Gesellschaft 01. Juni 2026, von Delf Bucher

Ein Festival der Ökumene

Reformation

Viel Fahnen, viel Kostüm, viel Prominenz: Baden inszeniert 500 Jahre nach der Disputation ein ökumenisches Versöhnungsfest.

Vor genau 500 Jahren, im Mai 1526, war Baden Schauplatz eines folgenreichen theologischen Schlagabtauschs der frühen Neuzeit. Der reformierte Oekolampad aus Basel diskutierte mit dem wortgewaltigen Johann Eck aus Deutschland, der bereits mit Martin Luther die Klinge gekreuzt hatte. Es ging um nicht weniger als die Deutungshoheit über den Glauben: Schriftprinzip, Bilder, Abendmahl. Doch die Badener Disputation schlichtete den entflammten Streit um den rechten Glauben nicht, sondern verhärtete die Fronten. Fünf Jahre später kam es mit der Schlacht bei Kappel zum ersten europäischen Konfessionskrieg.

Tempi passati: 500 Jahre später, am gleichen Ort in der Stadtkirche, feiert Baden den offiziellen Höhepunkt der Disput(N)ation – ein ökumenisches Jubiläumsprojekt, das seit September 2025 läuft. Beim Festakt dominieren Gesten der Nähe. Der katholische Gemeindeleiter Claudio Tomassini und sein reformierter Kollege Res Peter, die Köpfe hinter dem Projekt Disput(N)ation, fallen sich in die Arme. «Es war ein intensiver Moment», sagt Peter später und ist überzeugt: Aus einstigen Gegnern sind Partner geworden, aus Abgrenzung Zusammenarbeit. Bereits beim Festumzug, der dem Gottesdienst vorausgegangen war, wurde die Schwere der Geschichte, die dem Disputation-Jubiläum auch bei seinem Abschluss-Event innewohnt, in fröhliche Feierlichkeit aufgelöst.

Fast alle Schranken aufgehoben

In der Stadtkirche kam Bundespräsident Guy Parmelin auf seine eigene Biographie zu sprechen. Seine Ehe – er reformiert, seine Frau katholisch – wäre noch vor wenigen Generationen ein Problem gewesen. Heute ist sie es nicht mehr. Parmelin zeichnet das Bild einer Schweiz, die religiöse Schranken aufgehoben hat: «Wir leben in einem Land, in dem eine jüdische Frau Bundesrätin war. Und in dem gleichgeschlechtliche Paare heiraten können.»

Und was sich auf der privaten Ebene zwischen Guy und Caroline Parmelin abspielte, hat längst auch die Amtsträger der Landeskirchen erreicht. Beinahe routiniert zelebrierten Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und Bischof Felix Gmür die Liturgie des Festgottesdienstes. Doch Famos bringt einen leisen, aber entscheidenden Vorbehalt vor: Bei aller ökumenischen Nähe verlaufe die Trennlinie «am Tisch des Herrn» weiterhin. Gemeinsames Abendmahl ist aus katholischer Sicht bis heute nicht vorgesehen. Was 1526 zu den emotionalsten Streitpunkten gehörte, ist auch 500 Jahre später nicht gelöst. Die Versöhnung hat Grenzen, und sie verlaufen genau dort, wo es theologisch ernst wird. 

Völker- und Menschenrechte achten

500 Jahre später hat sich die Schweiz als Friedensinsel etabliert. Und 500 Jahre später sollte sie nach Parmelin auch mit ihren internationalen Organisationen in Genf für eine friedliche Welt einstehen. Dass weltweit einiges aus den Fugen geraten lässt, stellte Alt-Bundesrätin Doris Leuthard fest. Mit Verweis auf Visionäre wie Martin Luther King oder den brasilianischen Erzbischof Hélder Câmara appellierte sie, weiterhin an Völker- und Menschenrechten festzuhalten. Es waren Worte, die die jemenitische Friedensnobelpreisträgerin und Menschenrechtsaktivistin Tawakkol Karman, die ebenfalls unter den Festgästen weilte und am Tag zuvor mit elf Frauen und Männern im Rahmen des Anlasses «Voll auf die 12» nach Lösungen für nachhaltigen Frieden suchte, nur allzu gern hörte.

Vor 500 Jahren fehlten verbindliche Standards, damit Kontrahenten ihren Streit friedlich austragen konnten. Zwingli kam nicht nach Baden, Die Zürcher Obrigkeit misstraute dem ihm zugesicherten freien Geleit. 500 Jahre später wurde dies karnevalesk inszeniert: Frauen in weissem Tüll und mit roten Hahnenkämmen bewegten sich durch die Menge  des Festzuges und erinnerten daran, wie der Bote Thomas Blatter einst Nachrichten des Zürcher Reformators nach Baden zu Oekolampad überbrachte.

Hoffen auf die Jugend

Es war ein bunter Lindwurm mit vielen historischen Kostümen, der sich von der reformierten Kirche beim Bahnhof zur katholischen Stadtkirche schlängelte. Den Passanten gefiel es: Überall gezückte Handys, die den Motivreigen fotografierten –  die farbenfrohe Schweizer Gardisten, Fahnenschwinger, Zünftler mit Federbusch am schwarzen Hut und roten Hosen, die KidzCompany Breaking Waves, die mit modernen Moves auf die traditionell schmetternden Rhythmen der Stadtmusik reagierte. Viel Applaus gab es später für ihre Breakdance-Choreografie in der Stadtkirche. Die Jugendlichen verkörpern symbolhaft, dass es an ihrer Generation liegt, die Friedenstaube in einer von Kriegen – teils mit religiösen Obertönen – geprägten Welt wieder fliegen zu lassen.