Die Kirche mit dem zweitgrössten Zifferblatt in Europa

Baugeschichte

Der Startschuss zum Bau der Stadtkirche Burgdorf erfolgte vor 555 Jahren. Anlass für «reformiert.»-Redaktor Hans Herrmann, aus persönlichen Sicht über «seine» Kirche zu schreiben.

Kirchen pflegen, gemäss dem Sprichwort, «mitten im Dorf» zu stehen. Und, analog dazu, mitten in der Stadt. Auch meine Kirche, die reformierte Stadtkirche Burgdorf, befindet sich – einigermassen – mitten im Ort, wie ein Blick auf den Stadtplan zeigt.

Vor allem aber steht sie an sehr prominenter Stelle: Die markante Silhouette der Altstadt auf ihrem Hügelzug wird an der einen Seite flankiert von der mächtigen Zähringerburg, an der anderen Seite von der stattlichen spätgotischen Kirche, deren schlanke Turmspitze nadelgleich in den Himmel sticht und deren Turmuhr das zweitgrösste Zifferblatt in Europa aufweist.

Emotionen, Geschichten, Erinnerungen

Ich bin in Burgdorf geboren, aufgewachsen und mit meinen 62 Jahren noch immer hier wohnhaft. So schnell bringt mich da keiner weg. Nicht zuletzt wegen dieser besonderen, fast familiären Altstadt-Atmosphäre, zu der die Kirche Wesentliches beiträgt, mit ihrem zuverlässigen und beruhigenden Stundenschlag, ihrem feierlichen Sonn- und Festtagsgeläut und ganz einfach ihrer zugleich majestätischen wie freundlichen, fast mütterlichen Präsenz.

Mit der Stadtkirche, die im Jahr 1490 fertiggestellt wurde, verbinden sich Emotionen, Geschichten, Erinnerungen und Beobachtungen. Davon will ich hier ein paar wenige aus meiner persönlichen Sicht ausbreiten. Aus gegebenem Anlass: Im Dezember 1471, vor 555 Jahren also, erfolgte der Spatenstich zu diesem wichtigen Bauvorhaben. Das Jubiläum wird in Burgdorf heuer mit vielfältigen Aktivitäten begangen.

Vor der Stadtkirche musste es sein

Wann prägte sich mir «meine» Kirche besonders tief in meinem Gefühlsleben ein? Das war vermutlich in den Sommerferien des Jahres 1981, als ich – damals 18-jährig – beschloss, nun endlich einmal den Sonnenaufgang zu erleben. Auf einer Sitzbank vor der Stadtkirche musste es sein, das stand für mich fest, denn erstens bot sich von der Ostseite der Kirche ein freier Blick auf den Ort des Geschehens, und zweitens hoffte ich, dass die vom sandsteinernen Kirchengemäuer ausgehende spirituelle Aura dem Naturereignis zusätzliche Tiefe verleihen würde.

Zudem war die Kirche für mich bereits mit vielen Erinnerungen verbunden: Hier hatte mein Grossvater an Weihnachten bei einer Aufführung von Händels «Messias» mitgesungen, hier war ich konfirmiert worden, hier hatte ich Gottesdienste und Orgelkonzerte besucht.

Ein bleibendes Erlebnis

Meine Ortswahl für das Beobachten des Sonnenaufgangs erwies sich als genau richtig: Dieser magisch-mystische Vorgang an der Ostmauer der Kirche – das Auftauchen erster Lichtspuren am weit gegenüberliegenden Waldsaum, die mit jeder Minute wachsende goldene Aura, dann das Aufglühen eines Lichtpunkts, das Erscheinen der Sonne, ihr Aufquellen am Himmel zum feurigen und zunehmend wärmenden Ball – wurde für mich zum eindrücklichen Erlebnis, an das ich noch heute bewegt zurückdenke.

Auch die Kirche selbst war und ist für mich ein Ort des kontemplativen Rückzugs, gerne gerade auch ausserhalb eines Gottesdienstes. Möglich macht es der Umstand, dass die Burgdorfer Stadtkirche auch wochentags schon immer gastlich offen stand. Öffne ich das schwere, übermannshohe Holzportal und betrete ich durch die Eingangshalle das Innere der Kirche, finde ich mich in einem stillen Dämmer wieder, der mich freundlich, fast freundschaftlich umfängt, aber niemals vereinnahmend.

Es sind immer wieder diese Fenster, die mich zum Sinnieren und Kontemplieren, zum Aufbruch in innere Welten animieren.
Hans Herrmann, «reformiert.»-Redaktor aus Burgdorf

Ins Halbdunkel hinein leuchtet Sonnenlicht – gefiltert und kräftig gefärbt von den drei grossen Glasfenstern im Chor. Was für Fenster! Die eindrücklichen Glasmalereien sind ein Werk des Steffisburger Glasmalers Robert Schär (1894–1973) und erzählen in einem fast ekstatischen Farbenrausch die biblische Heilsgeschichte von Adam und Eva bis hin zur Auferstehung Jesu. Die alles dominierende Person in diesem monumentalen Bilderbogen ist gross und zentral der Gekreuzigte in jenem Moment, als er vom Irdischen ins Jenseitige übertritt.

