Ein kirchlicher Verein hilft Menschen in Not unkompliziert.

Armut

In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, schaffte Irmgard Scharegg aus Chur den Schritt in die Selbstständigkeit. Dies  dank der Hilfe eines kirchlichen Fördervereins. 

Wirklich frei fühlte sich Irmgard Scharegg erst, als sie ihre eigene Familie hatte. Frei von der Verantwortung, die kranke Grossmutter zu pflegen, frei von der ärmlichen Behausung und vor allem frei, ganz für die eigenen Kinder da sein zu können. «Ist das nicht die wichtigste Aufgabe einer Mutter?», fragt sie. 

Aufwachsen ohne Mutter

Ihre eigene Mutter litt nach einer Unterbindung zeitlebens an Depressionen. Tochter Irmgard überliess sie gleich nach der Geburt der Grossmutter, wo sie in liebevoller Umgebung unter ärmlichsten Verhältnissen aufwuchs. In dem alten Haus am Rande der Churer Altstadt gab es nur einen Ofen, als Küche diente ein Rechaud mit Gasflasche, die Toilette befand sich ausserhalb. Irmgards Mutter, Industrieschweisserin bei einer Churer Schweisserei, unterstützte die Familie mit ihrem Einkommen. Der Vater verunfallte früh tödlich. Die Grosseltern mussten mit einer AHV-Minimalrente auskommen.

Bester Abschluss

Jeden Sonntag besuchten Irmgard und die Grossmutter gemeinsam den Gottesdienst. «Bis heute ist das meine Stunde für mich geblieben», sagt sie. Als die Grossmutter an Krebs erkrankte, war Irmgard Scharegg im letzten Schuljahr, und ihr war klar: «Bevor meine Nonna stirbt, muss ich auf eigenen Füssen stehen. Sonst bin ich von Sozialhilfe abhängig.» Ihre Lehre als Schuhverkäuferin beendete sie 1991 mit dem «Goldenen Schuhlöffel» für die beste Gesamtnote aller Schweizer Schuhverkäuferinnen. Bald darauf heiratete sie, und auch die drei Kinder liessen nicht lange auf sich warten. Ihr Traum erfüllte sich: «Eigene Kinder, für die ich da sein kann.» 

Pfarrerin half

Ihr Mann, Sanitärinstallateur ohne Ausbildung, sei «kein Schwerverdiener» gewesen. «Aber Schulden hatten wir nie.» Die Familie verzichtete auf Ausflüge oder Ferien, zum Sparen reichte es sowieso nie. Doch je älter die Kinder wurden, desto schwieriger war es, den Bedürfnissen gerecht zu werden. Ihre Nonna hatte ihr letztes Hemd gegeben, um Irmgard eine würdige Konfirmation, «einen guten Start ins Leben», zu ermöglichen. So sollten es auch Irmgards Kinder haben. In ihrer Not wendete sie sich an die Pfarrerin der Kirchgemeinde in Chur, die dann einen Antrag stellte für eine Konfirmandengabe bei der evangelisch-reformierten Kinder- und Jugendförderung. Die Organisation ist aus dem Bündnerischen Evangelischen Waisenhilfsverein hervorgegangen.

Ein guter Start

Für alle ihre Kinder erhielt Irmgard Scharegg eine Konfirmandengabe. «Eine unglaubliche Erleichterung.» Nun konnte sie nicht nur das Essen im Restaurant, festliche Kleider und die Teilnahme an der Konfirmandenreise ermöglichen. «Meine Kinder erhielten jenen Start ins Leben, den ich mir wünschte.» Auch später, als sie den eigenen Wiedereinstieg ins Berufsleben plante, stand ihr der kirchliche Verein zur Seite: Nach zwei Scheidungen und inzwischen alleinerziehend mit einem vierten «Wunschkind» geriet ihr Plan, eine Zweitausbildung zur Spielgruppenleiterin zu absolvieren, wegen einer hohen Rechnung einer Zahnbehandlung in Gefahr. Der Verein übernahm die Kosten. 

Beruflicher Wiedereinstieg 

Seit bald 100 Jahren existiert der Bündnerische Evangelische Waisenhilfsverein. «Viele Leute kennen dieses wichtige Angebot der Kirche gar nicht», sagt Martin Jäger, ehemaliger Regierungsrat und Präsident des Vereins. «Ein Hinweis der entsprechenden Pfarrperson genügt, damit wir in aller Regel einen Beitrag an die Konfirmationskosten sprechen», so Jäger. Auch Aktivitäten von Konfirmationsklassen, zum Beispiel Konfirmandenreisen, würden gerne unterstützt, so Jäger. Neu möchte der Verein die Hilfsmöglichkeiten breiter fassen, also auch für Menschen ausserhalb der reformierten Kirche Beiträge sprechen, wozu die Generalversammlung eine entsprechende Statutenrevision genehmigte. 

Spielgruppe für alle

Irma Scharegg führt heute ihren eigenen Kinderhütedienst und organisiert auf Anfrage Kindergeburtstage. Mit ihrer ältesten Tochter, die gelernte Sozialpädagogin ist, träumt sie von einer inklusiven Spielgruppe, in der auch Kinder mit Handicap Platz haben. Ihre Nonna habe sie gelehrt, stets an das Gute zu glauben. «Die Kirche hat es mir bestätigt.» 

Neuer Name, mehr Hilfe

Der Bündnerische Evangelische  Waisenhilfsverein hat einen neuen Namen: Evangelisch-reformierte Kinder- und Jugendförderung. Neu sollen in Ausnahmefällen auch Menschen ohne kirchliche Bindung eine Unterstützung erhalten können. Gesuche für soziale Unterstützung werden von Sozialarbeitenden gestellt, mittels «Bündner Erhebungsbogen». Meist sind Beiträge gewünscht, die die soziale Teilhabe ermöglichen, wie Kostenübernahme der Spielgruppen für ein fremdsprachiges Kind, für einen Schwimmkurs oder für ein Camp für begabte Fussballer. 

Kontakt: maja53@bluewin.ch