Er ist der «Griesgram der Nation». In diversen Medienberichten wird der Schauspieler Max Rüdlinger jedenfalls so bezeichnet. Wer ihm gegenübersitzt, dürfte das Etikett verstehen: Der durchdringende Blick des 77-Jährigen mit dem kantigen Gesicht kann durchaus einfahren.
Der Mann spielte in vielen Filmen mit, darunter Erfolge wie «Achtung, fertig, Charlie!» oder die Komödie «Mad Heidi». Im letzten Jahr wurde er am Filmfestival von Monaco aber für eine ganz andere Rolle als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet: In «Plüss» spielte er beim bereits 2018 erfolgten Dreh einen Bieler Stadtflaneur, der kurz davorsteht, ausgesteuert zu werden.
Der Schwachsinn alter Tage
Doch wie hat es der Charakterkopf mit der Männlichkeit? Immerhin trägt das mit dem Schweizer Filmpreis 1998 ausgezeichnete Werk von Clemens Klopfenstein, in dem Rüdlinger und Polo Hofer die Hauptrollen spielten, den Titel «Das Schweigen der Männer».
Max Rüdlinger schlägt zuerst die Hände vors Gesicht. Er sucht kurz nach Worten, und dann wird klar, dass ihm das Werk heute eher peinlich ist. «Dieser Schwachsinn, den wir gelabert haben! Das kannst du heute gar nicht mehr anschauen.» Und wirklich vertieft um Männer sei es in dem improvisierten und mit minimaler Technik aufgenommenen Film gar nicht gegangen. Über Männlichkeit habe er sich nie viele Gedanken gemacht, sagt Rüdlinger mit typischer Unverblümtheit. «Für mich war meine Persönlichkeit immer einfach da, ich nehme mich, wie ich bin.»
In der Begegnung wird deutlich, dass der Satz nicht als Ausdruck eines ausgeprägten Selbstbewusstseins und grosser Selbstsicherheit zu verstehen ist. Er sei eher übersensibel, sagt Rüdlinger, was er als weibliche Eigenschaft sieht. «Das schadet nicht.» Zudem haderte er in der Jugend mit körperlichen Eigenschaften, die nicht als männlich galten. Und Rüdlinger hat sich mehr Selbstbewusstsein gewünscht, «vor allem gegenüber Frauen».
In der ersten Reihe
«Es fällt mir schwer, Männlichkeit zu definieren», sagt Max Rüdlinger im Verlauf des Gesprächs. Und findet dann doch einen Ansatz: «Ich bin sehr unerschrocken im Erkenntnisdrang, darin finde ich mich männlich.» Er scheue sich nicht, sich der Welt auszusetzen. «Und ich verfüge über Entscheidungsfreudigkeit.» Seine Frau überlasse ihm das immer. «Denn ich kann es.» Rüdlingers heiseres Lachen ist zu hören.
Den Feminismus hat er in einem Interview einmal als «Habakuk» bezeichnet. Aber wieder bricht er das Bild, das die Aussage hervorruft. Rückblickend sei das etwas «starker Tubak». Rüdlinger ordnet ein: «Obwohl ich alles andere als ein Feminist bin, wünschte ich mir in der Welt schon einiges mehr an dem Weiblichen zugeschriebenen Persönlichkeitsanteilen.»
Er verstehe die Männer als Galionsfiguren, die vorne hinstehen müssen, doch die Frauen seien immer die Bestimmenden dahinter. Deswegen müssten sie aber nicht wie Männer zu Kriegerinnen oder Boxerinnen werden.