An diesen drei Fenstern arbeitete der Künstler während sieben Jahren. Ich erinnere mich noch gut, wie uns unser Zeichenlehrer am Gymnasium vor rund 45 Jahren in die Finessen dieser Fenster einführte und uns insbesondere auf die künstlerische Entwicklung hinwies, die der Künstler im Lauf der Jahre dezent und doch sichtbar vollzogen hatte: weg vom Plakativen, hin zum Dichten, Verwobenen. «Das letzte der drei Fenster, jenes links, wirkt in seiner farbigen und motivischen Dichte schon fast wie ein kunstvoll geknüpfter Teppich», sagte der Lehrer. Diese Worte hallen in mir stets nach, wenn ich die Fenster betrachte und mich von ihnen zur inneren Einkehr einladen lasse.

Der Mann mit der Stirnglatze

Und jedes Mal wandert mein Blick nach unten zum Fenster rechts, wo die vier Evangelisten abgebildet sind. Meine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Evangelisten Lukas in seinem schwarzen Gewand. Er wirkt wie ein reiferer Herr aus den 1950er-Jahren mit Stirnglatze, Buchhalter-Haarkranz und dickem Brillensteg über den Augen – und wirkt nicht nur so, sondern ist es auch. Denn in dieser Gestalt hat sich Robert Schär selbst verewigt. Warum sah er sich gerade als Lukas? Das muss offenbleiben. Vielleicht berief sich Schär bei der Konzeption der Fenster vor allem auf die lukanische Theologie; Anzeichen dafür gibt es.

Es sind immer wieder diese Fenster, die mich zum Sinnieren und Kontemplieren, zum Aufbruch in innere Welten animieren. Aber auch so manches andere lasse ich gerne auf mich einwirken. Besonders spannend sind zum Beispiel die Kritzeleien in manchen Mauer- und Säulenpartien. Es sind zumeist Jahreszahlen und Initialen, mehr oder minder geschickt eingeritzt im Schriftstil der jeweiligen Epoche. Eine davon stammt zum Beispiel aus dem Jahr 1588 – aus der Zeit, als in England der grosse Dichter und Dramatiker William Shakespeare wirkte. Andere Ritzer (und wohl auch Ritzerinnen) waren Zeitgenossen von Bach, Mozart, Napoleon oder Gotthelf.

Was trieb sie zu ihrer heimlichen Tätigkeit an? Vermutlich Langeweile während des Gottesdienstes – der in alten Zeiten schon mal ein paar Stunden dauern konnte – oder innere Ödnis während der kirchlichen Unterweisung. Schön sind diese Zeugnisse der Selbstverewigung eher nicht, aber ich nehme sie als kleine Grüsse längst verstorbener Bewohnerinnen und Bewohner meiner Stadt gerne entgegen.

Ich mache mir immer wieder ein Vergnügen daraus, nach den geheimnisvollen Steinhauerzeichen im Gemäuer zu suchen.
Hans Herrmann, «reformiert.»-Redaktor aus Burgdorf

Schon fast ein historisches Schwergewicht hingegen ist eine Ritzung in der südlichen Seitenkapelle: Hier findet sich, eingegraben in gotischen Ziffern, die Jahreszahl 1478, aufgrund der etwas rohen Ausführung offensichtlich kein Werk eines Steinmetzes, sondern wohl eher eines Maurers, der aus einer spontanen Laune heraus für die Nachwelt sein Mitwirken am grossen Bau festhalten wollte.

Dass diese Zahl nicht von professioneller Hand stammt, zeigt sich im Vergleich mit den Steinhauerzeichen, die an verschiedenen Stellen der Sandsteinpfeiler angebracht sind. Ich mache mir immer wieder ein Vergnügen daraus, nach diesen geheimnisvoll anmutenden, hieroglyphischen Zeichen zu suchen: Sie sind, im Gegensatz zur Bauzahl in der Seitenkapelle, formbewusst, elegant und handwerklich perfekt eingrafiert. Die meisten von ihnen lassen sich noch heute den betreffenden Steinmetzen zuordnen.

Qualifizierte Profis waren auch beim Ratsherrengestühl am Werk, das die Burgdorfer anno 1644 in Auftrag gaben. Diese hölzernen Prunksitze, die für die Mitglieder des städtischen Rats angefertigt wurden, ausgiebig zu betrachten, bereitet mir immer wieder Genuss. Welch geschnitzte Sinnlichkeit sich an den Rückwänden und an den Armlehnen zeigt! Schwellende Weintrauben, florale Ornamente, gebogene nackte Leiber, üppige Brüste, lebenspralle Gesichter, manchmal entstellt ins Fratzenhafte… Ein barockes Panoptikum der Weltlust, erschaffen für eine reformierte Kirche zu einer Zeit, in welcher der Protestantismus alles andere als sinnenfroh auftrat.

