Es riecht nach frischem Beton und Baustaub. Dämmmaterial steht herum, dazu Bauholz, Rohre, Gerüste in manchen Räumen. Böden sind abgedeckt, Wände herausgerissen, an manchen Stellen wurde der Verputz entfernt, um die historischen Schichten des denkmalgeschützten Gebäudes sichtbar zu machen.
Ein Ort der Begegnung
Im Erdgeschoss wartet ein Stapel Fenstersimse aus Maggia-Granit bereits darauf, an der Aussenfassade angebracht zu werden. Noch ist das zukünftige Haus der Diakonie eine einzige grosse Baustelle.
Mit Philipp Nussbaumer, Geschäftsleiter der Streetchurch, als Begleiter nehmen die Räume, wie sie nach dem Umbau aussehen werden, vor dem inneren Auge Gestalt an.
«Neu ist das Haus vom Eingangsbereich aus in alle Richtungen durchgängig, dadurch entsteht hier ein zentraler Begegnungsort», erklärt Nussbaumer und zeigt nach rechts, wo die Kaffeebar geplant ist und es weiter ins Restaurant geht. Auf der linken Seite entstehen ein Co-Working-Bereich, Beratungsräume und die Kinderbetreuung.
Eine Kirche im Wachstum
Zehn Jahre ist es her, dass Nussbaumer und Streetchurch-Initiant Pfarrer Markus Giger in einer Sitzung mit der damaligen Kirchenpflegerin Claudia Bretscher überlegten, wie die Streetchurch ihren Platzmangel lösen könnte. Seit ihrer Gründung vor 23 Jahren hilft die unkonventionelle Stadtkirche Menschen in schwierigen Lebenslagen und ist dabei stetig gewachsen.
Gleichzeitig wurde das in die Jahre gekommene Kirchgemeindehaus Wipkingen an der vielbefahrenen Rosengartenstrasse wenig genutzt. Nussbaumer und Giger sahen die Chance, das Gebäude mit der Vision der Streetchurch neu zu beleben.
Neues Quartierrestaurant
Schritt für Schritt entwickelte sich das Projekt. 2024 stimmten Zürcher Kirchenparlament und Stimmvolk zu, das bald 100-jährige Gebäude zu sanieren und daraus ein reformiertes Volkshaus mit Ausrichtung auf Gastfreundschaft und Solidarität zu machen. 50,2 Millionen Franken kostet die Sanierung. Vor eineinhalb Jahren war Baubeginn.
Parallel zum Umbau ist auch die Streetchurch selbst in einem Veränderungsprozess. Mit ihrem Umzug nach Wipkingen Anfang 2028 baut sie die Angebote für begleitetes Wohnen, Arbeitsintegration und in der Berufsbildung stark aus, besonders im Bereich Gastronomie.
Ein Platz am Tisch
Denn neu wird die Streetchurch ein Restaurant und eine Kaffeebar betreiben – für Leute, die im Haus der Diakonie ein und aus gehen, im Quartier wohnen oder arbeiten.
«Und für alle, die gern gut essen», sagt die Leiterin Gastronomie, Norina Strobl. «Im Sinne der Gemeinschaft wird ein langer Tisch Begegnungen zwischen den Gästen und ihren Lebenswelten ermöglichen.»
Schutz und Rechnung
Im Rahmen des Gastro-Konzepts diskutiert das Team zurzeit, ob im Restaurant Alkohol ausgeschenkt wird. «Wer wie wir mit vulnerablen Leuten unterwegs ist, muss sich fragen, welchen Schutz sie benötigen und wie dieser gewährleistet wird», so Strobl. Klar ist: Der Entscheid wirkt sich auf die Kultur im Haus und die Betriebsrechnung aus.
Nussbaumer verschweigt nicht, dass ihm das Projekt schon schlaflose Nächte bereitete: «Die Verantwortung, das Team und die uns anvertrauten Menschen gut ins Haus der Diakonie zu führen, ist gross.» Auch finanziell hat das Wachstum Konsequenzen. Sämtliche Mehrausgaben müssen durch neue Einnahmen refinanziert werden. Der Deckungsbeitrag der reformierten Kirche von 3,25 Millionen Franken im Jahr verändert sich nämlich nicht.
Den Menschen dienen
Zurück im Foyer zeigt Philipp Nussbaumer auf die neuen grossen Fenster, die für ihn die Durchlässigkeit des Gebäudes symbolisieren. «Das Potenzial des Hauses ist gross», ist er überzeugt. «Es soll der Gesellschaft und den Menschen dienen, die hier schon bald ein und aus gehen.» Und so im besten Sinne Kirche werden.
