menschen die Reformation zu wenig weit. Sie befürworteten die Taufe im Erwachsenenalter und lehnten die Autorität des Staates ab, der sie deswegen verfolgte. Die sogenannten Täufer zogen über die Jahrhunderte nach Preussen, Russland, Kanada, von dort bis Argentinien und entwickelten verschiedene Strömungen: Amische, Hutterer und Mennoniten. Die Mehrheit integrierte sich in die Gesellschaft.

Andere, wie die Mennoniten von Little Belize, schotten sich ab und verdammen alle modernen Techno­logien. Gefahren wird auf Pferde­wa­gen, es gibt kein elektrisches Licht, kein Fernsehen, kein Internet. Alle Männer tragen die gleichen Hosen und Karohemden, alle Frauen das gleiche Kleid mit Puff­ärmeln. Fortschritt und Individualität führen zu falschem Ehrgeiz, zur Sünde und in die Hölle, sind sie überzeugt.

Wer die Regeln missach­tet, wird hart bestraft. Die Altmen­noniten anerkennen nur die Bibel als Gesetzesgrundlage, aber viele ih­rer Regeln lassen sich darin gar nicht finden. Etwa, dass man kein In­strument spielen oder keinen Sport treiben darf, oder das Verbot für Ausgelassenheit und Tanzen.

Hohe Kindersterblichkeit

Susana fühlt Aganethas Stirn. «Sie hat wohl Fieber», sagt sie. Schweigend warten die Eltern neben der Tochter, der sie eine Decke untergeschoben haben, auf die Rückkehr der Söhne. Aganetha atmet immer noch schwer, doch das beunruhigt Susana und Abram nicht. Sie haben Schlimmeres gesehen.

Auf den Friedhöfen hier sind fast so viele klei­­ne wie grosse Gräber. Sobald sie lau­fen, bewegen sich die Kinder zwi­schen Pferden, Kutschen und Landmaschinen, oft passt niemand auf sie auf. Gefährlich sind auch die Schlangen: 2018 töteten sie in der Kolonie 19 Menschen. Auch die Schmitts trugen schon drei Kinder zu Grabe. Sie ertranken in jungem Alter.

Susana schilderte die dramatischen Momente heute Morgen, wäh­rend sie mit wippenden Füssen auf einer Nähmaschine eine Decke anfertigte. Sie blickte kurz auf und sagte: «Gott auferlegte mir eine schwe­re Prüfung. Es tröstete mich, dass es nicht meine Schuld war, sondern sein Wille.» Zum Glück habe er ihr noch 17 Kinder geschenkt. 12 haben schon eigene Familien.

«Gott auferlegte mir eine schwere Prüfung. Es tröstete mich, dass es sein Wille war, nicht meine Schuld.»

Susana Schmitt, Sie verlor 3 ihrer 20 Kinder

 

Seine Kinder könnte Abram nicht ernähren, würden sie nicht wie alle in der Kolonie ab zwölf Jahren auf den Feldern arbeiten. Als Metallbau­er verdient er weniger Geld als die anderen Männer, die fast alle Farmer sind. Nun, wo nur noch fünf Kinder mithelfen, möchte er Land für ein Feld kaufen. Vielleicht geht er auch nach Angola, wo der Boden fruchtbarer sein soll als in Belize.

Damit setzt er eine Tradition fort. Susanas Eltern kamen in Mexiko zur Welt, die Grosseltern in Kanada. Sohn Bernhard zieht bald mit seiner Verlobten nach Peru, 20 Fami­lien aus Little Belize sind schon dort. Jedes Mal beginnen sie von vorn: roden Land, bauen Häuser, Kir­chen, Schulen. Da Verhütung ver­­boten ist, wachsen die Kolonien schnell.