Auftragnehmer war zwar ein einheimischer Tischmachermeister, aber er schien zu wissen, dass seine Meisterschaft Grenzen hatte, denn er stellte fünf Gesellen vermutlich aus dem Elsass an, die ihn in der Schnitzkunst bei Weitem übertrafen. Die vom Meister selbst verzierte viersitzige Bank jedenfalls wirkt gegenüber den üppigen Stücken seiner Angestellten deutlich zurückhaltender und statischer, fast blass.

Die Legende von der Orgel

Ein bisschen schmunzeln muss ich immer, wenn ich zur Nordseite des Hauptschiffs aufblicke. Dort oben ist eine türartige Öffnung ausgespart, die heute ins Leere führt. In vorreformatorischer Zeit führte sie jedoch zu einer dort oben angebrachten Schwalbennestorgel. Dieses Instrument kam im Zuge der Reformation, die im Gottesdienst zuerst keine Instrumentalmusik duldete, weg. Lange erzählte man sich in Burgdorf, dass die Orgel in der Walliser Festungskirche Valeria einen neuen Platz gefunden habe, wo sie die Jahrhunderte überdauerte und schliesslich als älteste noch spielbare Orgel Europas kunsthistorischen Ruhm erwarb. Heute weiss man, dass die Orgel in der Valeria nicht identisch ist mit der alten Burgdorfer Orgel – aber die Geschichte ist kennzeichnend für meine Heimatstadt: Sie weiss sich immer mal wieder mit einem hübschen Geschichtchen zu schmücken, das sie etwas grösser machen soll, als sie ist.

Ein gutes Stück Baugeschichte

Vor 555 Jahren schlossen Schultheiss und Rat der Berner Landstadt Burgdorf mit Steinhauern, Steinmetzen und Maurern einen Vertrag zum Bau einer neuen Stadtkirche als Ersatz für die zähringische Liebfrauenkirche, die um 1200 herum erbaut worden war. Als Projektleiter amtete der Berner Münsterbaumeister Niklaus Birenvogt, der das Gotteshaus im Stil einer spätgotischen Bettelordenskirche konzipierte. 1490 wurde der Chor gewölbt, was das Ende der Bauarbeiten markierte.

Im Zuge der Berner Reformation 1528 verschwanden Orgel, Sakramentshaus, Altäre, Bildwerke, Kirchenschatz und liturgische Bücher aus der Kirche. Erst 1702 kam wieder eine Orgel zum Einsatz. Damit nahm Burgdorf in der reformierten Republik Bern kirchenmusikalisch eine führende Rolle ein.

1865 wurde der Turm durch den grossen Stadtbrand in Mitleidenschaft gezogen, aber alles in allem konnte die Kirche vor den Flammen gerettet werden. Umfassende Turmrestaurierungen erfolgten 1938 und 1988. Auch mehrere Innenrenovationen fanden statt. Die Turmuhr hat das zweitgrösste Zifferblatt in Europa. (Das grösste befindet sich an St. Peter in Zürich.)

Der ehemalige kantonalbernische Denkmalpfleger Jürg Schweizer schreibt: «Die Burgdorfer Stadtkirche ist das sakrale Hauptmonument der Stadt und der grösste und wichtigste Bau, den die Burgdorfer je errichtet haben.» Sie sei das Hauptwerk im Schaffen des Berner Münsterbaumeisters Niklaus Birenvogt und, nebst der Stadtkirche Biel, das «wichtigste Zeugnis für die Ausstrahlung der Berner Bauhütte».

Zu Recht auftrumpfen darf sie aber mit dem Lettner in ihrer Kirche. Es handelt sich dabei um eine Art Prunkportal aus Sandstein, das einst den Chor vom Kirchenschiff abtrennte. Bei der Renovation 1867/68 wurde er ans andere Ende der Kirche versetzt, zum Eingangsbereich, wo er zum tragenden Element der Orgelempore wurde. «In seiner formalen Ausbildung gehört der Burgdorfer Lettner zu den aufwendigsten Beispielen im deutschen Bereich, in der Schweiz steht er mit Abstand an der Spitze, sieht man vom ersten Berner Münsterlettner ab», schreibt der Kunsthistoriker Jürg Schweizer in seinem Burgdorf-Band der Reihe «Die Kunstdenkmäler der Schweiz».

Grosses und Kleines

So kommen in der Burgdorfer Stadtkirche Grosses und Kleines, Bedeutsames und Marginales auf engem Raum zusammen, bauhistorisch und zeitgeschichtlich, aber auch menschlich. Wer hat hier im Lauf der Jahrhunderte nicht alles seine Sorgen und Nöte, seine Anliegen und Wünsche vor Gott gebracht, im Gebet und in stiller Andacht, aber auch gemeinschaftlich im Gottesdienst, in Krieg und Frieden, in Zeiten der Not und Zeiten des Wohlstands…

Unter den Kirchgängern befand sich in den 1830er-Jahren gelegentlich auch ein gewisser Johann August Sutter, der in Burgdorf ein Tuchwarengeschäft betrieb, nach einigen Jahren in Konkurs ging, fluchtartig nach Amerika auswanderte und schliesslich zum Gründervater des US-Bundesstaates Kalifornien wurde. Auch das ist eine jener Burgdorfer Geschichten – aber diese steht auf einem anderen Blatt.