Wie haben Sies mit der Religion, Frau Wüstendörfer?
Ich bin reformiert, und für mich als Musikerin sind Religion und die geistliche Musik von grosser Bedeutung, aber auch sinfonische Werke. Sehr viel Musik wurde zudem für kirchliche Räume geschrieben, und viele Kirchenräume bieten eine tolle Akustik. Ich habe auch einen reformierten Chor aufgebaut und lange dirigiert, nämlich den Messias Chor Zürich.
Erleben Sie spirituelle Momente bei Ihrer Arbeit?
Damit Orchestermusik funktioniert, müssen ganz viele Menschen harmonisch zusammenspielen und sich wortlos verständigen. Manchmal gibt es Momente, in denen dies noch besser klappt als geplant. Da kann es durchaus zu Sternstunden kommen, die sich fast überirdisch anfühlen. Oder wenn das Publikum nach einem Stück einen Moment lang still ist, bevor der Applaus losgeht, ohne dass das abgemacht wäre. Solche Momente sind magisch.
Gibt es Musik, die Sie ganz besonders berührt?
Es kommt für mich mehr auf den Moment an als auf ein bestimmtes Werk. Zurzeit beschäftigt mich besonders Musik, die sich mit den Fragen «Wo gehöre ich hin?» und «Was gibt mir Halt?» befasst. Das sind urmenschliche Fragen, mit denen sich besonders die geistliche Musik beschäftigt, aber nicht nur: In meinem aktuellen Projekt «The Bash» mit Popmusiker Marc Sway geht es auch um Heimat.
Welchen Bezug haben Sie zur reformierten Musik?
Die Kantaten und Motetten von Johann Sebastian Bach sind grossartige Musik und nicht trennbar von den reformierten Grundinhalten. Ich werde es nie leid, diese Stücke zu hören. Mir gefällt auch die Nationalhymne gut. Besonders, wenn man sie – als Nummer 519 des Kirchengesangbuchs – in der Kirche hört. Denn da denkt man nochmals anders über ihren textlichen Inhalt nach.