Nicht alle Staaten lassen die Mennoniten gewähren. In Bolivien etwa gilt seit 2016 auch für Men­no­ni­ten­kinder die offizielle Schulpflicht. Viele Familien sind deshalb weitergezogen. Doch die Bildungverantwortliche im Regierungssitz in Belmopan sagt freimütig: «Wir lassen die Mennoniten in Ruhe, denn wir sind von ihnen abhängig.» Die weissen Bauern liefern dem Staat 90 Prozent des Gemüses.

Bildung gilt als gefährlich

«Priku, dein Frühstück!» Aganetha hebt den grünen Papagei vom Draht­seil neben der Küche und setzt ihn auf den Boden vor ein Brötchen. Es ist früher Samstagmorgen, das Mäd­chen wieder munter. Onas Medizin, Paracetamol, hat offenbar geholfen. Wegen des Regens in der Nacht müs­sen die Geschwister nicht aufs Feld, doch wie immer sind alle vor Sonnenaufgang aufgestanden.

Der Vater ist schon in die Stadt unterwegs, mit Ona und ­ihrem kranken Baby. Er muss das Gespräch mit einer Ärz­tin übersetzen, denn die Frauen der Kolonie beherrschen die Landessprache nicht. Die ist in Belize, das aus Britisch-Honduras hervorging, Englisch. In der Schule wird in Althochdeutsch unterrichtet.

Die Mennonitenkinder besuchen sie von sechs bis zwölf Jahren und lernen nur lesen, schreiben und rechnen. Zu lesen gibt es die Bibel und den Mennonitischen Katechismus, sonst nichts. Seine 70 Seiten müssen die Kinder jeden Tag ganz vorlesen – mit Sätzen darin wie «Wir sind von Natur zum Guten untüchtig und Kinder des Zorns Gottes.» Geografie, Geschichte, Biologie: verboten. Über die Welt ausserhalb der Kolonie sollen die Kinder nichts erfahren, Berufsbildung gibt es keine. «Wenn sie zu viel wissen, wollen sie in die Welt hinaus», sagt der Prediger in Little Belize.

Die Sehnsucht nach dieser Welt wächst trotzdem, vor allem bei den jungen Männern. Sie verkaufen Gemüse in den umliegenden Orten. So lernen sie nicht nur etwas Englisch und Spa­nisch, sondern sind mit vielen Dingen kon­frontiert, die in der Kolonie als «Tod­sünden» gelten: Musik, Bars, offenherzige Frau­en, Handys. Viele können dem nicht widerstehen und tragen ein Geheim­nis mit sich herum.

Die Geschwister haben ständig zu tun, faulenzen ist nicht erlaubt. «Aaron, hacke Holz», «Margareta, füttere die Schafe», «Bernhard, hol Zucker.» Sofort erledigen sie die Auf­träge der Mutter. Gehorsam wird den Kindern eingebläut. In jedem Haus hängt ein Lederriemen, mit dem «onaardige» Kinder gezüchtigt werden.

«Es tut uns weh, unsere Kinder zu schlagen. Aber sonst gerät alles in Unordnung.»

Abram Schmitt, Metallbauer und Vater von 17 Kindern

 

Von den Schmitt-Kindern trifft es am öftesten Abram junior, den aufgeweckten 14-Jährigen. Zuletzt vor zwei Monaten, nachdem er Kumpels auf der Sandpiste getroffen hatte. Das darf er erst mit 16. Bis dahin müssen die Kinder stets bei ihren Eltern, in der Schule oder bei der Arbeit sein. Der Junge muss­te sein Hemd ausziehen, mit dem Riemen schlug der Vater auf seinen schma­len Rücken. «Es tut uns weh, unsere Kinder zu schlagen», sagt der Vater. «Aber sonst gerät alles in Unordnung.»

Obwohl die Eltern streng sind, scheinen die Schmitt-Kinder keine Angst vor ihnen zu haben. Bei den Schmitts wird geplaudert und sogar gelacht. In anderen Familien herrschen Ernst und Schweigen. «Mein Vater schlägt nur, wenn wir die Regeln übertreten», sagt Abram junior. «Wir sind dann selber schuld.»

