Schwerpunkt 23. September 2026, von Mirjam Messerli

Wenn Männer sich den Spiegel vorhalten: Henry Hohmann

Männlichkeit

Angehender Automatiker, Fitnesscoach, Kunsthistoriker: Männer sprechen über ihre Männlichkeit. Henry Hohmann, als Mädchen aufgewachsen, machte sich einst viele Gedanken darüber.

Den ersten Termin für das Gespräch muss Henry Hohmann kurzfristig absagen: Er hat an diesem Tag die Gelegenheit, aufs Matterhorn zu steigen. Das Bergwetter ist perfekt, und schon lange hat Henry diesen Gipfel auf seiner Wunschliste. 

Das typische Männerding

Beim Treffen am übernächsten Tag hat Hohmann eine gut achtstündige Tour in den Knochen, aber auch ein breites Lachen im Gesicht: Er stand tatsächlich auf dem Gipfel des Matterhorns. «Ein tolles Gefühl!», schwärmt er. Einen Berg bezwingen – ist das nicht so ein typisches Männerding? Nun lacht Henry Hohmann laut heraus bei dieser Frage: «Nö, find ich nicht», sagt der gebürtige Deutsche. «Ich geh halt einfach gern in die Berge.» 

Mittlerweile egal 

Typisch Mann, typisch Frau. Zuschreibungen sind dem 64-jährigen Kunsthistoriker egal. «Mittlerweile», präzisiert er. «Es gab schon eine Zeit, in der ich mir sehr viele Gedanken darüber gemacht habe.» Geboren und sozialisiert wurde er als Mädchen. Er hatte blonde, lange Zöpfe. Doch schon als Kind war ihm klar, dass er kein Mädchen ist.

Seit nunmehr 16 Jahren ist Henry ein Mann. Und schon 33 Jahre ist er mit seinem Mann verheiratet. Als er ihm eröffnete, nicht mehr als Frau leben zu wollen, blieb er an seiner Seite. «Mein Mann liebt mich als Mensch und nicht als Frau oder Mann.» Einfach war die Übergangszeit allerdings nicht. «Ich habe meine Rolle gesucht und das, was ich für Männlichkeit hielt, anfangs sehr klischeehaft ausgelebt», erzählt Henry Hohmann. «Bis ich merkte, dass diese Konstrukte mich verbiegen und einschränken.» 

Die Verpackung ist wichtig 

Was also heisst Männlichkeit für ihn? «Ich weiss es heute weniger als früher – und es ist mir auch nicht mehr wichtig. Solche Zuschreibungen sind ein Korsett für beide Geschlechter. Sie engen bloss ein.» In der Gesellschaft sind sie aber stark verankert. So sagte eine Arbeitskollegin zu Hohmann, sie reagiere auf ihn viel mehr als «Chef», seit er als Mann lebe. 

«Ich bin immer noch ich, aber ich werde anders gelesen», sagt Hohmann. Was für ein Mann möchte er sein? Er überlegt lange. «Ich versuche, ein guter Mensch in einer männlichen Verpackung zu sein.» 

Die Verpackung, der männliche Körper, ist ihm wichtig. «Ich freue mich nach wie vor, wenn mich Menschen als Mann wahrnehmen.» Es fühlt sich richtig an.