Denn durch die Risse fällt immer wieder das Licht

Schicksal

Andreas Cabalzar hat seinen Lebensweg nach einem schweren Unfall neu gestaltet. In seinem ersten Erzählband und in seinem Alltag treffen Fragilität und Beharrlichkeit aufeinander. 

Mit routinierten Armbewegungen lenkt Andreas Cabalzar seinen Rollstuhl rückwärts den ansteigenden Weg hinauf – vom Haus zu seinem Atelier. «Rückwärts geht’s besser, das braucht weniger Kraft», erklärt er mit einem breiten Lächeln über die Schulter. Unten das eindrucksvolle Architektenhaus, in dem er mit seiner Partnerin Sabine Sauter seit zwei Jahren lebt, oben das Atelier, wo er liest – und schreibt.  Dessen Tür öffnet sich per Knopfdruck. Wände aus Beton und weiches Oblicht schaffen eine Atmosphäre der Stille und Konzentration. Niedrige Bücherregale beherbergen zahlreiche Lieblingswerke. In einer Nische in der Wand steht wirkungsvoll eine Christusfigur, die wie ein Wächter den Raum überblickt. 

Schlemmen und diskutieren

30 Jahre lang war Andreas Cabalzar Pfarrer in der Zürcher Seegemeinde Erlenbach. Mit Sozialprojekten wie dem «Scheidungsmännerhaus» und der KulturKircheErlenbach prägte er das Gemeindeleben nachhaltig. Doch vor sieben Jahren änderte ein schwerer Skiunfall alles. Die Diagnose: Querschnittlähmung. Es wurde notwendig, frühzeitig in Pension zu gehen, das Pfarramt zu verlassen und umzuziehen.  Sein neues Zuhause in Gockhausen am Stadtrand von Zürich ist das Kulturhaus am Meisenrain (KaM), ein Herzensprojekt, das er gemeinsam mit seiner Partnerin realisierte. «Das war immer ein Traum von mir: mich ganz der Kultur zu widmen.» Einmal im Monat öffnet das KaM seine Türen für eine ausgewählte Runde von 13 Gästen. Im Atelier gibt es Apéro, am massiven Holztisch im Haus wird philosophiert, diskutiert, geschlemmt. Der nächste Abend ist der Dichterin Mascha Kaléko gewidmet. 

Kunst und Literatur sind Cabal-zars Lebenselixier. Neulich erschien im Theologischen Verlag Zürich sein erster Erzählband «Giacomettis Hund und andere Weihnachtsgeschichten». Sie kreisen um Themen wie Bewegung und Lähmung, Autonomie und Glaube. Auch die titelgebende Geschichte spiegelt Cabalzars eigene Erfahrungen: Der Ich-Erzähler, ein ehemaliger Krankenpfleger, arbeitet als Nachtwächter in der Fondation Beyeler. Dort bewacht er zusammen mit seinem treuen Labrador Kunstwerke, darunter Giacomettis berühmte Skulptur «Le chien» – ein ausgemergelter Hund aus Bronze, der zugleich Fragilität und Beharrlichkeit ausstrahlt.  Der Erzähler, der einst sterbende Kinder und verzweifelte Eltern in der Neonatologie betreute, fand in der Kunst neue Antworten. Die Betrachtung von Giacomettis Skulpturen wird für ihn zum Spiegel innerer und äusserer Grenzen. «Der gelähmte Körper verlangt nach Bewegung, nach Physiotherapie und Krafttraining», sagt Cabalzar, der selbst täglich gegen seine eigenen körperlichen Grenzen kämpft. 

Lot und die erste Nacht

Die Reflexion über den Glauben ist ein zentraler Anker in Cabalzars Leben und Schreiben. «Ohne die Rückbindung an den Glauben hätte ich das nicht geschafft», sagt er und hebt seinen Blick zur Christusfigur. «In der ersten Nacht nach dem Unfall kam mir die Geschichte von Lot in den Sinn: Rette dich selbst, schau dabei nicht zurück, denn sonst erstarrst du. Wenn man nur auf das schaut, was man verloren hat, wird das Leben zur Hölle.»  Im Grunde habe er einen «Dennoch-trotzdem-vielleicht-Glauben», sagt der 63-Jährige und zitiert einen Vers aus Psalm 73: «Dennoch bleibe ich stets bei dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.» 

Für ihn ist das mehr als ein biblischer Trost. Es ist eine Lebenshaltung. «Weitergehen, trotz allem.» So ticken auch die Figuren in seinem Band. In der Splendid-Bar lauscht ein Mann, der seine Frau bei einem Skiunfall verlor, einem Pianisten. Eine Tänzerin beobachtend, erfasst ihn ein Hauch von Zärtlichkeit, inspiriert von Leonard Cohens Song «Anthem» stellt er fest: «Da ist ein Riss, ein Riss in allem. Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt.»  Dass es Weihnachtsgeschichten sind, tut der Lektüre unterm Jahr keinen Abbruch. «Weihnachten ist immer», sagt der Pfarrer. Er rückt seine Schiebermütze zurecht, richtet sich auf – ungeachtet der Schmerzen, die ihn auch am heutigen Tag  plagen.