Vor dem Sonntag, dem Tag des Herrn, wird die Küche auf Hochglanz gebracht. Die Mädchen schrub­ben den Küchenboden, Susana spült das Geschirr und singt dabei «Die Nacht ist erschienen». In der Abenddämmerung duschen sich die Frauen neben dem Regentank, ziehen frische Kleider an, lösen ihre Zöpfe und bürsten ihre langen Haare. Im grauen, trüben Licht der Küchenlampe flech­ten sie sich gegenseitig die Frisur, die für alle Frauen hier Pflicht ist: mit Pomade gekämmter Mittelscheitel, zwei stramme, über Kreuz hochgesteckte Zöpfe, darüber ein schwarzes Netz.  

Zweistündige Predigt

Am Sonntag um 6.30 Uhr fahren die Eltern Schmitt in der Kutsche zur Kirche. Die Kinder bleiben zu Hause, sie müssen nur jeden zweiten Sonntag mit. Kaum sind die Eltern in die Sandpiste eingebogen, rennen die Jungs zum Baum bei der Schafweide und graben einen in Plas­tik eingewickelten Laut­­sprecher aus dem Boden. Aaron schiebt eine Speicherkarte hinein, die er unter dem Hemd mit sich trägt. Mit Blick zur Piste sitzen die Geschwister auf Plastikstühlen und hören Reggae.

Rund um die Kirche stehen schon Dutzende Pferdewagen. Aus allen Richtungen kommen Leute angefahren, doch ausser dem Schnauben der Pferde ist nichts zu hören. Alle gehen still in die schlichte Holzkirche, die Frauen set­zen sich links, die Männer rechts auf die Bänke. Der Wind lässt die Fensterläden klap­pern, ansonsten ist es still.

Punkt sieben Uhr laufen acht Vorsänger herein und nehmen auf einer Bank rechts von der Kanzel Platz. Dann erscheinen die Prediger. In schwarz glänzenden, kniehohen Stie­feln und schwar­zen Hosen und Hemden schreiten sie zur Kanzel. Der ältere nennt das erste Lied. Eilig schlagen die 300 Gläubigen die Seite auf, ein Vorsänger singt näselnd die erste Zeile, kräftig stimmt die Gemeinde ein. Das Lied ist lang, und jede Silbe der acht Stro­phen wird gedehnt. Als der Prediger anschliessend zum Gebet auffor­dert, fallen die Männer und Frauen auf die Knie und werfen ihren Ober­kör­per auf die Bank, die Gesichter nach links gedreht. Nach einigen Sekunden stehen sie wieder blitzschnell auf und setzen sich hin. Nun folgt eine Predigt über die Sün­de und die Ungläubigen. Sie dauert zwei Stunden.

Als der Gottesdienst zu Ende ist, stehen alle auf und verlassen reihenweise die Kirche. Still gehen sie zu ihren Kutschen und fahren heim, auch Susana und Abram. Zu Hause haben die Mädchen schon das Mittagessen in der Küche aufgetischt: Reis, Bohnen, Hühn­chen und Tomatensalat. Alle setzen sich an den Tisch und senken die Köpfe. Der Lautsprecher ist wieder neben dem Baum vergraben.

Freundschaften erst ab 16

Und dann sind endlich Erholung und Vergnügen erlaubt. Susana legt sich hin. Der Vater geht mit Abram junior im See schwimmen. Bernhard besucht seine Verlobte, nur sonn­­tags ist das gestattet. Aaron und Margareta gehen «spazieren»: Jeden Mittwochabend und Sonntagnachmittag dürfen sich die Mädchen und Jungen ab 16 Jahren in getren­nten Gruppen auf den Pisten zum Plaudern treffen. So manche hören heim­lich Musik, rauchen und trinken Bier und Rum.

