«Technologien waren immer auch Projektionsflächen für religiöse Erwartungen», sagt der Medienethiker Matthias Zehnder. Neu sei jedoch, dass KI nicht nur Werkzeuge bereitstelle, sondern dialogfähig erscheine. Sie antworte, erkläre, widerspreche – sie spreche mit uns. «Das verändert etwas», sagt Zehnder. Allerdings sage diese Entwicklung weniger über Gott oder Maschinen aus als über die Menschen selbst: über ihre Fragen, ihre Unsicherheiten, ihre Sehnsucht nach Antworten.
Denn in unserer Gesellschaft klafft inzwischen eine Leerstelle. Religion und Kirchen haben in der Gesellschaft an Bindungskraft verloren, ihre Sprache ist vielen fremd geworden. Manche füllen diese Lücke mit populärpsychologischen Ratgebern, andere wenden sich Algorithmen zu. Wo früher gebetet wurde, wird heute getippt.
Die Verheissung der Allwissenheit
Religionen leben von der Idee der transzendenten, göttlichen Allmacht: Gott sieht alles, weiss alles, ordnet alles. Moderne KI-Systeme kommen dieser Vorstellung erstaunlich nahe – zumindest auf den ersten Blick. Sie analysieren riesige Datenmengen, erkennen Muster, erstellen Prognosen. Für viele Nutzer wirkt das wie Allwissenheit.
Doch diese Wahrnehmung ist trügerisch. «KI ist ein Papagei, der plappert, ohne zu verstehen», sagt Zehnder. Sie wisse nichts, sie berechne Wahrscheinlichkeiten. Sie habe kein Bewusstsein, keine Intention, keine Verantwortung. Das Gefühl von Autorität entstehe allein durch die Form der Antworten: ruhig, souverän, ohne Zweifel. «Wir Menschen neigen dazu, Sicherheit mit Wahrheit zu verwechseln.»
Gerade darin liegt eine Parallele zur Religion – und zugleich ein entscheidender Unterschied. Während religiöse Traditionen ihre Grenzen oft offen benennen und Gottes Wege als unergründlich beschreiben, scheint für eine KI alles erklärbar, optimierbar, lösbar. Die Maschine kennt kein Geheimnis. Sie duldet keine Ambivalenz.