Auf drei Rädern zu den Menschen hin

Innovation

Ein Piaggio Ape wird zum Symbol für Aufbruch. Die «Heiligi Bohne» schafft in der Kirchgemeinde Lenzburg Hendschiken Othmarsingen unkonventionell Raum für Gespräche.

Die reformierte Kirche bekommt in Othmarsingen, Lenzburg und Hendschicken eine zweite Klangspur. Zusätzlich zu den Kirchenglocken ist seit diesem April das fröhliche Knattern eines Piaggio Ape 5 zu hören. Der dreirädrige Transporter mit Italien-Charme ist das jüngste Projekt der Sozialdiakonin Karin Rätzer und der Vikarin Marie-Madeleine Minder, die ab August als Pfarrerin in der Kirchgemeinde wirken wird. 

Kirche mit 55 km/h 

Mit dem Gefährt, das «Heiligi Bohne» getauft wurde, verfolgen die Frauen verschiedene Ziele. Der Name ist Programm: Er klingt wie ein liebevolles Kosewort und schafft damit Nähe. Zudem steht die Bohne für ein Samenkorn, das keimt.  Solche Impulse wollen die beiden Frauen setzen, Hoffnung wecken, ohne missionarisch aufzutreten. 

Kirche beschränkt sich viel zu sehr auf den Sonntagmorgengottesdienst. Aber Glauben beginnt in Begegnungen und Gesprächen.
Marie-Madeleine Minder

Zum einen gehen respektive fahren sie zu den Menschen hin, statt auf sie zu warten. «Immer weniger Menschen suchen die Kirchenräume auf, das Gefühl von Zugehörigkeit schwindet», sagt Minder. «Deshalb müssen wir uns unbedingt die Frage stellen, wo Kirche stattfinden soll.» Für sie ist klar: «Kirche beschränkt sich viel zu sehr auf den Sonntagmorgengottesdienst. Aber Glauben beginnt in Begegnungen und Gesprächen.» Das Dreirad ist denn nicht nur an kirchlichen Anlässen unterwegs. Auf der Agenda stehen bereits das Lenzburger Jugendfest, ein Streetfoodfestival und ein Anlass für Jungsenioren im Müllerhaus Aarau. So hoffen die Initiantinnen, ein offenes, bewegliches und lebenslustiges Bild von Kirche zu vermitteln. 

Praktisch in der fusionierten Kirchgemeinde

Zum anderen dient die «Bohne», wie die Frauen sie nennen, als  praktisches Verkehrsmittel. Sie ermöglicht es der Vikarin und der Diakonin, auf sichtbare und nahbare  Art zwischen Othmarsingen, Lenzburg und Hendschiken unterwegs zu sein. Die drei Kirchgemeinden sind 2023 fusioniert. «Das Fahren müssen wir noch etwas üben», lacht Karin Rätzer. Als Coach zur Seite steht ihnen gerne Sigrist Erich Geissbühler. Der ehemalige Automechaniker ist natürlich für die Wartung des Piaggio verantwortlich. 

Vorbild Schottland

Wie kreativ Kirche sein kann, erlebte Vikarin Minder, die früher Pflegefachfrau war, auf einer Reise nach Schottland im Rahmen des Theologiestudiums. Dort gehe Kirche längst aktiv auf Menschen zu, sagt sie. Als sie später bei einem Besuch in der Kirchgemeinde Wädenswil einen Piaggio Ape sah, kam ihr die Idee des Kirchenmobils, für das auch die Sozialdiakonin sofort Feuer fing. Fast hätten sie den Gedanken allerdings wieder verworfen: Auf Ricardo entdeckte sie das perfekte Modell mit Aufbau – für 30 000 Franken.

Glücklicherweise hat unsere Kirchgemeinde einen Spendenfonds für eine lebendige Kirche.
Karin Rätzer, Sozialdiakonin

Doch dann ging alles unerwartet schnell. Voller Freude erzählt die Vikarin: «Wir überlegten zusammen mit der Kirchenpflege, wie wir das finanzieren könnten. Glücklicherweise hat unsere Kirchgemeinde einen Spendenfonds für eine lebendige Kirche.» Unterstützung bot auch der Innovationsfonds der Landeskirche. Von der Idee bis zum Tag, an dem die «Bohne» frisch lackiert aus der Werkstatt kam, vergingen gerade mal sechs Wochen. 

Immer mehr steigen ein

Und sie beflügelt nicht nur die Frauen und den Sigrist. Auch Freiwillige wollen sich damit für die Kirche engagieren – darunter eine Familie, die beschloss, am Muttertag einen Glacestand zu betreiben. Die Premiere feierte die «Heiligi Bohne» am Abschiedsgottesdienst von Pfarrerin Susanne Ziegler in Lenzburg am 26. April.