Als die Schmitts am Abend alle wieder am Küchentisch sitzen und gerade Sauerkrautsuppe löffeln, ertönt plötz­lich Musik und Johlen aus dem nahgelegenen Wald. Sofort legt der Vater den Löffel hin und verlässt die Küche. Unter dem funkelnden Sternenhimmel lauscht er kurz, dann geht er hinüber zum Wald.

Zehn Mi­nuten später kehrt er zurück mit einem Lautsprecher unter dem Arm. «Ich kannte die Jungs nicht.» Sonst hätte er am nächsten Tag ihre Eltern aufgesucht. Schweigend gehen er und Susana hinaus und machen neben dem Schafgehege ein Feuer an. Als die Flammen auflodern, wirft er den Lautsprecher hinein. Schwei­gend sitzen die Kinder am Küchentisch.

Die Exkommunizierten

Wilhelm Harder muss laut lachen, wenn er von solchen Szenen hört. Zusammen mit seiner Frau und fünf Kindern lebt er am südlichen Rand von Little Belize. Vor zwei Jahren strich er sein Haus demonstrativ grün – eine Woche nachdem die Gemeinde ihn exkommuniziert hatte. Sein Vergehen: Er nutzte ein Handy.

27 Jahre lang hatte Harder die einzige Apotheke hier geführt. Er sagt: «Es gibt viele Unfälle, und wir brauchen Taxis, damit Verunglückte schnell ins Spital gelangen. Dazu nutzte ich das Handy.» Die Ältesten forderten ihn vor fünf Jahren auf, damit aufzuhören. Wie alle «Sünder» musste er in der Kirche vor den Brüdern bereuen. Er tat es und gab das Handy ab.

Dann kaufte er ein neues. Er bereute nochmals. Danach kaufte er ein drittes, und ein Auto dazu. Als die Ältesten ihn wieder vor die Gemeinde beorderten, sagte Wilhelm Harder: «Gott kann nicht dagegen sein, dass ich Menschen rette. Ich bereue nicht.» Die Brüder schlossen ihn aus.

«Jetzt fühle ich mich frei. Denn ich muss mich nicht mehr verbiegen. Sie aber leben eine Heuchelei.»

Wilhelm Harder, Verstossenes Mitglied der Mennonitengemeinde

 

Danach musste Harder die Apotheke schliessen. Mit Ausgeschlossenen darf niemand Geschäfte machen. Auch seine Kinder können in den Läden nichts kaufen. Harder ex­portiert nun Bohnen nach Jamaica. Er ist geblieben, denn hier besitzt er ein Haus und Land. Er sagt: «Draussen gehen viele Mennoniten einsam zugrunde.»

Mit sieben ausgestossenen Familien gründeten die Harders eine Schule, in der auch Englisch, Geografie und Geschichte gelehrt wird, sowie eine Kirche, wo es nach dem Gottesdienst Kaffee gibt, und eine Bibelgruppe, was in Little Belize verboten ist. Die Harders haben Licht in allen Zimmern, Bücher und Handys. Die Kinder tragen die Haare, wie sie wollen.

«Jetzt fühle ich mich frei», sagt Wilhelm Harder, «denn ich muss mich nicht mehr verbiegen. Sie aber leben eine grosse Heuchelei. Mich haben Leute verurteilt, die zu Prostituierten gehen und selber Handys besitzen. Doch die Ältesten betreiben weiterhin Gehirnwäsche. Sie verhindern, dass sich jemand eine eigene Meinung bildet. Sie wollen ihre Macht erhalten.»

Am Montagmorgen spannen die Schmitt-Kinder in bester Laune den Wallach vor die Kutsche. Wiederum steht ein heisser Erntetag auf dem Bohnenfeld bevor. Aganetha freut sich darauf: «Endlich sehen wir wieder unsere Freunde.» Sie weiss nicht, dass lediglich zehn Kilometer weiter östlich die Mädchen in ihrem Alter alle unterwegs in die Schule sind. Sie weiss auch nicht, dass die Karibik 18 Kilometer entfernt an den Strand rauscht. Agane­tha hat das Meer noch nie gesehen.